Öffentlich-rechtlicher Rundfunk „In ein paar Jahren wird es zu spät sein“ – Reformvorschläge für ARD und ZDF

Die AfD ist gern zu Gast bei der ARD, wie hier im Juli 2025 Alice Weidel beim „Sommerinterview“ mit Markus Preiß. Trotzdem gehört sie zu den schärfsten Kritikern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Foto: Imago/dts Nachrichtenagentur

Der Journalist Tilo Bernhardt macht Vorschläge für die dringende Reform der Öffentlich-Rechtlichen. Das Hauptproblem: allzu einseitige Berichterstattung und Vertrauensverlust.

Der Journalist Tilo Bernhardt plädiert mit seinem Buch „Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ für eine dringende Reform von ARD und ZDF. Im Interview analysiert er, warum die seiner Ansicht nach allzu einseitige Berichterstattung über Corona oder den Krieg in Gaza viele Menschen der AfD geradezu in die Arme getrieben hat.

 

Herr Bernhardt, Kritik an ARD und ZDF ist so alt wie die Sender selbst. Was ist heute anders?

Die politische Einflussnahme war früher vielleicht größer und unverblümter, weil die Politiker gern auch mal direkt beim Sender angerufen und sich beschwert haben. Allerdings gibt es heute eine deutlich größere Aufmerksamkeit für die journalistische Arbeit. Gerade bei der Berichterstattung über Corona, den Ukraine-Krieg oder Gaza/Israel lässt sich eine gewisse Einseitigkeit feststellen. Die ist aber nicht unbedingt das Ergebnis einer Einflussnahme „von oben“, sondern eher aus einem vorauseilenden Gehorsam entstanden.

Was bemängeln Sie konkret?

Bei der Corona-Berichterstattung zum Beispiel wurde kein Diskurs zugelassen. Menschen, die eine abweichende Haltung vertreten und einzelne Maßnahmen in Frage gestellt haben, sind konsequent verunglimpft worden. ARD und ZDF, aber auch viele Printmedien haben hier eine Lücke gelassen, und in diese Lücke ist die AfD gestoßen.

Die Mehrheit wünscht sich eine funktionierende Demokratie

Ihre Kritik gilt demnach allen Qualitätsmedien, also auch den Tageszeitungen?

Ja, aber ich möchte dennoch eine grundsätzliche Differenzierung zwischen Printorganen sowie ARD und ZDF vornehmen. Ob ich eine Zeitung kaufe, ist meine freie Entscheidung. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss ich jedoch zahlen, ob ich das Angebot nutze oder nicht. Er muss daher für alle da sein. Deshalb haben die Sender auch die Verantwortung, nicht nur zu skandalisieren, sondern hintergründig zu berichten und die ganze Breite eines Diskurses zu bestimmten Themen abzubilden.

Seit Jahren gibt es immer wieder neue Vorschläge für eine Reformierung des öffentlich-rechtlichen Systems. Warum tut sich so wenig?

Ein von der Rundfunkkommission der Länder eingesetzter Zukunftsrat ist zu dem Ergebnis gekommen: Die Sender seien reformwillig, aber nicht reformfähig. Die acht Mitglieder dieses Rats hatten ein ernsthaftes Interesse daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Funktion, die er in einer Demokratie unbestritten hat, wirklich wahrnimmt. Dieses Interesse teilen sehr, sehr viele Menschen. Die weitaus überwiegende Mehrheit wünscht sich eine funktionierende Demokratie, und dazu gehören unabdingbar auch ARD und ZDF. Aber wenn es nicht gelingt, das System schnellstmöglich zu reformieren, strukturell wie auch inhaltlich, dann haben wir ein dauerhaftes Problem.

Der Buchautor und Journalist Tilo Bernhardt Foto: Imago/dts Nachrichtenagentur

Ist das Kernproblem nicht der demografische Wandel? Junge Leute nutzen ARD und ZDF doch gar nicht mehr.

Das ist in der Tat eine große Gefahr. Wenn das Stammpublikum irgendwann ausstirbt und niemand nachrückt, bekommt das System natürlich ein erhebliches Legitimationsproblem. Andererseits gab es diese Diskussion bereits, als ich vor zwanzig Jahren Berufsanfänger war. Ich denke ohnehin, dass die Überalterung des Publikums nur eine weitere Gefahr ist. Das zentrale Problem ist der generelle Vertrauensverlust: Die Menschen wenden sich in Scharen ab, viele wird man auch nicht mehr zurückgewinnen; oder es wird zumindest sehr, sehr lange dauern, um das Vertrauen wiederherzustellen.

Das gilt vor allem für den Osten. Ist der Zug dort nicht längst abgefahren?

Es wird jedenfalls mit jedem Jahr schwieriger. Die Zahlen sind in der Tat alarmierend, erst recht, wenn man sich anschaut, wie die Wähler von AfD und BSW über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk denken. Wer Bündnis 90/Die Grünen wählt, hat großes Vertrauen in die Berichterstattung, bei AfD- und BSW-Wählern ist es sehr gering.

Viele Wähler gerade der AfD bewegen sich in Informationsblasen und nehmen eine Berichterstattung, die von ihrer Meinung abweicht, gar nicht mehr wahr. Sind die nicht ohnehin verloren?

Diesen Eindruck könnte man haben, aber ich halte es dennoch für möglich, in die Blasen hineinzugehen und sich aktiv auf einen Diskurs einzulassen; auch wenn man dafür ein dickes Fell braucht. Wichtiger ist meiner Ansicht nach jedoch der indirekte Weg. Ich erwarte von politischem Journalismus grundsätzlich, dass das Regierungshandeln kritisch hinterfragt wird, ganz egal, wer gerade an der Macht ist. Ich habe bei meiner Arbeit als Journalist häufiger gehört: „Das können wir nicht machen, das spielt nur der AfD in die Karten.“ Das halte ich für ein ganz schlechtes Argument.

Sie fordern unter anderem eine völlig neue Zusammensetzung der bislang politisch dominierten Aufsichtsgremien, etwa in Gestalt eines Bürgerrats. Ist das nicht illusorisch?

Ja, in der Tat: Warum sollten die Parteien freiwillig darauf verzichten? Dass sie so viel Einfluss auf die Sender haben, ist jedoch ein echtes Demokratieproblem. Sie werden die ganze Problematik dieses Konstrukts erst erkennen, wenn die AfD mal irgendwo mit einer Mehrheit regiert und die Schwächen des Systems zu ihren Gunsten ausnutzt. Sie wird in den Sendern Personen installieren, die ihr genehm sind, und vermutlich auch die Gelder radikal kürzen. Es ist daher umso wichtiger, dass die anderen Parteien erkennen: Um die Demokratie sattelfest zu machen, müssen sie ihren eigenen Einfluss reduzieren, und zwar jetzt, denn in ein paar Jahren wird es vermutlich zu spät sein.

Sieben Vorschläge von Tilo Bernhardt

Person
Tilo Bernhardt (Jahrgang 1977), Journalist und Systemischer Berater, ist ab 2006 beim öffentlich-rechtlichen Infosender Phoenix ausgebildet worden und war dort drei Jahre Redakteur. Anschließend war er beim ZDF unter anderem Mitglied der „heute“-Redaktion. 2013 wechselte er als Redakteur und Autor für verschiedene Formate zum SWR, zum Beispiel für „Zur Sache Rheinland-Pfalz“. Bernhardt engagiert sich politisch für die Partei BSW.

Buch
Am 27. März erscheint sein Buch „Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ (Schüren-Verlag, Marburg. 226 Seiten, 20 Euro). Bernhardts Punkte lauten: 1. Bessere Aufsichtsgremien in den Sendern; mehr Bürgernähe, weniger Politik. 2. Mehr Transparenz und klare Regeln für Redakteure, was deren persönliche politischen Präferenzen angeht. 3. Fokus der Programme liegt auf Inhalt, nicht auf Quote. 4. Neutrale Berichterstattung mit vielen Fakten und fairer Berücksichtigung aller Positionen. 5. Sender müssen mehr ausprobieren – und auch wieder verwerfen dürfen. 6. Mehr konstruktiver Journalismus. 7. Redaktionen und Sender müssen unabhängiger agieren können.

Weitere Themen