Öffentlich-rechtliches Kulturprogramm SWR 2 ändert sein Programm
Die SWR-Kulturwelle ändert vom Herbst an ihr Angebot. Doch anders als bei anderen ARD-Sendern geht es nicht um einen Kahlschlag. Das Ziel heißt vielmehr: Audiothek und Streaming.
Die SWR-Kulturwelle ändert vom Herbst an ihr Angebot. Doch anders als bei anderen ARD-Sendern geht es nicht um einen Kahlschlag. Das Ziel heißt vielmehr: Audiothek und Streaming.
Stuttgart - Bei SWR 2 steht im Herbst eine Programmreform ins Haus. Und seit öffentlich ruchbar wurde, dass in Stuttgart, Mainz und Baden-Baden über Neuerungen im öffentlich-rechtlichen Radio-Kulturprogramm verhandelt wird, befürchten viele Stammhörer Schlimmes. Dies umso mehr, da die „strategischen Ziele“ der Änderungen offenbar „von oben“, nämlich nach Impuls des Intendanten Kai Gniffke von der Senderleitung vorgegeben waren und die SWR-2-Fachredaktionen nur noch aufgefordert waren, praktische Vorschläge für deren Umsetzung zu unterbreiten.
Bei anderen ARD-Sendern haben in jüngerer Zeit Programmreformen bei den Kulturwellen höchst umstrittene Ergebnisse hervorgebracht. Beim RBB Kulturradio, bei WDR 3 und bei HR 2 soll einerseits viel gespart und andererseits das Tagesprogramm für ein größeres Publikum attraktiver und „besser durchhörbar“ werden. NDR Kultur unterscheidet sich schon seit Jahren nur noch partiell vom Privatsender Klassik Radio. Bei MDR Kultur und bei Bremen 2 dominieren derweil großflächige Magazinprogramme mit viel Songwriter- und Lounge-Klängen und nur noch kurzen, gern auch wiederholten Wortbeiträgen.
Die Öffentlich-Rechtlichen stecken bei ihren Kulturwellen in der Zwickmühle. Einerseits fordert ihr Verfassungsauftrag klar auch im Radio ein anspruchsvolles und vielschichtiges Kulturangebot aus Musik und Wort. Andererseits braucht man just dafür personalstarke, also teure Fachredaktionen, die in der Summe aber nur ein begrenztes Publikum erreichen. Laut jüngster Media-Analyse hören 366 000 Menschen täglich die Kulturwelle SWR 2 – das ungleich preiswertere SWR 3 erreicht fast zehnmal so viele. Wer hier scharf rechnet, und dazu sind die ARD-Sender zusehends gezwungen, wird schnell den Rotstift zücken. Die Devise lautet dann zumeist: „Macht es billiger! Oder macht es populärer! Aber am besten macht ihr beides.“
Erste Gerüchte über die anstehenden Veränderungen beim SWR schienen diese Strategie auch für den Südwesten zu bestätigen. So sickerte bereits durch, dass die traditionelle Stunde mit Geistlicher Musik am Samstag zwischen 19 und 20 Uhr gestrichen werden soll, um fortan um diese Zeit ein Kriminalhörspiel zu senden. Da droht offenbar schlimmstes Banausenwerk – prompt organisierten die Kirchen im Südwesten eine Protestaktion, um den Hörern auch in Zukunft zum Wochenende Madrigale und Motetten zu garantieren statt Mord und Totschlag.
Doch inzwischen haben Anke Mai, die SWR-Programmdirektorin Kultur, Wissen und junge Formate, sowie Wolfgang Gushurst, der Wellenchef, über die Einzelheiten der neuen Programmstruktur informiert – und zur Beruhigung aller langjährigen Kulturprogramm-Hörer ist festzuhalten: Ob „SWR 2 Wissen“, „Musikstunde“, „Forum“, „Impuls“, „Tandem“, „Bestenliste“, „Matinee“ oder „Fortsetzung folgt“ – die traditionsreichen und hochwertigen Programmmarken, die anderswo mit Sicherheit zur Disposition gestanden hätten, bleiben erhalten und am gewohnten Sendeplatz.
„Bei unserer Programmreform geht es nicht um Einsparungen“, betont der Wellenchef Gushurst. „Die finanziellen und personellen Ressourcen bleiben in den jeweiligen Fachredaktionen.“ Allerdings gehe es darum, durch neue Schwerpunkte hochwertige Programme dorthin zu verlagern, wo sie bessere Chancen hätten auf mehr Zuhörer. „Und durch neue digitale Angebote“, so die Programmdirektorin Mai, „wollen wir ganz neue Zuhörer erreichen; jüngere Zuhörer vor allem.“
Dieser Ausbau des digitalen SWR-Kulturangebots ist der Schlüssel, um die Ziele des aktuellen Umbaus zu verstehen. Denn wer nur das neue lineare Programmschema betrachtet, das ab 18. September gelten soll, wird eher mühsam nach klarem Sinn und Zweck forschen. SWR 2 wird künftig die letzten zwei Stunden vor Mitternacht unter der Woche Wiederholungen aus dem Tagesprogramm senden; „das ist linear unsere Zeit mit den wenigsten Hörern“. Die Programme, die bisher um diese Zeit zu hören waren – neue Musik und Jazz, vor allem aber anspruchsvolle Essays, Features, Hörspiele – werden nun etwas willkürlich auf andere Sendeplätze und Tageszeiten verlegt. Just so landet eben der wöchentliche Krimi auf jener 19-Uhr-Samstagsstunde, wo bisher Geistliche Musik erklang.
Ob das Kriminalhörspiel samstags um sieben mehr Hörer findet als freitags um zehn, muss sich bald weisen. Aber jedenfalls wird es nicht gestrichen. Denn was der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht, um im stark wachsenden Wettbewerb der Podcasts und der Audiostreamings mithalten zu können, sind gerade anspruchsvolle Wortinhalte: Hörspiele, Features, Lesungen, Kritikertipps. All das, was noch vor wenigen Jahren als zu teuer, zu aufwendig auf der Sparliste der Senderchefs stand, bekommt so unverhofft neue Wertigkeit. „Und das ergänzen wir“, so Anke Mai, „mit neuen, speziellen Kultur-Digitalangeboten, die im linearen Programm vielleicht gar nicht mehr auftauchen.“ So wird die Kulturwelle prompt wieder etwas, was ihr Chef Wolfgang Gushurst – er gibt es zu – vor noch gar nicht langer Zeit radiotechnisch für völlig überholt hielt: „Das ist die Rückkehr des Einschaltradios.“
Nimmt der SWR das wirklich ernst, wären es für ein Radio-Kulturprogramm tatsächlich neue Perspektiven. Vermutlich wird es im Herbst im Südwesten unter SWR-2-Hörern trotzdem erst mal all das geben, was es bei Programmreformen immer gibt: viel Ärger über dieses und jenes, was nicht mehr zur bisher gewohnten Uhrzeit läuft. Dafür könnte sich auf den Digitalplattformen und in den Audiotheken des Senders schrittweise ein Angebot entwickeln, das weit über alles bisher Gebotene hinausreicht. So wie das Fernsehen soll auch das Radio immer weniger linear und immer stärker digital auftreten. Ob die SWR-2-Stammhörerschaft bereit ist, diesen Schritt mitzumachen, wird der Sender ab 18. September erleben.