Früher Mittwochmorgen: Es ist kurz vor sieben und nasskalt. Kinder und Jugendliche warten an der Bushaltestelle beim Supermarkt Netto in Hildrizhausen auf den Bus, der sie nach Holzgerlingen zur Schule bringen soll. Als der erste Bus stoppt, sinkt jedoch die Hoffnung, noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn anzukommen. Der Bus ist so proppevoll, dass es gerade mal drei Kinder noch schaffen, sich in das Fahrzeug zu quetschen. Der Rest bleibt stehen und wartet auf den zweiten Bus, der einige Minuten später fährt. Doch der – auch bis zum Rand mit Schülern gefüllt – hält erst gar nicht an, sondern fährt direkt weiter.
Der nächste Bus kommt erst rund eine halbe Stunde später – ein Problem für die übrig gebliebenen Schüler: Pünktlich zur ersten Stunde schaffen sie es auf keinen Fall. Auch Schüler, die nach Böblingen in die Schule müssen und ab Holzgerlingen die Schönbuchbahn nehmen, stehen an diesem Morgen verlassen im Regen.
Eltern stehen oftmals auf Standby um ihre Kinder zur Schule zu fahren
Kai Speidel ist der Vater zweier Kinder, die seit Anfang des Schuljahres öfters an der Hausemer Haltestelle am Netto vergebens auf einen Schulbus warten. Normalerweise verlässt er schon früher das Haus, doch seit Ende der Ferien wartet er, bis er eine Nachricht von seinen Kindern per Whatsapp erhält, ob sie in den Bus gepasst haben. „In drei von fünf Fällen bleiben sie stehen“, sagt er. Dann steigt er ins Auto, fährt zur Bushaltestelle, gabelt neben seinen eigenen Kindern noch weitere auf, bis alle Sitze belegt sind und fährt zur Schule. „Irgendwann muss auf die überfüllten Busse doch einmal eine Reaktion folgen“, ärgert sich Kai Speidel.
Zahlreiche Eltern beschweren sich über unzuverlässigen Nahverkehr
Bei Wolfgang Weyand, dem Elternbeiratsvorsitzenden der Otto-Rommel-Realschule in Holzgerlingen und Gesamtelternbeirat der Holzgerlinger Schulen, laufen sämtliche Klagen von Eltern über die überfüllten Busse zusammen. Zahlreiche Eltern berichten, dass sie immer wieder ihre Kinder zur Schule fahren müssen, weil sie nicht in den Bus gekommen sind oder der Bus erst gar nicht angehalten hat. Auch der 13-jährige Sohn von Tanja Schlootz besucht die Otto-Rommel-Realschule. „Vor allem wenn Nachmittagschule ist, muss ich mich darauf verlassen können, dass er nach Hause kommt“, erzählt sie. Doch erst vor einigen Tagen stand er vergeblich an einer Haltestelle in Holzgerlingen. Zwei Busse tauchten wohl erst gar nicht auf, weshalb er nach einer guten halben Stunde Wartezeit dann seine Mutter kontaktierte, die ihn abholte. Als Wolfgang Weyand diese Beschwerde an das Landratsamt weiterleitet, verweist die Behörde darauf, dass der Bus laut Aussagen des Busunternehmens gefahren sei. Wer nun recht hat, bleibt ungewiss.
Berechnungen des Landratsamts zufolge müssten die Busse ausreichen
„Der ÖPNV wird genutzt und wir sind auch froh darüber“, sagt Wolfgang Weyand. So würden Elterntaxis vermieden, die im Grunde ja keiner will. Doch die Busse seien schon lange an der Kapazitätsgrenze. Vom Landratsamt, das für den Einsatz der Busse zuständig ist, kommt laut Wolfgang Weyand nur wenig Verständnis für die Situation. Nach den Berechnungen, die die Behörde den Elternbeiräten vorlegt, müssten die eingesetzten Busse ausreichen. Auch Jan Stäbler, Hauptamtsleiter bei der Stadt Holzgerlingen, weiß um die Situation. Die Stadt versuche zwischen den Eltern und dem Landratsamt als Vermittler zu wirken, denn die Entscheidung liege letztlich bei der Behörde, nicht bei der Stadt.
Während Corona wurden mehr Busse eingesetzt
Im Alltag zeigt sich jedoch ein anderes Bild, als es die Rechnungen des Landratsamts suggerieren: Schüler quetschen sich mit letzter Kraft in überfüllte Busse und der Rest bleibt an der Bushaltestelle zurück. Die Erfahrung, dass es auch anders geht, haben die Schüler von Januar bis Ostern gemacht: Wegen Corona flossen laut Wolfgang Weyand zusätzliche finanzielle Mittel, weshalb ein weiterer Bus eingesetzt werden konnte. Doch mittlerweile wurde die Zahl der Busse wieder reduziert.
Mit dem kalten Wetter füllen sich auch die Busse
Mit dem Wetterumschwung direkt zum Schulbeginn im September habe das Busproblem nach Wolfgang Weyand dieses Jahr eingesetzt. „Viele Schüler steigen im Herbst vom Rad auf den Bus um“, sagt er. In die normalen Linienbusse würden morgens auch nicht nur Schüler und Schülerinnen einsteigen, sondern Pendler und Gelegenheitsfahrer. Wie viele Schüler immer wieder zurückgelassen werden müssen, weiß niemand so ganz genau. Doch Wolfgang Weyand ist sich sicher: „Wir bekommen nur die Spitze des Eisberges mit.“
Die Busse in Böblingen sind zu Schulbeginn ebenfalls überlastet
Auch in anderen Orten im Landkreis Böblingen haben Schüler immer wieder Probleme, mit dem Bus pünktlich zur Schule zu kommen. Anja Sklarski, Gesamtelternbeirätin der Böblinger Schulen, berichtet ebenfalls von massiven Problemen beim öffentlichen Nahverkehr seit einer Fahrplanumstellung im vergangenen Jahr. Aus Richtung Ehningen ans Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium zu kommen, sei besonders schwierig, weiß sie: „Einige Eltern in Ehningen haben es schon aufgegeben, ihre Kinder mit dem Bus zu schicken.“ Die Stadt Böblingen habe bereits versucht zu vermitteln, doch diese Bemühungen blieben ohne Erfolg. Es gebe nicht genügend Busfahrer, um mehr Fahrzeuge zu Stoßzeiten einzusetzen, sei ein Argument des zuständigen Busunternehmens gewesen. „Die Probleme sind schon mehrfach angemahnt worden, aber uns wird kommuniziert, dass man da nichts machen kann“, sagt sie ernüchtert.
Immer wieder würden in der Diskussion auch Vorschläge aufkommen, dass die Schüler einfach einen Bus früher nehmen sollen, doch Anja Sklarski sagt: „Es kann nicht sein, dass Schüler schon eine Stunde vor Unterrichtsbeginn an der Schule ankommen.“ Zu diesem Zeitpunkt sei das Gebäude noch nicht einmal aufgeschlossen und die Kinder müssten draußen in der Kälte ausharren.
Sind Eltern berufstätig sind oder haben kein Auto haben, hält auch der Notnagel Elterntaxi nicht
Manche Kinder können wohl zurück nach Hause laufen und aufs Fahrrad steigen, wenn der Bus nicht fährt. Doch Wolfgang Weyand erinnert daran, dass nicht alle Kinder körperlich dazu in der Lage sind, sich einfach aufs Rad zu schwingen. Andere können ihre Eltern verständigen, die sie dann mit dem Auto zur Schule kutschieren. Doch Kinder, deren Eltern arbeiten oder kein Auto besitzen, bleiben übrig und fallen dann buchstäblich durch. So sind auch im Landkreis Böblingen Fälle bekannt, wonach immer wieder Flüchtlingskinder von einem unzuverlässigen Nahverkehr besonders betroffen sind.
Kommentar von Melissa Schaich: Volle Busse schrecken ab
Um mehr Menschen dazu zu bewegen, statt dem Auto den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, muss der ÖPNV auch ein echter, realistischer Ersatz für den Individualverkehr sein. Das ist er momentan noch nicht.
Schon die Jüngsten in unserer Gesellschaft wachsen mit einem bestimmten Bild vom öffentlichen Nahverkehr auf: Unpünktlich, unzuverlässig und unbequem. Wer sich als Kind wiederholt in einen Bus drängen, ständig einen Plan B im Hinterkopf und Angst haben muss, nicht rechtzeitig zur Prüfung zu kommen, der wird wahrscheinlich auch im Erwachsenenalter kein überzeugter Bahn- oder Busfahrer. So wird eine Verkehrswende nicht gelingen. Wenn Autofahren angenehmer, pünktlicher und stressfreier ist, werden nur wenige auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Von der Politik müssen deshalb die richtigen Signale kommen und vor allem auch Mittel fließen, sodass vor Ort ein Nahverkehrsnetz aufgebaut werden kann, das ein Auto ersetzt und nicht nur ein Auffangbecken für die ist, die (noch) kein eigenes Fahrzeug besitzen.