Öko-Projekt in Freudental Überlebenshilfe für Wildkatzen

Am Westrand von Freudental treffen sich am Samstag freiwillige Helfer und pflanzen Bäume, Büsche und Sträucher. Foto: Simon Granville 10 Bilder
Am Westrand von Freudental treffen sich am Samstag freiwillige Helfer und pflanzen Bäume, Büsche und Sträucher. Foto: Simon Granville

Der BUND und die Gemeinde Freudental erweitern den baden-württembergischen Wildkatzenkorridor und pflanzen 125 Meter für den Artenschutz. Für einen Lückenschluss im Kreis Ludwigsburg müssten noch weitere elf Kommunen mitmachen.

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Freudental - Sie hat einen massigen, kräftigen Körper, ihren Rücken ziert ein dunkler Fellstreifen längs der Wirbelsäule, der Schwanz ist eher kurz und buschig. Nur wenige Menschen wissen, wie eine Wildkatze überhaupt aussieht, denn die Felis silvestris silvestris, wie der wissenschaftliche Name des Tieres lautet, ist extrem scheu. Sie meidet jeden Kontakt mit Menschen und Siedlungen. Ihre Scheu hat den Wildkatzen aber nichts genutzt. Die Tiere wurden erbittert gejagt, seit dem späten 19. Jahrhundert galten sie in Baden-Württemberg als ausgerottet. Der Grund war der Irrglaube, Wildkatzen gingen auch auf Rehkitze und Hirschkälber los. Dabei sind sie wie ihre zahmen Genossen vor allem auf Mäuse aus, ab und an auch auf Vögel oder Fische.

Freiwillige Helfer treffen sich mit Spaten und Schaufel bewaffnet

Inzwischen sind wieder einige dieser Einzelgänger auf leisen Pfoten heimisch im Ländle und seit 2012 engagiert sich der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) für diese Katzen. Deutschlandweit soll mittelfristig ein Waldverbund von 20 000 Kilometern Länge geschaffen werden.

Der Gruppe, die sich am frühen Samstagnachmittag am Westrand von Freudental getroffen hat, liegt das Tier ebenfalls sehr am Herzen. Mit Spaten und Schaufeln ausgerüstet warten sie auf Bauer Frank Hofmann, der auf seinem Anhänger gleich 48 Bäume, Büsche und Sträucher bringen wird. Aus den Gehölzen wird ein rund 125 Meter langer und fünf Meter breiter Trittstein am Rande des Ackers von Hofmann errichtet.

Die Landwirte müssen mitspielen

Durch die Pflanzung wird der sogenannte Wildkatzenkorridor zwischen dem Naturraum Stromberg-Heuchelberg und dem Schwäbisch-Fränkischen Wald um ein wichtiges Verbindungsstück erweitert. „Wildkatzen können nur dann dauerhaft überleben, wenn sich die Tierpopulationen untereinander austauschen und die Tiere in andere Lebensräume ausweichen können“, sagt Sylvia Pilarsky-Grosch, Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, die mit ihrem Team anpackt. Der neu geschaffene Wildkatzenkorridor bietet den Tieren später Verstecke und Schutz. Das trägt dazu bei, den Rückgang der Artenvielfalt zu verlangsamen.

Frank Hofmann hat sein Grundstück für die Aktion zur Verfügung gestellt und übernimmt auch die Kosten für die Pflanzen. Er gibt genaue Anweisungen, wie man Schlehen, Haselnuss und Liguster auch richtig einsetzt. Zuerst müssen die Wurzeln um ein Drittel gekürzt und die Setzlinge dann eingewässert werden. „Ich möchte mich bei Bauer Hofmann bedanken. Es ist für Gemeinden nicht einfach, entsprechende Grundstücke für den Wildkatzenkorridor bepflanzen zu können, wenn der Bauer das nicht will“, sagt Freudentals Bürgermeister Alexander Fleig, der vom ehrenamtlichen Arbeitskreis „Energie und Nachhaltigkeit“ und dem Straßenbauamt des Landkreises Ludwigsburg beim Buddeln unterstützt wird. Mit dabei ist auch Christian Sußner, Umwelt-Dezernent im Landkreis Ludwigsburg, der den Schirmherrn Landrat Dietmar Allgaier vertritt. Bei der Pflanzung handelt es sich um eine Ausgleichsmaßnahme für eine Erdauffüllung eines Weinberges.

Wildkatzen können Baldrian nicht widerstehen

Der Naturpark Stromberg ist schon seit vielen Jahren als Wildkatzen-Standort bekannt. Doch wie lässt sich die Population überhaupt nachweisen? Dafür kann man eine Schwäche der Tiere ausnutzen, denn sie lieben Baldrian. Und überall, wo sie vermutet werden, hat der BUND Lockstäbe in den Boden gerammt, die mit Baldrian präpariert sind. Wildkatzen können Baldrian nicht widerstehen, er zieht sie magisch an. Sowie sie auf einen solchen Lockstock stoßen, reiben sie sich an ihm. Dabei lassen sie Haare, Hautpartikel und anderes genetisches Material zurück, dass man einsammeln und auswerten lassen. „Wir warten noch auf die Auswertung der aktuellen Zahlen“, sagt Andrea Lehning, Wildkatzen-Expertin beim BUND Baden-Württemberg.

Bietigheim ist jetzt auch mit im Boot

Um den Menschen die Wildkatze näher zu bringen, veranstaltet ein Arbeitskreis immer wieder Ausstellungen zur Wildkatze. „Damit der Lückenschluss zwischen den Naturparken gelingt, müssen noch elf weitere Kommunen im Landkreis Ludwigsburg ins Boot geholt werden“, erklärt Sylvia Pilarsky-Grosch. Neben Freudental konnte der BUND bereits Bietigheim als kooperierende Gemeinde gewinnen.

Wie ein Flickenteppich aus Wäldern vernetzt werden soll

Einsatz
Mit seinem Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ errichtet der BUND seit 2007 bundesweit mit vielen Ehrenamtlichen grüne Korridore aus Sträuchern und Bäumen zwischen den Wäldern. Seit 2012 wird es durch das Projekt „WildkatzenSPRUNG – Wiedervernetzung der Wälder Deutschlands“ ergänzt. Dieses größte Einzelprojekt in der Geschichte des BUND wird vom Bundesumweltministerium im Rahmen des Bundesprogramms „Biologische Vielfalt“ gefördert.

Startschuss
Im Juni 2016 wurde der erste BUND-Wildkatzenkorridor in Baden-Württemberg zwischen Herrenberg und Nufringen eingeweiht. Deutschlandweit soll so ein Waldverbund von 20 000 Kilometern Länge geschaffen werden.

Lebensräume
Von den „Grünen Korridoren“ profitieren neben der Wildkatze auch viele andere Tiere. Sie bieten beispielsweise Lebensräume für Luchs, Haselmaus und Baummarder.




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