Zum Preis von 3,5 Millionen Euro wird derzeit auf Immobilienportalen das Gebäude an der Geißstraße 16 in der Stuttgarter City angeboten. Dabei handelt es sich um eine Adresse, die Stadtgeschichte geschrieben hat. An der Fassade steht zwar „Erstes Kulmbacher“, doch im Erdgeschoss befindet sich seit 62 Jahren das Café Weiß, das für eine lange Zeit als „Schutzraum für die Schwulenszene“ galt, und in dem sich über all die Jahre viel Prominenz aus der Kultur getroffen hat. Das Lokal war schon immer der Gegenentwurf zum Zeitgeist. An diesem Ort sind Mythen entstanden.
Bernhard Weiß, Besitzer in der dritten Generation des Hauses, muss sich von dem Lebenswerk seines Vaters und Großvaters aus „gesundheitlichen Gründen“ verabschieden, wie er unserer Zeitung gesagt hat. Gleichzeitig versicherte der Inhaber: Das Gebäude werde er nur an jemanden verkaufen, der oder die bereit sei, das Café Weiß in seiner bisherigen Form mit dem bisherigen Betriebsleiter zu übernehmen und fortzuführen.
„Stadtbildprägende Ankerpunkte“ sollen erhalten bleiben
Im Stuttgarter Gemeinderat ist dennoch die Sorge groß, dass nach dem Verkauf die bewegende Geschichte einer Gastro-Institution enden könnte. In einem gemeinsamen Gemeinderatsantrag fordern nun die Stadträte von der Puls Fraktionsgemeinschaft, SPD, Grüne, SÖS, Piraten und Tierschutzpartei, das Liegenschaftsamt der Stadt sollte in Verhandlungen mit dem Eigentümer Bernhard Weiß treten mit dem Ziel, das Gebäude zu erwerben. Dem Erhalt der historischen Bausubstanz beim Hans-im-Glück-Brunnen und der Gestaltung „stadtbildprägender Ankerpunkten“ werde in den Sanierungszielen besonderen Wert zurückgeschrieben, heißt es in dem Antrag.
In den zwölf Zimmern oberhalb der Lokalität, so der Vorschlag der öko-sozialen Mehrheit, könne man Wohnmöglichkeiten für Angestellte und Auszubildende der Stadt anbieten. Das Gebäude könne man zum „Element gegen den Fachkräftemangel“ machen. Sollten die Kaufverhandlungen nicht zum Ziel führen, fordern die Fraktionen in dem gemeinsamen Antrag, solle das Liegenschaftsamt prüfen, ob man das Vorkaufsrecht für dieses Objekt nutzen könne.
FDP-Stadtrat Eric Neumann spricht sich ganz klar gegen den Kauf des Gebäudes und warnt vor einer „Zweckentfremdung von Steuergeldern“. Der Erhalt des Cafés Weiß sei keine öffentliche Aufgabe, sondern eine Privatsache, findet er. Da der Inhaber nur an jemanden verkaufen werde, der das alte Konzept des Lokals übernehmen werde, sei die Forderung nach einem Eingreifen der Stadt daher nicht nur „überflüssig, sondern übergriffig“. Erschwerend komme hinzu, dass die Stadt schon jetzt bei der Instandhaltung von Schulen und anderer öffentlichen Einrichtungen kaum hinterherkomme. Da könne sie sich nicht den „Rucksack aufsetzen“, aus einer Kneipe ein „schlechtorganisiertes Museum“ zu machen.
CDU-Fraktionschef Kotz wartet Prüfung der Bausubstanz ab
Kein klares Nein zum Kauf des Hauses kommt von der CDU. Der Fraktionsvorsitzende Alexander Kotz setzt sich dafür ein, dass die Stadt in aller Ruhe prüft, wie das Gebäude im Inneren aussieht und ob es von der Substanz her überhaupt 3,5 Millionen Euro wert ist. Prinzipiell sei es nicht schlecht, wenn die Stadt Häuser in der Nähe des Rathauses erwerben könne. Aber erst nach der Bewertung durch das Liegenschaftsamt will die CDU entscheiden, ob sie für oder gegen den Kauf stimmt.
Mittlerweile haben sich mehrere Kaufinteressenten gemeldet. Nach Informationen unserer Zeitung will ein Immobilienmakler das Gebäude erwerben und das Café Weiß, in dem er einst selbst Stammgast war, im bisherigen Stil weiterführen. Das Vorkaufsrecht könne die Stadt nur dann geltend machen, sagt er, wenn ein Kaufvertrag abgeschlossen ist. Die Gefahr sei, dass durch die öffentliche Debatte über den Verkauf der Preis nach oben getrieben werde und die Stadt dann zu einer höheren Summe das Haus kaufen müsse, als es eigentlich wert sei.