Die Menschen müssen mitziehen: Jens Südekum, Berater der Bundesregierung, in Leonberg. Foto: Simon Granville
Beim Unternehmensempfang der Stadt Leonberg beurteilt Jens Südekum das Sondervermögen des Bundes und sagt, was sonst geschehen müsse, damit Deutschland wieder nach oben kommt.
Dass der Ökonomie-Professor und der Oberbürgermeister in ein und dem selben Ort nahe Goslar im Harz aufgewachsen sind, hat nichts damit zu tun, dass der Berater des Bundesfinanzminister Lars Klingbeil der Hauptredner des Unternehmensempfangs der Stadt Leonberg ist. Erst kurz vor dem offiziellen Programm stellten Jens Südekum, der in Düsseldorf lehrt, und sein Gastgeber Martin Georg Cohn die gemeinsame Vergangenheit fest.
Vielmehr war der habilitierte Volkswirt dem Leonberger Wirtschaftsförderer Benjamin Schweizer durch einige profilierte Auftritte in Talkshows aufgefallen: ein Klartext-Sprecher. Also genau der Richtige für jenen Abend, an dem sich die Stadt alljährlich im November bei den eigenen Firmeninhabern und Geschäftsführern für deren Engagement bedanken möchte.
„Viele unserer Unternehmen bereiten keine Sorgen“
Eine Einladung, die gerne angenommen wird. Mehr als 160 Menschen, die in hiesigen Unternehmen Verantwortung tragen, haben am Montagabend den Auftritt des Experten in Diensten der Bundesregierung dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußballer vorgezogen. Sie brauchten ihre Entscheidung nicht zu bereuen.
Zunächst einmal wegen des Lobs des scheidenden Oberbürgermeisters. Trotz der schlechten Stimmung in der Wirtschaft: „Wir haben viele Unternehmen – Handwerksbetriebe, Start-ups, Mittelständler und globale Player –, die maßgeblich dazu beitragen, dass Leonberg eine hervorragende Wirtschaftskraft hat und uns keine Sorgen bereitet.“ Bei seinem letzten Auftritt vor dem geballten Unternehmertum hebt Cohn namentlich den Wirtschaftsförderer Schweizer und die Citymanagerin Nadja Reichert hervor, die „gemeinsam mit den anderen Kolleginnen und Kollegen der Stadt für die besten Rahmenbedingungen arbeiten.“
Volkswirt Jens Südekum, OB Martin Georg Cohn und Wirtschaftsförderer Benjamin Schweizer (v.li.). Foto: Simon Granville
Um dann zum Hauptredner überzuleiten. Der hätte dem Finanzminister auf dessen Antrittsbesuch in China folgen können, hält aber den zuvor zugesagten Termin in Leonberg ein. In den Ausführungen von Jens Südekum spielt China freilich eine große Rolle. Sei doch das Reich der Mitte neben den USA einer der beiden „großen Gorillas“ in der Welt- und Handelspolitik. „2002 war China verrückt nach deutschen Autos und Maschinen. Jetzt aber greift die Führung Deutschland in der Wirtschaft diametral an.“
Als Beispiel nennt der 50-Jährige die dortige Automobilindustrie: „Von den 50 Millionen Autos produziert China die Hälfte für den eigenen Markt, die andere Hälfte geht bewusst ins Ausland.“ Für Wehklagen, die Entwicklung sei nicht absehbar gewesen, hat Südekum kein Verständnis: „Die Chinesen haben ihre Absichten nicht versteckt, sie stehen alle im Fünf-Jahres-Plan.“
Und was bedeutet das für Deutschland? Der Klingbeil-Vertraute macht keinen Hehl daraus, dass das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen besser Sonderschulden genannt werden sollte. Würde es sinnvoll eingesetzt, wäre es gleichwohl eine Chance. Dafür aber bräuchte es nicht nur Geld, um wirklich Prozesse zu beschleunigen, sondern Menschen. Eine Chance sei auch, dass Fachleute von nicht mehr profitablen Unternehmen problemlos in andere wechseln könnten.
„Das Sondervermögen besteht aus Schulden“
Eine These, die im Publikum angezweifelt wird: „Bosch-Leute mit all ihren Vergünstigungen kommen doch nicht zu uns mit ungleich härteren Arbeitsbedingungen und weniger Geld“, meint etwa Susanne Kogel, die Chefin eines Leonberger Haustechnikbetriebs. Regina Brückner, die ein international operierendes Unternehmen für Textiltechnik leitet, bekräftigte Süderkums These, dass das Sondervermögen aus Schulden bestehe. Ein Lösungsansatz der Leonberger Unternehmerin: „Wir müssen alle mehr arbeiten.“ Der Experte aus Düsseldorf widerspricht nicht.