In ein paar Jahren könnte Baden-Württemberg wie ein Nadelkissen mit Windkraftanlagen gespickt sein. Die Planer stehen schon bereit.  

Stuttgart - Es sind die Niederlagen, auf die Frank Hummel zeigt - die verlorenen Kämpfe gegen Bürger und Behörden, gegen Fledermausschützer und Tiefflieger. "Dort am Brockenloch, Sehen Sie, da wollte ich drei Anlagen aufstellen." Der Ingenieur sitzt in der Gondel einer Windmühle, Aiolos, 50 Meter hoch, nur etwas für Schwindelfreie. Eine Böe bläst ihm ins gebräunte Gesicht. Hummel hat die Abdeckung aufgestemmt, den weiß getupften Wolkenhimmel über der Alb bei Melchingen freigelegt. Es schaukelt sacht, ein Wiegen, das ihm so ist vertraut wie der eigene Puls.

 

Für den Aufstieg in der Betonröhre hat sich der 49-Jährige einen feuerroten Overall übergezogen, er trägt statt Sonnenbrille jetzt Kletterhelm und -gurt. Hummel lässt die Hand über Kuppen und Täler wandern, stoppt im Südwesten. "Dann habe ich's am Heufeld bei Ringingen versucht." Ein Roter Milan schwingt sich über die Wiesen, in der Ferne zieht ein Schlepper seine Bahnen. "16 zu 15 im Gemeinderat - abgelehnt, nachdem eine Bürgerinitiative alles in Bewegung gesetzt hatte, um die Räder zu verhindern."

Weniger Windkraft geht kaum. In Baden-Württemberg ist der Klimaschutz ausgebremst worden. Von den deutschlandweit rund 22.000 Anlagen stehen knapp 400 im Ländle, der Südwesten ist bei der kostengünstigsten Erneuerbaren Energie abgehängt, rangiert sogar hinter Bayern. Entsprechend niedrig ist der Stromanteil, der mit Windkraft erzeugt wird: Er liegt bei 0,7 Prozent, im Bund sind es sieben Prozent. "Es wurde Verhinderungspolitik betrieben", ärgert sich Hummel, "viele Standorte blieben ungenutzt." Das untersagen die Regionalpläne, die festlegen, wo gebaut werden darf. Eine politische Landkarte, gezeichnet von Atomlobbyisten, vermeintlichen Naturschützern und jenen, die für grüne Technologien sind, aber nicht vor der Haustür.

Baden-Württemberg hinkt hinterher

Der Wind im Südwesten könnte bald drehen, die Landschaft sich drastisch verändern. Weiße Türme werden so manchen Horizont prägen, Hunderte von neuen Rädern könnten die Hügel spicken. Die Hochflächen der Alb, die Höhenzüge des Schwarzwaldes - lauter Nadelkissen. Der grüne Demnächst-Ministerpräsident Wilfried Kretschmann hat es angekündigt: Baden-Württemberg soll zum "Musterländle der Erneuerbaren" werden. Seit Fukushima scheint vieles machbar, was vorher undenkbar war. Die Kanzlerin treibt den Atomausstieg voran, die Schwaben entdecken die Kraft des Windes. In zehn Jahren soll er zehn Prozent des Stromes erzeugen - da gilt es keine Zeit zu verlieren.

Die Branche stünde bereit, sagt Walter Witzel, Landesvorsitzender des Bundesverbandes Windenergie. Die Technik sei verfügbar, auch das Kapital. "Jetzt muss nur Grün-Rot die Bremsen lockern." Der im März vorgelegte Windatlas des Landes biete die Grundlage für alle Planungen. Die Projektentwickler klopften schon bei den Bauern an, um Vorverträge für Grundstücke abzuschließen, weiß Witzel. Sie wollen Rechte auf windreiche Standorte sichern. Und sie können rechnen. Bei Renditen von bis zu neun Prozent sei es kein Problem, Investoren zu finden, sagt Witzel. Private Anleger gebe es zuhauf - und noch mehr seit der japanischen Atomkatastrophe.

Der Windkraftpionier Frank Hummel kann den Boom kaum abwarten: "Ich wäre sofort dabei." Mitte der 90er Jahre, als viele noch dachten, dass Windräder großes Unheil über das Land bringen, hat er drei 600-Kilowatt-Räder auf einmal errichtet: Eos, Aiolos und Helios auf dem Melchinger Himmelberg. Längst hat der umtriebige Schwabe die Filetstückchen auf der Landkarte markiert. Er kennt die Windverhältnisse in seiner Heimat dank jahrelanger Messungen bestens, weiß genau, wo sich Anlagen lohnen. "Es braucht dringend neue Regionalpläne", fordert Hummel. Unsinnige planungsrechtliche Hürden, allzu strikte Abstands- und Höhenbegrenzungen müssten beseitigt werden. Ohne eine politische Abkürzung könne aber frühestens in zwei, vermutlich eher in vier Jahren gebaut werden. Zu spät, um die grünen Versprechen einzuhalten.

"Die Stromkonzerne müssen mitziehen"

Die Politik des Stillstands hat Hummel ins Ausland gedrängt. Mit seiner Firma Sowitec und den 150 Mitarbeitern dominiert er den Markt in Lateinamerika. Der Geschäftsführer entwickelt Windparks in der Atacama-Wüste von Chile, wo Kupferminen Strom benötigen. Er hat Investoren gefunden für gigantische Anlagen auf Hochplateaus in Brasilien, für Großprojekte in Mexiko. "Wir planen 400 Projekte mit einer Leistung von 50.000 Megawatt, das doppelte dessen, was in Deutschland produziert wird", sagt Hummel. Auch in Russland lässt er Messmasten aufstellen. Dabei brächte er lieber der Region Neckar-Alb ökologischen Aufwind. "Die Stromkonzerne müssen aber mitziehen", sagt Hummel und macht sich an den Abstieg von Aiolos. Durch den Getriebekranz voller Schmieröl, hinein in die Röhre, 150 Alustufen Richtung Ausgang. Unten wartet ein Cabriolet, im Handschuhfach liegt der Schlüssel für den Tennisplatz des SSV Wilmadingen. Hummel hat Grün gewählt, ist aber deshalb noch lange keiner, der nicht Gas gibt auf den Landstraßen der Alb.

Es geht zurück ins Büro, wo sich der Ingenieur zurzeit vor Anfragen nicht retten kann. Vorbei an einem Rapsbauern, der sein Feld unter den Windmühlen bestellt. Der Landwirt lenkt einen Stoll Robust F 15 über den Acker, aus dem er für einen Schwatz bereitwillig aussteigt. "Ich bin kein Befürworter", stellt der 56-Jährige klar und erzählt von den Leidgeprüften im Neubaugebiet. Jene, die sich hätten abfinden müssen mit dem Geräusch der Zukunft, dem Rotorenrauschen, das im Tal den akustischen Teppiche bilde. "Aber ich kann damit leben", schiebt er .

Auf die Frage, welche Energie er bevorzuge, kommt der Melchinger ins Grübeln. Er schaut hilfesuchend auf die Schollen, blickt hinauf zu den weißen Giganten. Die Antwort fällt ihm nicht leicht: "Lieber Wind als Atom", wägt er ab und sieht sich in der Energiefalle. Der Franzose hätte am Rhein die AKWs bereits aufgestellt, da könne man sich die Folgen ausmalen. Dann will der Dreher, der nur im Nebenerwerb den Sommerraps ausbringt, nicht mehr über die Atomfrage diskutieren und schon gar nicht seinen Namen preisgeben. Ihn treibt anderes um. Ob er dieses Jahr wieder gegen den Rapsglanzkäfer spritzen muss oder nicht. Er würde gerne die Finger davon lassen. So ähnlich geht es ihm auch mit der Kernkraft - ein notwendiges Übel, das gebraucht wird, bis es Besseres gibt.

Eine Welt ohne Atomstrom

Eine Welt ganz ohne Atomstrom - davon träumt Peter Griebl. "Rund um den Globus gibt es 442 Kernkraftwerke, da können sie drauf warten, dass wieder etwas passiert." Der Schwarzwälder mit dem gemütlichen Bauch ist in die Fundamentalopposition gegangen, sein Hobby sind Windräder. Zu denen führt er jeden, der sich dafür interessiert. Schulklassen, Wandervereine, Politiker und Journalisten. Die Räder sind zu hören, bevor sie im Nebel zu sehen sind: ein Quietschen wie ein alter Fensterladen, ein Rattern, als ob ein Bastler ein paar Schrauben vergessen hätte. "Das ist Museum", lacht Griebl, "irgendwann werden die unter Denkmalschutz gestellt und ich darf sie nicht mehr abreißen."

Das Trio, erste Generation Windkraft, steht auf dem höchsten Gipfel des Nordschwarzwaldes, der Hornisgrinde. Dort wo die Fichten in Deckung gehen und die Zitronengirlitzen ihre Flugkünste unter Beweis stellen müssen, trotzen sie dem Wetter. Das ist an diesem Apriltag ziemlich garstig. Die Nebelschleier reißen selten auf, Schneeflocken so groß wie Cornflakes wirbeln über den Kamm. Griebl ist froh um seine Lederjacke. In 25 Meter Höhe drehen die Rotorblätter auf Höchstleistung, der Sturm zerrt an ihnen, dass alles nur so wackelt. "Eine Brise wie an der Küste, das gibt Strom", freut sich Griebl, den Kopf eingezogen, die Hände in den Taschen.

Dennoch würde der Windbauer die Technik-Oldies am liebsten verschrotten. Aus Alt mach Neu, aus 110-Kilowatt-Anlagen könnten zwei 800-Kilowatt-Räder werden. "Die Getriebelosen sind viel leiser", schreit er gegen das Tosen an, "sie sind 60 Meter hoch und leistungsstärker." Repowern heißt das in der Fachsprache, an Orten wie der Hornisgrinde macht Aufrüsten Sinn. Nur Griebl darf nicht. Keine weiteren Anlagen, kein Austausch - so will es das Regierungspräsidium Freiburg, so hat es das Wirtschaftsministerium entschieden.

So schnell gibt er nicht klein bei

Die Gründe kann er nicht verstehen. "Hier oben ist sowieso alles zugebaut mit Sendeturm, Messmasten, Aussichtsplattform", sagt der 64-Jährige, der besseres zu tun hätte, als im Ruhestand den Aktivisten zu geben und sein Erspartes in ungewollte Projekte zu stecken. Der frühere Weinimporteur und Ex-Landesvorstand des Bundesverbandes für Windenergie könnte seine Zeit im Ferienhaus auf Menorca verbringen, könnte noch mehr Vorträge für seinen Tschernobyl-Hilfsverein halten oder sich um weitere Investitionen in Photovoltaikanlagen kümmern.

Nein, Peter Griebl will repowern, weil es ökologisch das Richtige ist. "Ich mache doch nichts Böses", sagt er. Genau das könnte er aber glauben, weil er ständig gebremst wird. Vom Regionalplan, von Tierfreunden, die um den Auerhahn besorgt sind, vom Sachbearbeiter auf dem Landratsamt, der ihm erklärt, das er keinen weiteren Antrag stellen bräuchte. Sein letzter vor einigen Jahren wurde ja auch abgelehnt. Und von der Bundesnetzagentur, die auf der Hornisgrinde einen Sendemasten betreibt. "Die haben mir geschrieben, dass in 750 Meter Umkreis nichts gebaut werden darf", ärgert sich Griebl.

So schnell gibt der Schwarzwälder nicht klein bei. "Das ist der perfekte Energieberg", schwärmt er. Sieben, acht Räder brächten Strom für 50.000 Menschen. Nur kurz reißt der graue Vorhang auf, die Sonne blinzelt durch den Nebel, am Horizont zeigen sich die Vogesen. Peter Griebl hat schon härteste CDU-Attacken ausgehalten. In Sachen Windkraft ist er Optimist: "Ich stelle wieder einen Antrag."