Ökumenischer Chor in Stuttgart Hier hat keiner das falsche Gesangbuch

Gelebtes konfessionelles Miteinander: der Ökumenische Chor Foto: privat

Der Ökumenische Chor der Christus- und St. Konradkirche feiert sein 50-jähriges Bestehen und setzt bis heute ein Zeichen der Einheit der Gläubigen. Die Konfession der Sängerinnen und Sänger spielt keine Rolle.

In diesem Kirchenchor hat niemand das falsche Gesangbuch. Gemeint ist damit nicht das Notenblatt, sondern die Taufurkunde. Denn die Distanzierung, die Christen beider Konfessionen hierzulande gern mit diesem feinsinnigen Bild ausdrücken, ist hier seit 50 Jahren aufgehoben.

 

Aber es war keine Selbstverständlichkeit und erforderte einigen Mut, als Hans Friz, der Gemeindepfarrer der Christuskirche, die Kirchenmusikerin Sabine Ostmann und Pater Otfried Reuter, der Gemeindepfarrer der katholischen Kirche St. Konrad, einen gemeinsamen Chor anstrebten und auch verwirklichten: Den Ökumenischen Chor der Christus- und St. Konradkirche, der am Sonntag, 22. Oktober, mit einem ökumenischen Festgottesdienst um 10 Uhr in St. Konrad sein 50-jähriges Bestehen feiert und Werke von Mozart und Bach aufführt.

Nur 13 Tage von der Chorgründung zur ersten Chorprobe

„Zwischen der Christusgemeinde und der Gemeinde St. Konrad hatte es vorher keine Kontakte gegeben. Und auch die Pfarrer der Gemeinden begegneten sich nur bei Weihnachtsfeiern in Altenheimen“, erinnert sich Hartmut Dieter, der Chorleiter der ersten Stunde bis zum Jahr 2011. Doch dann habe sich Sabine Ostmann ein Herz gefasst, den ihr gänzlich unbekannten Pater Otfried Reuter angerufen, und der sei sofort aufgeschlossen gewesen. Am 7. September 1973 wurde der Ökumenische Chor im Gemeindesaal von St. Konrad gegründet, 13 Tage danach traf man sich zur ersten Probe unter der Leitung von Hartmut Dieter, der dieses Amt bis 2011 innehatte.

Der Chor hat derzeit 60 feste Mitglieder. Weitere Sängerinnen und Sänger sind, wie betont wird, jederzeit willkommen. Die ursprüngliche Aufgabe, ausschließlich in den Gottesdiensten zu singen, hat sich schon nach den ersten vier Jahren zu einem großen und anspruchsvollen Konzertprogramm erweitert. Aufgeführt wurden unter anderem die „Johannespassion“ von Bach, die „Missa St. Nicolai“ und die „Schöpfung“ von Haydn, der „Messias“ von Händel und zuletzt das „Stabat Mater“ von Dvorak, das im März 2020 zwei Wochen vor der Aufführung wegen Corona abgesagt werden musste, aber im Herbst 2022 dann doch in der Christuskirche erklang. „Bei diesen Jahreskonzerten stehen bis zu 100 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne“, so Florian Löthe, als Nachfolger von Hartmut Dieter seit zwölf Jahren der Chorleiter. Der ganze Reichtum der evangelischen wie der katholischen Kirchenmusik entfalte sich in diesem Chor: „Es ist wunderbar, die Kantaten von Bach und die Messen von Mozart in der jeweils zugehörigen – der evangelischen und der katholischen – Liturgie musizieren zu dürfen.“

Lieder der Ausgrenzung sind Geschichte

Für den katholischen Stadtdekan Christian Hermes ist der Ökumenische Chor bis heute ein „Zeichen eines befreienden Aufbruchs, auch aus konfessionalistischer Enge.“ Gerade angesichts „des Eindrucks der Stagnation der Ökumene auf der höheren Ebene der Kirchenleitung“ seien alle Zeichen der Einheit der Getauften so wichtig. „Auch hier“, schreibt Stadtdekan Hermes in seinem Grußwort, „braucht es ein neues Lied, das die alten Lieder der Abgrenzung hinter sich lässt.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Christuskirche