Ömer Beyaz vom VfB Stuttgart Wie ein 17-Jähriger alle überrascht

Ömer Beyaz im Zweikampf gegen Jannik Müller vom SV Darmstadt 98. Foto: Baumann

Neuzugang Ömer Beyaz aus der Türkei fasst beim VfB schneller Fuß als erwartet. Was Atakan Karazor damit zu tun hat – und warum sich Beyaz gegen zwei Topclubs aus der Bundesliga und für den VfB entschied.

Kitzbühel - Die moderne Fußballwissenschaft hat viele neue Begriffe hervorgebracht, darunter auch den des polyvalenten Spielers. Gemeint sind damit vielseitig verwendbare Kicker, die es freilich auch schon früher gab, nur hießen sie damals schlicht Allzweckwaffe. Eine solche gibt es auch beim VfB Stuttgart, der sich derzeit in den Kitzbüheler Alpen auf die neue Bundesliga-Saison vorbereitet. Ihr Name ist Atakan Karazor.

 

Beyaz jetzt schon eine der Überraschungen der Vorbereitung

Der 24-Jährige kann in der Innenverteidigung ebenso spielen wie im defensiven Mittelfeld, gefürchtet ist seine Kopfballstärke auch im Sturm; im Testspiel neulich gegen den FC St. Gallen (3:0) führte er die VfB-Elf zudem als Kapitän aufs Feld. Seit Beginn der Vorbereitung hat er eine weitere Rolle übernommen, die ihm noch leichter von der Hand geht als alle anderen: Atakan Karazor, im Ruhrgebiet aufgewachsener Sohn türkischer Eltern mit hoher Sozialkompetenz, ist dafür zuständig, einem der Neuzugänge den Einstieg in eine neue (Fußball-)Welt so einfach wie möglich zu gestalten.

Ömer Beyaz ist erst 17 Jahre alt und im Sommer aus seiner türkischen Heimat, von Fenerbahce Istanbul, zum VfB gekommen. Behutsam soll das Toptalent aufgebaut und schrittweise ans Bundesliga-Niveau herangeführt werden – doch zählt er schon jetzt zu den großen positiven Überraschungen dieser Vorbereitung. Was auch, aber nicht nur damit zusammenhängt, dass ihm als Dolmetscher, Mentor und eine Art großer Bruder Atakan Karazor zur Seite steht, der hilft, wo er nur helfen kann. Das ist seltener nötig, als man annehmen könnte.

Auch Bayern und Dortmund sollen interessiert gewesen sein

Schwer beeindruckt sind sie beim VfB, wie sich der Teenager vom ersten Tag an eingefügt hat und wie selbstverständlich er sich nun auch im Trainingslager im Kreise seiner neuen Mannschaft bewegt, im Teamhotel in Kitzbühel ebenso wie auf dem Trainingsplatz in St. Johann. „Ich sehe ihn deutlich weiter, als ich es erwartet hatte“, sagt Sportdirektor Sven Mislinat, der neben dem australischen Sturmtalent Alou Kuol (20) auch Ömer Beyaz davon überzeugen konnte, dass der VfB der am besten geeignete Verein ist, um die ersten Schritte im internationalen Profifußball zu machen.

Wenn es stimmt, was überall geschrieben steht, gehörte der 1,71 Meter große Edeltechniker aus Istanbul in seinem Jahrgang zu den begehrtesten Spielern in ganz Europa, auch der FC Bayern und Borussia Dortmund sollen an ihm interessiert gewesen sein. Was keineswegs allein daran liegt, dass Ömer Beyaz ablösefrei zu haben war.

Mislintat: „Faszinierend, wie gut er über uns informiert war.“

Spektakulär war der Aufstieg des Jünglings, den sie in der Heimat bereits als „türkischen Messi“ betrachten und der bei Fenerbahce mit 16 sein Süper-Lig-Debüt gab. Am letzten Spieltag der Saison 2019/20 durfte er 13 Minuten lang die Spielführerbinde tragen, als jüngster Kapitän der Fener-Geschichte. In der darauf folgenden Spielzeit blieb er trotzdem außen vor und wurde von seinem Heimatverein schließlich sogar suspendiert, nachdem er den angebotenen Fünfjahresvertrag ausgeschlagen hatte.

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Wohlüberlegt entschied sich Ömer Beyaz gegen die Offerten vieler anderer Vereine und für den VfB – so jedenfalls berichtet es Sven Mislintat: „Faszinierend“ sei es gewesen, „wie gut er über uns und unseren Weg informiert war“. Dass in Stuttgart Toptalente aus aller Welt konsequent gefördert werden, dass sie frühzeitig die Möglichkeit bekommen, in der Bundesliga zu spielen und Erfahrungen zu sammeln, dass der VfB als ideales Sprungbrett zu einem größeren Club dienen kann – all das sei Beyaz nicht neu gewesen. Im vergangenen Januar unterschrieb der U-21-Nationalspieler beim VfB einen Vertrag bis 2025 – und machte sich anschließend daran, Deutsch zu lernen. „Es ist für ihn ein großer Sprung, auf den er sich bestmöglich vorbereitet hat“, sagt Mislintat.

Als Zehner und auf den Halbpositionen einsetzbar

In den bisherigen Testspielen hat Ömer Beyaz bereits angedeutet, dass er in der neuen Saison deutlich mehr werden könnte als nur ein Versprechen für die Zukunft. Seine Tempodribblings, seine Aggressivität gegen den Ball, seine Unbekümmertheit, sein Mut und sein Wille, jeden Tag dazuzulernen, lassen es durchaus möglich erscheinen, dass ihm bereits die Gegenwart gehört. „Er kann etwas ins Spiel bringen, was andere nicht haben“, sagt Sven Mislintat: „Wenn er eine richtige Waffe wird und das auch in der Bundesliga auf den Platz bringt, dann kann er auch zu Einsätzen kommen.“

Von entscheidendem Vorteil könnte es dabei sein, dass der Linksfuß in der Offensive variabel einsetzbar ist, als Zehner ebenso wie auf den Halbpositionen. Früher hätte man demnach gesagt, Ömer Beyaz sei so etwas wie eine Allzweckwaffe. Nicht die einzige beim VfB Stuttgart.

Türkische Profis beim VfB Stuttgart

Historie
Ömer Beyaz ist der siebte Fußballprofi aus der Türkei, der beim VfB Stuttgart unter Vertrag steht. Den Anfang machte Ilyas Tüfekci (1981), es folgten Yildiry Bastürk (2007 bis 2010), Tunay Torun (2012 bis 2014), Sercan Sararer (2013 bis 2015), Berkay Özcan (2016 bis 2019) und Ozan Kabak (2019), der in der vergangenen Saison für den FC Liverpool spielte.

Legionäre
Im aktuellen Kader des VfB bilden Spieler aus Frankreich die größte Legionärsfraktion: Naouirou Ahamada, Tanguy Coulibaly und Momo Cissé stammen aus den Nachwuchsleistungszentren der Weltmeisternation von 2018.

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