Der Kreis Esslingen ist mit diesem ÖPNV-Angebot Vorreiter in der Region Stuttgart: Schon in vier Gebieten fahren Kleinbusse auf Abruf und ohne festen Fahrplan.

Einen festen Fahrplan gibt es ebenso wenig wie fixe Haltestellen. Der Bus kommt auf Bestellung zu einem vereinbarten Punkt. On-Demand-Verkehr nennt sich dieses Angebot, das den klassischen Linienbusverkehr ergänzt. Es kommt bei den Kunden im Landkreis Esslingen gut an, zieht Jan Neidhardt eine Zwischenbilanz. In vier Gebieten sind die Kleinbusse bereits im Einsatz. „Damit ist der Landkreis Esslingen Vorreiter im Verbund“, betont der Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbundes Stuttgart (VVS).

 

Das „Flex-Mobil“ in Wernau diente als Blaupause: Im Juli 2022 startete der VVS ein Pilotprojekt, um den „Nahverkehr der Zukunft“ in der Praxis zu testen. Ein Kleinbus, der per App oder telefonisch spontan oder einige Tage im Voraus bestellt werden kann, befördert seither täglich ab 20 Uhr bis tief in die Nacht hinein die Fahrgäste, wenn die regulären öffentlichen Verkehrsmittel nicht fahren. Der Shuttledienst zum VVS-Tarif ermöglicht das Ein- und Aussteigen an bestehenden Bushaltestellen und an zahlreichen virtuellen Stopps im Wernauer Stadtgebiet – unabhängig von festen Linienwegen und Abfahrtszeiten.

Inzwischen wurde das Konzept auf die Verbundlandkreise in der Region Stuttgart übertragen und nennt sich VVS-Rider. Das Prinzip ist das Gleiche: Der Kleinbus auf Abruf sammelt die Fahrgäste an einem von ihnen ausgewählten Punkt ein und bringt sie ans gewünschte Ziel. Zehn VVS-Rider sind aktuell unterwegs – davon allein drei im Landkreis Esslingen, der auch hier wieder Pionierarbeit leistet: Der erste flexible Kleinbus im gesamten Verbundgebiet ging am 23. Mai 2023 in den Stadtteilen Leinfelden und Echterdingen an den Start. Er fährt montags bis freitags zwischen 5.30 und 19.30 Uhr sowie samstags zwischen 7.30 und 19.30 Uhr.

Neidhardt spricht von einer Erfolgsgeschichte: Ein Jahr nach der Inbetriebnahme konnte bereits der 10 000. Fahrgast begrüßt werden. Bis Ende Juli dieses Jahres bilanzierte der VVS schon rund 17 000 Fahrten. Der Statistik zufolge werden pro Monat konstant zwischen 500 und 600 Fahrten gebucht, mit 900 Fahrten ist im August 2024 ein absoluter Spitzenwert erzielt worden.

Im Durchschnitt, so Neidhardt, wurden pro Fahrt 1,6 Fahrgäste befördert. Klingt nach wenig, doch mit dieser Fahrzeugauslastung ist er durchaus zufrieden: „Das ist ein guter Wert, wenn man bedenkt, dass hier einige Menschen zufällig zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung fahren wollen“, fügt er erklärend hinzu. Immerhin stünden in Leinfelden und Echterdingen rund 800 mögliche Haltepunkte zur Auswahl. Die Bündelung von Fahrtwünschen funktioniert seiner Ansicht nach gut.

Jan Neidhardt ist seit März dieses Jahres Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbundes Stuttgart (VVS). Foto: Lichtgut

Seit Beginn dieses Jahres ist ein VVS-Rider auch in der Region zwischen Kirchheim und dem Albtrauf unterwegs. Den Fahrgästen in Holzmaden, Weilheim, Neidlingen, Lenningen, Bissingen, Beuren und Erkenbrechtsweiler steht der Kleinbus auf Bestellung täglich von 20.30 bis 2.30 Uhr zur Verfügung, am Wochenende fährt er sogar bis 6 Uhr morgens. Das Rider-Netz besteht aus rund 1500 virtuellen Haltepunkten. „Für diesen dünn besiedelten Raum ist das eine ordentliche Qualität“, findet der VVS-Chef.

Neidhardt weiß: „Gerade abseits der größeren Städte ist es in den Abendstunden und nachts oft schwierig, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu kommen.“ Deshalb überrascht ihn die Nachfrage in diesem ländlichen Kreisgebiet nicht: In den ersten sieben Monaten wurden ingesamt rund 2500 Fahrten gebucht, der Durchschnittswert liegt bei 1,5 Fahrgästen pro Fahrt – mit Luft nach oben. Die Entwicklung dürfte auch das Land Baden-Württemberg erfreuen, das diesen On-Demand-Verkehr über fünf Jahre hinweg mit insgesamt 1,4 Millionen Euro fördert.

Der jüngste VVS-Rider im Verbundgebiet ist in Wendlingen und Oberboihingen im Einsatz. Er ging am 1. Juli an den Start – und allein im ersten Monat wurden laut Neidhardt mehr als 400 Fahrten durchgeführt. „Wir gehen davon aus, dass wir das noch steigern können.“ Den Fahrgästen steht das flexible Angebot von Montag bis Samstag zwischen 20 und 2 Uhr zur Verfügung, sonntags fährt der Kleinbus von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Das Rider-Netz besteht hier aus rund 1200 möglichen Haltepunkten.

„Der VVS-Rider macht Mobilität unkompliziert und flexibel – genau das wünschen sich viele Menschen“, ist Neidhardt überzeugt. Das Angebot eröffne neue Möglichkeiten für späte Heimfahrten oder spontane Ausflüge und ermögliche mehr Bewegungsfreiheit im Alltag. „Die vielen Nutzer zeigen, dass der Bedarf groß ist und wir mit dem Angebot den Nerv der Zeit treffen.“

Busverkehr im Kreis Esslingen

Vergabe
Der Busverkehr im Landkreisgebiet wurde in zwölf sogenannte Linienbündel aufgeteilt. Welche Verkehrsunternehmen dort zum Zuge kommen, entscheidet sich in einem Ausschreibungswettbewerb. Derzeit läuft das zweite Vergabeverfahren an. In dieser Runde wurden bereits sieben von zwölf Linienbündeln an Firmen vergeben.

Verkehrsleistungen
Das jährliche Verkehrsangebot im Kreis Esslingen hat sich durch die Ausschreibungen im Vergleich zur ersten Vergaberunde von rund 5,4 Millionen Kilometer auf 6,4 Millionen Kilometer erhöht – ein Plus von 18,5 Prozent. Hinzu kommen weitere 200 000 Kilometer Verkehrsleistung, die die Verkehrsunternehmen freiwillig übernehmen.