ÖPNV im Kreis Esslingen Ist das Neckartal vom Nahverkehr abgehängt?

Die S-Bahn-Verlängerung nach Sielmingen und Neuhausen – hier die Baustelle – wird den Nahverkehr auf den Fildern noch mehr Richtung Stuttgart weisen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Zentralisierung des Nahverkehrs auf Stuttgart nimmt zu. Querverbindungen von den Fildern Richtung Esslingen werden geschwächt. Nur die Gemeinde Neuhausen sieht darin ein Problem.

Der S-Bahn-Anschluss Neuhausens; die von Nürtingen über die Schnellbahnstrecke nach Stuttgart brausenden Regionalexpresse mit Halt im Flughafenbahnhof: Die starken neuen Schienenverbindungen werden im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf den Fildern eine noch stärkere Ausrichtung auf Stuttgart bewirken. Mit Auswirkungen auf Siedlungsentwicklung, Pendler- und Kaufkraftströme.

 

Wie groß die sternförmige Gravitation des landeshauptstädtischen Nahverkehrszentralismus tatsächlich sein wird, bleibt vorerst Mutmaßung; aber auch Risiko für Esslingen und Teile des Neckartals, an denen der Schnellverkehr künftig vorbeibrettert. Zugleich droht der Querspange von dort zu den Fildern zumindest teilweise eine Schwächung, wenn zum 1. Januar 2027 die Buslinien neu vergeben, neu vertaktet und neu orientiert werden.

Ostfildern (Kreis Esslingen): „Wir sehen vor allem die Chancen“

 

Mit alldem haben Esslingen und Ostfildern kein Problem – zumindest aus Sicht ihrer Stadtverwaltungen. „Wir sehen vor allem die Chancen, die sich für die Region und ganz konkret für Ostfildern ergeben“, teilt Ostfilderns Stadtsprecherin Tanja Eisbrenner mit. Beispielsweise werde „die Nähe unseres neuen Gewerbegebiets Scharnhausen-West zu den künftigen S-Bahnhaltestellen“ für die dort Beschäftigten „den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel, etwa in Kombination mit dem Fahrrad, attraktiver machen“.

Auch der Esslinger Rathaussprecher Marcel Meier sieht eine „Stärkung des ÖPNV“, die „dem Wirtschaftsstandort Esslingen zugute kommt“. Andere Töne vernimmt man aus Neuhausen: „Für uns ist es nicht nachvollziehbar, warum Esslingen und Ostfildern sich zurückziehen“, sagt Gemeindesprecherin Elke Eberle. Zurückziehen aus einem Finanzierungskonzept, das das bisherige Angebot im Busverkehr zwischen Esslingen und den Fildern auch ab 2027 sichern würde. Esslingen hätte sich mit jährlich 183 000 Euro an den Kosten der Linien 119 nach Denkendorf, 120 nach Neuhausen, 122 zum Flughafen und 131 nach Kemnat beteiligen müssen – was die Stadt Anfang des Jahres „im Sinne einer soliden Haushaltsführung“, so Meier, ablehnte. Ostfildern hätte jährlich 289 000 Euro springen lassen müssen.

Ausgedünnte Fahrpläne im Kreis Esslingen

Stattdessen sind auf den Linien – außer dem 131er – vormittags und abends ausgedünnte Fahrpläne vorgesehen. Es sei denn, die künftigen Lizenznehmer bieten, wie der bisherige, auf eigene Rechnung zusätzliche Fahrten an. Was keineswegs sicher ist. „Es ist für Neuhausen von großem Interesse, dass die historisch gewachsenen Verbindungen nach Esslingen nicht schlechter werden“, sagt Eberle. Im Übrigen werde die Gemeinde profitieren vom neuen S-Bahnhof, einem „Drehkreuz mit Anbindung über den Flughafenbahnhof an das Stadtbahnnetz und die Gäubahn“. Esslingen liegt in der umgekehrten Richtung.

Ins Neckartal geht es von Neuhausen und Denkendorf künftig häufiger mit der Linie 121, allerdings über Deizisau nach Plochingen. Und nur mit Umstieg in den 104er auch nach Esslingen. Marcel Meier verweist aber darauf, dass entgegen ursprünglicher Planungen die Linie 121 auch weiterhin Haltestellen in Sirnau und Oberesslingen bedienen werde.

Der ab 2027 ausgedünnte Takt auf dem 120er wurmt die Neuhausener. Eine gute Verbindung nach Esslingen ist ihnen wichtig. Foto: Roberto Bulgrin

Die neue Linie im Kreis Esslingen zählt nicht zum Basisangebot

Die neue 121er-Linienführung zählt nicht zum Basisangebot, das der Landkreis vollständig finanziert. Zwar stehe der Kreis, so die Auskunft auf eine Anfrage unserer Zeitung, zu diesem Rückgrat des ÖPNV auch in Zeiten der Ebbe in seinen Kassen. Aber alles, was darüber hinausgeht, wird mit den Kommunen ausgefeilscht. So teilen sich Neuhausen, Denkendorf, Deizisau und Plochingen einerseits, der Landkreis andererseits die Kosten des neuen 121ers. Steigt eine Beteiligte aus, bricht das Finanzierungskonstrukt zusammen und die Linie wird möglicherweise eingestellt – wie im Fall der beiden über die Fildern verkehrenden Expressbuslinien.

Letztlich dürfte sich nicht an volatilen Busfahrplänen entscheiden, ob das Esslinger Neckartal von den Fildern als dem dynamischsten urbanen Entwicklungsraum der Region profitiert oder an die Peripherie gedrängt wird. Maßgebliche Dimension in puncto öffentlicher Mobilität ist der Schienenverkehr. Historisch herrschte lange Zeit eine Balance: Die alte Filderbahn von Stuttgart nach Neuhausen wurde ausgeglichen durch die Straßenbahn nach Esslingen, die erst 1978 – 23 Jahre nach dem Personenverkehr auf der Filderbahn – eingestellt wurde. Dann aber wurden die S-Bahn- und Stadtbahn-Anschlüsse wegweisend: nach Stuttgart. Seit 2024 setzen Landkreis und beteiligte Kommunen dem Ungleichgewicht eine Machbarkeitsstudie zur Verlängerung der Stadtbahn von Nellingen über Denkendorf nach Esslingen entgegen. Doch bis aus Machbarkeit Machen wird, dürfte noch viel Verkehr zur Landeshauptstadt hinunterfließen.

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