ÖPNV in Bietigheim-Bissingen Pfefferspray und Beleidigungen – Alltag von Kontrolleuren

Unterwegs mit zwei Kontrolleuren am Bahnhof Bietigheim. Hier steigen sie in die Busse für ihre Kontrollfahrten ein. Foto: Werner Kuhnle

Anfeindungen und Ablehnung gehören für Fahrkartenkontrolleure zum Leben. Zwei von ihnen gewähren Einblick in den Alltag – und erklären, wann der Job richtig Spaß macht.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

300 Millionen Euro entgehen den Verkehrsbetrieben bundesweit jedes Jahr durch Menschen, die Busse und Bahnen ohne Fahrschein nutzen. Die Zahl hat Tobias Hähnle sofort parat, wenn es um Kontrollen geht. Der Leiter der ÖPNV-Planung und des Qualitätsmanagements beim Bietigheimer Busunternehmen Spillmann ist deshalb froh, dass sich Busfahrer bei ihm auch zu Kontrolleuren schulen lassen. Im Gebiet des VVS entgehen den Unternehmen nach Angaben des Verkehrs- und Tarifverbunds jährlich mehr als 10 Millionen Euro durch Menschen, die kein Ticket lösen.

 

Seit etwa drei Jahren setzt Spillmann in seinen Linienbussen im nördlichen Landkreis Ludwigsburg neben Kontrolleuren, die im Auftrag des VVS kommen, auch auf eigene Kräfte. „Der Vorteil ist ganz klar, dass unsere Leute natürlich die Linien am besten kennen“, sagt Hähnle. Nachteil sei für ihn, dass derjenige der als Kontrolleur im Einsatz ist, für den Tag als Busfahrer wegfällt.

Ein Preis den Spillmann bei etwa 70 Busfahrern und -fahrerinnen gerne bezahlt. „Seit wir selbst kontrollieren, hat sich das Verhalten der Fahrgäste insgesamt verbessert“, sagt Busfahrer und Kontrolleur John Nägele (Name geändert). Weniger Menschen würden etwa die Füße auf die Sitze legen, meint er.

So schnell geht die Fahrkartenkontrolle im optimalen Fall. Foto: Werner Kuhnle

Was Hähnle allerdings umtreibt, ist nicht unbedingt das Verhalten der redlichen Fahrgäste, sondern das derjenigen, die ohne Fahrschein unterwegs sind. Immer wieder käme es zu Auseinandersetzungen mit den Kontrolleuren. Dabei seien die Spillmann-Angestellten auf Deeskalation bedacht.

Der Scanner ist immer mit dabei

Wir fahren eine Tour mit den Kontrolleuren mit. „Heute ist wahrscheinlich weniger los, weil es ein Brückentag ist“, warnt Nägele, der dem Reporter gemeinsam mit seinem Partner Tayfun Korkmaz (Name geändert) einen Einblick in den Alltag von Fahrkartenkontrolleuren gibt. Die beiden tragen Freizeitkleidung und haben ihre Scanner dabei. Ganz offen tragen sie die nicht, aber sie verstecken sie auch nicht in einer Tasche.

„Es geht nicht darum, Jagd auf Schwarzfahrer zu machen“, sagt Nägele. Er ist überzeugt von der Tätigkeit als Kontrolleur, weil es das Miteinander im Bus verbessere. In der Tat strahlen beide Männer an diesem Nachmittag eine große Ruhe und Entspanntheit aus.

Wenn der Bus losfährt schlägt die Stunde der Kontrolleure

Die erste Runde geht von Bietigheim nach Sachsenheim und wieder zurück. „Wir warten immer bis alle eingestiegen sind und betreten dann erst den Bus“, sagt Nägele. Auch nach dem Einstieg wird nicht gleich kontrolliert. „Erst wenn der Bus losgefahren ist.“ Dann sind die Türen geschlossen und eine Flucht ist nicht mehr möglich. Zwischen zwei und drei Prozent der Fahrgäste fahren Erhebungen zufolge ohne Fahrschein. Dass die Quote sich bei Spillmann eher nach unten entwickelt, schreibt Hähnle auch seinen hausinternen Kontrolleuren zu. Die regelmäßige Kontrollen führten dazu, dass die Kunden gar nicht erst spekulierten, ob es auch ohne Fahrschein klappen könnte, meint Nägele.

Digitale Tickets sind in der Mehrzahl

Mit fester Stimme sagt Nägele nun: „Fahrkartenkontrolle. Die Fahrscheine bitte.“ Ein kollektives Stöhnen ist im Bus zu hören und alle kramen in ihren Taschen nach ihrem Ticket. Die meisten haben es digital oder auf der Polygo-Card. Mit ihren Scannern gehen Nägele und Korkmaz durch die Reihen, einer vorne, einer hinten. Keine Beanstandungen.

Wer ein Deutschlandticket hat, ist sicher vor dem prüfenden Blick der Kontrolleure Foto: Imago/Gottfried Czepluch

Auf der Fahrt nach Sachsenheim leert sich der Bus mit jeder Haltestelle ein wenig mehr, nur vereinzelt steigen neue Fahrgäste zu. Eine ältere Frau hat Probleme ihr Ticket zu finden und gibt Korkmaz zunächst eine falsche Karte. Er wirkt beruhigend auf die aufgeregte Frau ein und so findet sie nach einigen Minuten ihr Ticket.

Dann steigt ein junger Mann ein, erblickt Nägele und Korkmaz – und steuert direkt auf den größeren Nägele zu. „Hier, ich habe es jetzt richtig“, sagt der Mann. Nägele grinst und scannt die Polygo-Card ab. Später erzählt der Kontrolleur, dass er den Fahrgast schon zwei Mal ohne gültigen Fahrschein erwischt und ihm erklärt habe, dass bei einem weiteren Verstoß eine Anzeige droht. „Solche Begegnungen freuen mich. Sie zeigen, dass unsere Arbeit etwas bewirkt.“

Pfefferspray-Angriff auf Kontrolleure

Aber es gibt eben auch andere Begegnungen. Das Schlimmste, was er bislang mitbekommen habe, sei ein Pfefferspray-Angriff gewesen. Gemeinsam mit einem Kollegen hätten sie einen Mann ohne Ticket erwischt. Der habe versucht wegzulaufen, ein Kollege rannte hinterher, und als er ihn fast erreicht habe, habe sich der Delinquent umgedreht und Pfefferspray ins Gesicht des Kontrolleur gesprüht. Der Kollege sei danach lange gesundheitlich beeinträchtigt gewesen.

Beleidigungen seien auch nicht selten, „aber da höre ich gar nicht hin“, sagt Nägele. Wenn sich jemand weigere die Strafe zu bezahlen, halte der Bus und man warte gemeinsam auf die Polizei, die eine Anzeige aufnimmt. „Ich war schon häufiger bei Gerichtsverhandlungen als Zeuge. Wenn uns jemand beleidigt, wird das immer zur Anzeige gebracht“, sagt Nägele.

Skurrile Erlebnisse: Fahrgast will Kontrolleur kontrollieren

Wer 200 Menschen pro Acht-Stunden-Schicht kontrolliert, erlebt aber auch Skurriles. Ein Fahrgast habe bei der Kontrolle seinen Prüfausweis verlangt. Als Nägele ihm den gezeigt habe, habe er dessen Echtheit angezweifelt und die Polizei gerufen. Die stellte dann fest, dass der Ausweis echt war. Der Fahrgast hatte aber keinen Fahrschein.

Ein anderes Mal weigerte sich ein ÖPNV-Nutzer ohne Fahrschein, die Strafe zu zahlen und ließ es auf einen Polizeieinsatz ankommen. Die Beamten freuten sich, den Mann zu sehen, er wurde nämlich bereits wegen einer anderen Sachen polizeilich gesucht.

Auch an diesem Tag erwischt Nägele jemanden ohne Fahrschein. Eine Jugendliche zeigt ein abgelaufenes Ticket. Das neue sei trotz Abo bislang nicht gekommen, sagt sie. „Das kann nicht sein. Da müssen die Eltern noch mal schauen, ob sie etwas in einem Brief übersehen haben“, erklärt er. Das Mädchen erhält eine Strafe, kann diese aber verringern, wenn es ein Ticket nachreicht.

Ein guter Tag für Kontrolleure? „Wenn alles klappt und wir mit den Menschen reden können“, sagt Nägele. Konflikte gebe es immer, aber sie machten nur ihren Job. „Wir müssen keine bestimmte Quote an Leuten ohne Fahrschein erwischen“, räumt er mit einem der vielen Vorurteile auf. Ein anderes, nämlich das der missmutigen und strengen Fahrkartenkontrolleure, wollen Nägele und Korkmaz bei jedem Einsatz widerlegen.

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