Bei der für den Herbst angekündigten Reform des Öffentlichen Personennahverkehrs setzt die Bundesregierung auf eine kundenfreundliche Vernetzung der bundesweiten Angebote. Man werde für „ein reibungsloses Reiseerlebnis“ der Fahrgäste „eine anbieterübergreifende digitale Buchung und Bezahlung vorantreiben“, sagte Michael Theurer (FDP), Staatssekretär im Verkehrsministerium, unserer Zeitung. „Wir müssen die simplen Regeln des 9-Euro-Tickets nun in die Zukunft übertragen“, erklärte der Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel: „Die Ampelregierung wird eine einheitliche Mobilitäts-App für ganz Deutschland auf den Weg bringen.“
Das bereits im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP angelegte Vorhaben, das jetzt mit größerer Priorität angegangen wird, soll laut Gastel „neben dem öffentlichen Verkehr auch Carsharing, Leihmopeds, Roller und Fahrräder sowie das Planen, Buchen und Bezahlen in einer Anwendung umfassen“. Wie aus dem Ministerium zu hören ist, soll es sich dabei nicht um eine im Staatsauftrag entwickelte Handy-Applikation handeln, vielmehr sollen die entsprechenden Daten Softwareunternehmen zur Verfügung gestellt werden. Man werde, so Theurer, „Verkehrsunternehmen und Mobilitätsanbieter verpflichten, ihre Echtzeitdaten unter fairen Bedingungen bereitzustellen“.
Verkehrsunternehmen müssen Daten zur Verfügung stellen
In einem ersten Schritt hatte der Bundesrat am Freitag bereits einer von der Regierung vorgelegten Verordnung zugestimmt, die die Freigabe solcher Daten vom 1. Juli an vorsieht. Dabei geht es Minister Volker Wissing (FDP) zufolge beispielsweise um die Auslastung an Bahnhöfen, Störungen oder die Verfügbarkeit von Taxen oder Mietwagen am Zielbahnhof. Diese Informationen dienten nicht nur einer besseren Verkehrssteuerung, sondern seien „die Basis für die Entwicklung von Mobilitätsapps, mit denen die Menschen ihre Wege bedürfnisgerecht planen können“.
Der Bund hat sich bereit erklärt, die für den ÖPNV zuständigen Länder stärker finanziell zu unterstützen – im Gegenzug verlangt er eine Attraktivitätssteigerung und schlankere Strukturen. „Ein realistisches Ziel ist es, die Zahl der Verbünde zu reduzieren, zusätzlich einen verbundübergreifenden Einheitstarif anzubieten und den Kundenservice aus einer Hand anzubieten“, so Gastel. Theurer beklagte die „Kleinstaaterei“ von mehr als 100 Verkehrsverbünden.
Die Landesregierung wähnt sich längst auf dem richtigen Weg
Landesminister Winfried Hermann (Grüne) wies die Kritik zurück, da Baden-Württemberg „schon länger mit Erfolg“ Reformen vorantreibe. Verbundübergreifende Tickets gebe es im Südwesten seit Ende 2018, was 90 Prozent der potenziellen Kundschaft abdecke. Für die zehn Prozent Fernpendler könne „eine App Nahverkehr in Deutschland mit flexibler Best-Price-Abrechnung helfen“.