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Österreich Glücksgefühle auf Schotter

Von Wolfgang Albers aus St. Kanzian 

Flow Country Trails - künstlich angelegte Wege, die aufgrund ihres welligen Verlaufs flüssiges Fahren erlauben. In Kärnten entsteht gerade einer.

Durchschnittlich zehn Prozent Gefälle hat der neue Mountainbike-Trail an der Petzen. Foto: Albers
Durchschnittlich zehn Prozent Gefälle hat der neue Mountainbike-Trail an der Petzen. Foto: Albers

St. Kanzian - Man soll vorsichtig sein mit Prognosen auf den ersten Blick. Wenn man Diddie Schneider so zuguckt: Groß Karriere scheint er ja nicht gemacht zu haben. Da kurvt er mit einem kleinen Bagger an einem Berghang, kratzt ein bisschen Erde weg, schiebt dort einen Haufen zusammen. Sieht nach irgendeinem Bauarbeiter in irgendeiner belanglosen Baustelle aus. Und sieht ganz so aus, als hätte Diddie Schneiders Mathelehrer recht behalten. Damals, in der Oberesslinger Schule, saß der junge Diddie gelangweilt im Klassenraum und malte Linien und Kreise auf Papier, die wenig mit dem Unterrichtsstoff zu tun hatten.

„Lass den Blödsinn“, tadelte der Lehrer ihn. „Damit wirst du nie Geld verdienen.“ So kann man sich täuschen. Diddie Schneiders Baggerfahrt am Nordhang der Petzen, einem Bergmassiv im Süden von Kärnten, guckt eine große Schar hochrangiger Touristiker aus der Region zu, und sie sind froh, dass Diddie Schneider hier seine Bahnen zieht und nicht in Malaysia, den USA, China, Israel oder sonst wo auf der Welt. Denn der mittlerweile 47-Jährige hat das Hobby seiner Jugend längst erfolgreich zu seinem Beruf gemacht. Mit BMX-Rädern durchs Gelände zu heizen war die Leidenschaft des jungen Diddie, so sehr, dass er mit den bestehenden Strecken nicht mehr zufrieden war, in jeder freien Minute (also im Unterricht) sich neue Kurse ausdachte und 1983 eine Bahn für den MSC Aichwald baute.

Die Natur hat sie mit reichlich Badewannen gesegnet

Ehrenamtlich, aber als weitere Anfragen kamen, sah Diddie Schneider ein Berufsfeld für sich. Mittlerweile betreibt er einen Bike-Park im Bayerischen Wald und hat weltweit über 400 Rad-Parcours oder Strecken für Mountainbiker gebaut. Jetzt ist er ein Hoffnungsträger der Tourismus-Region Klopeiner See. Im Klagenfurter Becken, da, wo die Alpen links und rechts mal viel Platz lassen, liegt sie. Die Natur hat sie mit reichlich Badewannen gesegnet, größeren und kleineren Seen, von denen der Klopeiner See mit dem Superlativ aufwartet, der wärmste See Österreichs zu sein.

Und weil die Sonne oft einheizt, ist die Gegend schon Süden satt - und so auch zu einem der beliebtesten Ziele in Österreich geworden, vor allem in der Sommerfrische-Ära und in den 50er bis 80er Jahren, als Wärme und Wasser die Urlaubsmagneten waren, die Mobilität aber noch nicht so grenzenlos war. Im globalisierten Tourismus reicht es aber nicht, auf die Liegewiese am See, Schnitzelteller und Spazierengehen auf der Uferpromenade zu setzen, vor allem, wenn man die Familien oder jüngere Gäste binden möchte. „Die wollen aktiv unterwegs sein“, sagt Helmuth Micheler, Geschäftsführer der Tourismusregion Klopeiner See.

Und so kommt beispielsweise Leela Logan, eine Künstlerin aus Hawaii, morgens in die Hotels und bietet Yoga an. So wird die Gunst der eher flachen Topografie genutzt und der Urlauber auf Radwegen zu sieben Seen und entlang der Drau geschickt. Und man kann sich geführten Wanderungen anschließen. Nicht schlecht, aber solche Angebote haben auch andere Regionen. Auf der Suche nach dem ganz Besonderen, dem Alleinstellungsmerkmal, wie man das heute so bezeichnet, kam Alfred Pajancic ins Spiel. Der ist Geschäftsführer der Bergbahn an der Petzen. Das ist eher ein kleiner Betrieb, im Winter kommen hauptsächlich die Leute aus der Umgebung. Und im Sommer - na ja, nett. Gesunde Luft und schöne Aussicht. Aber für die Zukunft wird das nicht reichen. „Überall entstehen im Tourismus neue Angebote“, sondiert Alfred Pajancic den Markt.

Es geht steil dahin

„Da kann man nicht stehen bleiben, sonst bringt man die Leute nicht her.“ Das soll sich jetzt dank Diddie Schneider ändern. Der hockt auf einem Fully, also einem vorn und hinten gefederten Moutainbike an einem Hang oben an der Bergstation, und zeigt den Touristikern, wie es runtergeht. Zunächst einmal auf einem Almweg, wie er typisch ist am Berg. Es geht steil dahin, lose Steine blocken die Räder, Bodenwellen lupfen den Fahrer vom Sattel. Es dauert nicht lange, dann verbremst sich einer und fliegt über den Lenker. Der Ellbogen ist aufgeschürft, im Knie ist eine Wunde, die Schulter tut weh. So, wie man sich Mountainbiken vorstellt.

Alfred Pajancic kennt das: „Mountainbiken hat einen schlechten Ruf, gilt als gefährlich.“ Und auch wenn Mountainbike-Räder verkauft werden ohne Ende: „Wie viele Leute haben das Können für hochsportliche Trails? Wer sich da aber runterquält, setzt sich kein zweites Mal aufs Radel.“ An der Petzen soll man andere Gefühle bekommen. Diddie Schneider möchte ein fettes Grinsen auf allen Gesichtern sehen, Glücksgefühle wie in einer Achterbahn bescheren. Und baut deshalb einen sogenannten Flow Country Trail. Der internationale Mountainbike-Verband hat Namen und Konzept sozusagen patentieren lassen, drei gibt es bis jetzt, und immer hat Diddie Schneider selbst mit dem Bagger die Strecke modelliert. Von wegen einfacher Bauarbeiter: „Ich vergleiche das mit Bilder malen oder Musikstücke schreiben.

Um so etwas zu bauen, braucht man schon eine gewisse Kreativität.“ So etwas: Das ist ein helles festgestampftes Schotterband, das sich um die Bäume windet. Mit durchschnittlich zehn Prozent Gefälle - also nicht viel. Aber ein paar Meter geht es immer wieder noch steiler hinab - bis ein kleiner Gegenhang die Geschwindigkeit wieder drosselt. Und die Kurven haben Steilwände. Im Idealfall kann man so die gesamten zwölf Kilometer und gut 1000 Höhenmeter runterdüsen, ohne einmal bremsen zu müssen, weil der Kurs den Schwung immer mal wieder rausnimmt.

Diddie Schneider verspricht Fahrspaß für Anfänger und Profis: „Das ist ein Spiel mit der Schwerkraft. Das schüttet so viele Glückshormone aus wie die Fliehkräfte beim Kettenkarussell.“ Das erhoffen sich auch die Bergbahnbetreiber, die Tageskarten wie beim Skibetrieb für den Hochtransport anbieten wollen. Diddie Schneider, der die Strecke bis zum Herbst fertig haben will, hat eher Sorgen, dass dann die Liftkapazitäten nicht ausreichen, solch einen Zulauf prognostiziert er: „Das Potenzial fürs Mountainbiken ist riesig. Die Quote derjenigen, die das bisher machen, ist lächerlich. Das wird noch ein riesiger Boom.“