Özdemir in Esslingen Die Devise lautet: Miteinander reden und zuhören

Cem Özdemir (links) wird im Blarer von Stadtpfarrer Christoph Bäuerle begrüßt Foto: eas

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir redet Klartext bei „Klartext im Blarer“. Er macht in Esslingen aber auch deutlich, dass es ohne Kompromisse nicht gehen wird.

Region: Andreas Pflüger (eas)

Keine Traktoren und keine Transparente, keine Pfiffe und auch keine Proteste: Vor drei Monaten wäre eine Veranstaltung mit dem deutschen Agrarminister Cem Özdemir vermutlich noch ganz anders über die Bühne gegangen, als das am Donnerstagabend bei „Klartext im Blarer“ der Fall war. Bereits im vergangenen Jahr hätte der Abend in der Vortragsreihe des Evangelischen Bildungswerks stattfinden sollen, musste aber kurzfristig verschoben werden.

 

Sonderlich schlimm war das – im Nachhinein betrachtet – allerdings nicht. Denn durch die seitherigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die Bauernproteste und die Reaktionen darauf hatte das Motto „Unser täglich Brot“ und der Untertitel „Zukunftsfähige Landwirtschaft“ nochmals eine ganze andere Relevanz bekommen. So machte Stadtpfarrer Christoph Bäuerle den gut 100 Besucherinnen und Besuchern bereits in seiner kurzen Begrüßung deutlich, dass es neben der christlichen Bedeutung des Brotes im „Vater unser“ auch um die grundsätzliche Bedeutung von Nahrungsmitteln und nicht zuletzt um die Wertschätzung für all diejenigen geht, die diese erzeugen und herstellen.

Özdemir: Eine Milliarde Euro einsparen zu wollen, war keine gute Idee

Özdemir nahm den Ball gleich zu Beginn seiner kurzen Rede auf und machte deutlich, dass es einerseits nicht selbstverständlich sei, „dass man, wie wir in Deutschland, sein täglich Brot ganz selbstverständlich kaufen kann“ und dass es gerade deshalb darum gehe, „das, was geschaffen wurde und wird, zu erhalten“. Ein ganz wesentlicher Verdienst der Bauernproteste sei es daher gewesen, „dieses Bewusstsein bei den Menschen zu schärfen und in den Fokus zu rücken“.

Gleichwohl kritisierte Özdemir einmal mehr die von den Spitzen der Ampel-Koalition gefassten Beschlüsse: „Dass die drei Herren in einem Anfall von Was-auch-immer bei der Landwirtschaft eine Milliarde Euro einsparen wollten, war keine gute Idee.“ Vier Gründe machte der Minister dabei geltend: die ohnehin schon große Belastung der Landwirtschaft, den Bäuerinnen und Bauern etwas wegzunehmen, ohne woanders etwas zu geben, mit den Betroffenen im Vorfeld nicht geredet und die gemachten Fehler zu spät zu korrigiert zu haben.

Im Gegensatz dazu habe er immer den Kontakt und das Gespräch gesucht, „weil es für mich keine gute oder schlechte Landwirtschaft gibt und weil ich nicht Landwirtschaftsminister der Grünen, sondern von Deutschland bin“. Inzwischen habe er auch den Eindruck, dass der Agrardiesel zum Symbol für alles geworden sei, was in der Landwirtschaftspolitik in Jahrzehnten falsch gemacht wurde. „Und das war eine Menge.“

Nicht nur an dieser Stelle gab es Beifall für Özdemir, auch von den im Publikum zahlreich vertretenen Bäuerinnen und Bauern, die im Anschluss die Gunst der Stunde nutzten, um ihre Fragen und Anliegen loszuwerden. Es ging um den Flächenmangel, um ungleiche Voraussetzungen innerhalb der EU, um Tierwohl und staatliche Vorgaben. Vor allem aber ging es darum, miteinander zu reden und dem anderen zuzuhören. „Wir müssen die Ernährungssicherheit, den Artenschutz und die Klimagerechtigkeit zusammendenken“, betonte Özdemir. Es gehe um die Sache und nicht um Parteien oder Personen. Dass dabei Kompromisse unausweichlich seien, stehe für ihn definitiv fest.

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