Offene Jugendarbeit im Kreis Böblingen Jugendhäuser gefragt wie lange nicht

Den Jugendhaus-Klassiker gibt es auch noch: Kickern im Casa Nostra in Böblingen. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Die Angebote der Offenen Jugendarbeit sind seit der Pandemie gefragt wie lange nicht mehr. Mit den Corona-Lockerungen drängten die Jugendlichen zuletzt wieder in die Häuser. Doch die Betreuer müssen parallel mehr im Digitalen agieren.

Böblingen: Robert Krülle (rok)

Ein Blick ins Playstation-Zimmer hier, ein kurzer Plausch an der Theke dort, ein Jugendlicher fragt nach den Kickerbällen, ein anderer braucht Unterstützung bei Schularbeiten – Torsten Mayer und sein Team sind täglich gefragt. Das Casa Nostra an der Calwer Straße ist das „Flaggschiff“ der offenen Jugendarbeit in Böblingen. In dem großen Haus mit drei Geschossen gehen regelmäßig Dutzende, ja Hunderte von Kindern und Jugendlichen ein und aus – umso mehr, seit sich alle von der Corona-Pandemie befreit fühlen. „Im Sommer haben uns die Kids die Bude eingerannt“, erinnert sich Mayer, der ab 2012 im Jugendtreff Diezenhalde gearbeitet hat und seit 2020 Casa-Nostra-Leiter ist, „dabei herrscht da sonst ein gewisses Sommerloch.“

 

Offenbar hatten die 10- bis 27-Jährigen einen großen Nachholbedarf an Sozialkontakten – mit vielen Herausforderungen für die sechs Böblinger Jugendhaus-Betreuer. „Die Masken waren zu Corona-Zeiten ein Dauerthema, das war schwierig, weil wir immer die Kontrolleure waren“, erzählt Torsten Mayer, „zum Glück ist das im Laufe dieses Jahres weggefallen.“ Zudem stellt der Sozialpädagoge mehr psychische Auffälligkeiten unter den Jugendlichen fest, es gibt große Ängste, aber auch Aggressionen. Und: „Die Fähigkeit, eigene Projekte in die Wege zu leiten“, hat nachgelassen“, glaubt der 40-Jährige.

Bei allen Schwierigkeiten – das Jugendhaus ist gut frequentiert, die Heranwachsenden suchen die Angebote und den Austausch, während Corona haben die Pädagogen auch manches dazugelernt. „Im ersten Lockdown, als sonst gar nichts ging, haben wir viele Digitalangebote gemacht“, berichtet Torsten Mayer, „Challenges, Fitnessübungen, Einzelberatung – so haben wir Kontakt gehalten.“ Und das ist jetzt viel wert, denn: „Die Jugendarbeit verschiebt sich stärker in den digitalen Raum, wir machen Werbung über Instagram, werden über Social Media auch oft angefragt“, zählt der Jugendhaus-Leiter auf, „umgekehrt sehen wir auf Instagram auch, was die Jugendlichen so treiben. Wenn einer eine Weile nix postet, prüfen wir nach, ob alles in Ordnung ist.“

Viele Beziehungen hätten sich verstärkt, die meisten Jugendlichen haben ihre festen Ansprechpartner im Casa Nostra, aber es passiert eben auch mehr im digitalen Raum. Gleichzeitig sind die Angebote vor Ort weiterhin gefragt: gemeinsames Kochen, Hausaufgabenhilfe, Playstation zocken, Hip-Hop-Tanzen, im Fitnessraum trainieren oder einfach abhängen – alles möglich, mit engerem oder loserem Kontakt zu den Betreuern.

Die Kinder brauchen Selbstvertrauen

Auch in Sindelfingen haben die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit seit geraumer Zeit enormen Zulauf. „Es ist spürbar, dass etwas gefehlt hat“, sagt Adelheid Schlegel, die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings (SJR), der die Jugendarbeit in Sindelfingen verantwortet, „der offene Bereich ist seit Frühjahr wieder stark nachgefragt.“ Aus ihrer Sicht habe die „außerschulische Bildungsarbeit“ derzeit mehr Bedeutung denn je. „Der Druck in der Schule ist hoch, da sind die Angebote der offenen Jugendarbeit wichtig“, so Schlegel.

Auch die SJR-Geschäftsführerin hat soziale Defizite durch die Corona-Pandemie ausgemacht. „Es gibt viele Konflikte unter den Jugendlichen“, weiß Schlegel, „diese auszuhandeln und zu lösen, braucht einen sozialen Prozess, der in den vergangenen Jahren wenig geübt werden konnte.“ Umso eindrücklicher seien ihre Erlebnisse bei der Kinderspielstadt Simsalon gewesen, die in Sindelfingen seit den 1990er Jahren in den Herbstferien stattfindet. Dabei betreiben Kinder und Jugendliche eigenständig über mehrere Tage eine Stadt – mit allem, was dazugehört. „Die Kinder haben diesmal sehr gestaunt, dass ihnen das zugetraut wird“, berichtet Schlegel, „ich denke, es ist sehr wichtig fürs Selbstvertrauen, ernst genommen zu werden – und das war hier der Fall.“

Den Eindruck der Kolleginnen und Kollegen in Böblingen und Sindelfingen kann Martin Hering dagegen nicht ganz bestätigen. „Es dürfte mehr los sein“, findet der Sozialpädagoge, der bereits seit 1996 im Jugendhaus Herrenberg arbeitet, „wenn am Wochenende eine Party stattfindet, kommen die Leute, aber unter der Woche hielt es sich zuletzt in Grenzen.“ Hering befürchtet, dass manch einer träge geworden ist. „Viele haben sich daran gewöhnt, zu Hause zu hocken und sich zu verkriechen“, glaubt der Herrenberger. Doch Hering ist auch lange genug dabei, um zu wissen, dass sich die Besucherfrequenz mit der Zeit wieder einpegelt.

W3 öffnet an Heiligabend

Ebenfalls gute Besucherzahlen vermeldet das Holzgerlinger Jugendhaus W3. „Im Frühjahr war es noch sehr verhalten“, berichtet der Hausleiter Lucas Pfannschmidt, „da hatten viele wegen Corona noch Angst, auch die Eltern Vorbehalte.“ Doch inzwischen sei von Corona nicht mehr viel zu spüren. „Und jetzt kommen nicht nur die älteren Besucher, sondern auch viele neue Gesichter“, hat Pfannschmidt festgestellt. Das typische Sommerloch habe es nicht gegeben, erzählt auch er. Dabei falle ihm auf, dass verbindliche Angebote schlechter laufen würden als früher. „Wir hatten einige tolle Sachen zu einem fixen Termin im Programm, da war die Resonanz überschaubar“, sagt er. Einfach nur „abzuhängen“ und seine Ruhe zu haben, sei derzeit besonders gefragt.

Erstmals öffnet das W3 in diesem Jahr an Heiligabend – von 11 bis 16 Uhr sind die Räume neben dem Schönbuch-Gymnasium zugänglich. „Manchmal gibt es ja Stress zuhause – zudem feiern viele unserer Besucher gar kein Weihnachten“, weiß Pfannschmidt, der dieses Angebot ausprobieren will. „Mal schauen, wie viele kommen.“

Jugendhäuser im Kreis Böblingen

Jugendarbeit
 Während die Mobile Jugendarbeit ihr Klientel aufsucht, macht die Offene Jugendarbeit Angebote an festen Orten, in der Regel Jugendhäusern.

Trägerschaft
Die Stadt Böblingen betreibt das Jugendhaus Casa Nostra sowie die Jugendtreffs Diezenhalde und Dagersheim. In Sindelfingen ist seit den 1990er Jahren der Stadtjugendring Träger von zwei Jugendhäusern (Süd/Nord), dem Jugendcafé 8er sowie den Treffs in Maichingen und Darmsheim. Ein wichtiger Träger ist zudem das Waldhaus Hildrizhausen, das vor allem auf der Schönbuchlichtung aktiv ist.

Serie
 Wir werfen in einer dreiteiligen Serie in den nächsten Wochen einen Blick in die Jugendhäuser im Kreis Böblingen.

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