Offene Worte in Stuttgart über die Krankheit Krebs Wie Christoph Daum mit seiner Schock-Diagnose anderen helfen will

Angelika Camm-Daum umarmt ihren zu Tränen gerührten Mann Christoph Daum nach seiner zutiefst emotionalen Rede bei der Gedenkfeier für MV in der Mercedes-Benz-Arena. Foto: / Wolfgang List

Die Haare wachsen wieder, er lacht viel, unterdrückt aber auch seine Tränen nicht. Nach dem Schock seiner Krebs-Diagnose wirbt Christoph Daum unermüdlich für eine frühe Vorsorgeuntersuchung, die Leben rettet. Wir haben den Kämpfer in Stuttgart getroffen.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Wenn der Fußballtrainer Christoph Daum und seine Frau Angelika Camm-Daum, eine frühere Musicalsängerin, den Raum betreten, fegt ein Wirbelwind an guter Laune herein. Die beiden scherzen, reden Quatsch, lachen. An diesem Nachmittag besuchen sie den Stuttgarter Promifotografen Christof Sage und dessen Frau Bärbel Sage, mit denen das Kölner Paar seit Langem befreundet ist. Zu viert machen sie an fast jedem Jahreswechsel Urlaub in Thailand und genießen die gemeinsamen Auszeiten. Laut und fröhlich geht es hin und her.

 

Daum erzählt, wie er als VfB-Trainer vor Jahren bei einem ATP-Tennisturnier in der Schleyerhalle genug vom äußerst feinen Haute-Cuisine-Essen im VIP-Bereich hatte und sich eine Currywurst mit Pommes vom Taxi bringen ließ. Und wie sein väterlicher Freund Gerhard Mayer-Vorfelder, wenn dessen Roth-Händle-Schachtel leer war, bei ihm eine Marlboro nach der anderen schnorrte, aber immer den Filter verächtlich abriss.

Lustig ist’s in dieser Runde. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass die Daums eine ganz schwere Zeit hinter sich haben und im Grunde noch drinstecken, weil sie nicht wissen, was der zufällig in der Lunge entdeckte Krebs noch für unschöne Überraschungen bringen wird.

„Aufgeben ist keine Option für uns“

Angelika Camm-Daum, eine lebenslustige Frau, berichtet, wie die Schock-Diagnose für ihren Mann beide runtergezogen hat. Doch rasch sei ihnen klar geworden: Aufgeben ist keine Option! Seit 2017 sind sie verheiratet. „Manchmal leidet meine Frau mehr als ich, das ist mir unangenehm“, sagt der Trainer. Doch mit ihrer Heiterkeit zieht sie ihn aus psychischen Tiefen nach oben. Und beide erkennen: Familie ist immer wichtig, in schwierigen Zeiten aber noch viel mehr. Die Chemotherapien sind hart, jedes Mal liegt der frühere Meistertrainer des VfB (an der Bundesliga-Spitze war der Verein 1992) für Tage platt. Dann kann es sein, dass sich die Werte verbessern – und Christoph Daum gleich wieder neue Pläne schmiedet. Ein Stehaufmännchen war er schon als Trainer.

Die Kamera begleitet ihn auch zur Infusion im Krankenhaus

Im Oktober wird der Vater von vier Kindern 70 Jahre alt und denkt darüber nach, wie er feiern will. Und weil es ihm gelingt, auch in der Krise immer wieder neue Energie zu schöpfen, hat er einem Fernsehteam zugesagt, das ein Porträt über ihn drehen will. Die Kamera begleitet ihn nun oft auf Schritt und Tritt, filmt ihn etwa bei der Immuntherapie per Infusion im Krankenhaus, wie er also schwach und traurig daliegt.

Und sie ist dabei, wenn Daum in Stuttgart fast schon vor Kraft strotzend von Termin zu Termin eilt, wie er nach seiner sehr persönlichen Rede bei der Gedenkfeier in der Mercedes-Benz-Arena für den VfB-Ehrenpräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, den wohl größten Förderer seiner Karriere, von Emotionen überwältigt wird, seine Frau ihn umarmt und die Tränen vom Gesicht küsst oder wie er vorm Hotel Steigenberger selbst von Kindern erkannt und um Selfies gebeten wird – in seinen erfolgreichsten Jahren waren die noch nicht geboren. Auch türkische Mitbürger jubeln, wenn sie ihn sehen – mit Fenerbahçe Istanbul ist er nicht nur einmal Meister geworden.

Ein Kämpfer war er für den Sport. Jetzt ist Christoph Daum ein Einzelkämpfer in eigener Sache. Schon auf dem Platz war die mentale Stärke sehr wichtig fürs Siegen. Beim Krebs sei das nicht anders, sagt er. „Die Psyche macht etwa 49 Prozent aus“, erklärt er. Jeder Krebsfall sei anders. Und Wunder geschehen immer wieder. Man müsse ihnen die Chance geben, wahr zu werden.

Eindringlich warnt der 69-Jährige davor, im Internet nach seiner Krankheit zu googlen. Dies ziehe einen nur tief runter und mache Angst. „Krebs hat so viele Gesichter“, weiß er, „was dem einen passiert ist, kann bei dem anderen ganz anders sein.“ Sein Rat: Finger weg von eigener Krankheitsrecherche! Und er warnt außerdem vor extrem teuren Mitteln, die – weit weg von der Schulmedizin – angeblich den Krebs besiegen. Das sei oft nur Geldmacherei, die dem Kranken nichts bringe. Die Frage, warum der Krebs gerade ihn getroffen habe, stellt er sich nicht. „In Deutschland erkranken jährlich eine halbe Million Menschen an Krebs“, sagt er, „es kann jede und jeden treffen.“

Sein Rat: Finger weg von eigener Internet-Recherche in Sachen Krebs!

Woher nimmt er die Kraft? „Was ist die Alternative?“, fragt er zurück. Es lohne sich, sich jeden Tag schön zu machen. Als bei ihm vor elf Jahren Hautkrebs diagnostiziert wurde, hielt er diese Nachricht in der Familie und bei Freunden geheim. Jetzt hat er die erneute Krebserkrankung mit einem Post bei Instagram öffentlich gemacht. Seine Bekanntheit will er nutzen, um auf die Bedeutung von Vorsorgeuntersuchungen hinzuweisen. Werde der Krebs rechtzeitig erkannt, könne er oft besiegt werden. Schon etliche Mails habe er bekommen, in denen etwa stand: „Hätten Sie es nicht gesagt, ich hätte die Vorsorge weiter vor mir hergeschoben.“ Wenn er mit seinem Appell nur einige dazu bringen könne, zum Arzt zu gehen, habe sich die „ganze Sache“ für ihn gelohnt.

Daum hat seine Ernährung weitgehend auf vegan umgestellt

Bei Christoph Daum war die Krebsdiagnose „ein Zufallsbefund“. Bei seinem jährlichen Gesundheitscheck sind Unregelmäßigkeiten am Herzen festgestellt worden, die weitere Untersuchungen nach sich zogen. Schmerzen hatte er keine, nichts wies auf eine Krankheit hin. Plötzlich stellten die Ärzte fest, dass es Tumorzellen in der Lunge gab. Die Chemotherapie begann. Er stellte seine Ernährung weitgehend auf vegan um, machte Atemübungen.

Was ihn belastet: „Sie pumpen dir Unmengen an Chemie in den Körper, die auch gesunde Zellen kaputt macht.“ Die Haare fielen aus. Einige aber blieben auf dem Kopf. Doch Christoph Daum wollte eine vollständige Glatze und bat seine Frau, die verbliebenen Haare wegzurasieren. „Ich konnte das kaum“, erinnert sie sich, „mir tat das weh.“

Der 69-Jährige lässt sich nicht von seinen Ängsten einsperren

Ihr Leben bewegt sich in den Extremen. Mal lachen die Daums, mal weinen sie gemeinsam. Doch der Krebs soll keine Chance erhalten, ihr Leben komplett zu bestimmen. Sie empfinden nun alles intensiver und bewusster, damit auch schöner.

Alles ist endlich. Das Schöne wird vorüber gehen – niemand weiß, wann das ist, auch die nicht, die momentan gesund sind. Doch solange das Leben schön ist, sollte man es genießen und glücklich sein, so lautet die Botschaft des Trainers und seiner Frau. Und schon scherzen sie wieder. Die Daums liegen sich mit den Sages in den Armen und freuen sich auf den nächsten Urlaub in Thailand.

Ja, Ängste kommen auf bei der Diagnose Krebs. Doch von seinen Ängsten lässt sich der mehrfache Meistermacher nicht einsperren. Er hat noch so viel vor.

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