Stuttgart - Es ist wahrscheinlich der chinesischen Höflichkeit geschuldet, dass der Brief mit einer Eloge des Dankes beginnt. „Mentale Stärke, emotionale Ruhe und fachliche Kompetenz“ bescheinigen die Unterzeichner dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn und seinem Corona-Berater, dem Berliner Virologen Christian Drosten. Deren Reaktionen in der augenblicklichen Krise seien rational, fundiert und nicht überhastet, „wir fühlen uns sicher und wohl“. Die Unterzeichner, eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler und Hochschulprofessoren, bleibt im Ton freundlich, wird aber deutlich in ihrer Bitte: Tun Sie mehr!
Pu Li ist einer der Unterzeichner. An der Technischen Hochschule Ilmenau lehrt Li Prozessoptimierung. Als optimierungsfähig sieht der Professor, der seit 1994 in Deutschland lebt und inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit hat, auch das deutsche Krisenmanagement an. „Wir wissen, dass die Maßnahmen in China effektiv waren, sie müssen nur schnell erfolgen“, sagt Li gegenüber unserer Zeitung. „Starke Einschnitte sind notwendig, und wenn sie schon notwendig sind, dann ist es besser, wenn sie schnell kommen“. In ihrem Brief schreiben die Wissenschaftler: „China hat auch gezeigt, dass solche Maßnahmen eigentlich früher hätten kommen sollen“.
Wissenschaftler fordern Stopp des öffentlichen Nahverkehrs
Mit Blick auf die Erfahrungen, die in China gemacht wurden, mahnen die Wissenschaftler eindringlich schärfere Maßnahmen an. Schließung von Schulen, Kindertagesstätten und Universitäten gehören ebenso dazu wie Unterbrechung des öffentlichen Nahverkehrs und das Ende arbeitsintensiver Betriebe. Die Schwierigkeiten ihres Vorschlages ist den Wissenschaftlern nach ihren eigenen Worten bewusst. Ihre Gegenrechnung: Keine andere Strategie als 14 Tage Quarantäne kann den Gesamtverlust minimal halten. Wer zu lange damit warte, der riskiere noch mehr.
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Man habe sich als Gruppe in Sozialen Netzwerken getroffen und dort das Schreiben abgestimmt, sagt Pu Li. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem mehrere Spezialisten von Volkswagen, die Göttinger Mathematik-Professorin Chenchang Zhu und Fang Wang, der Vorsitzende des Deutsch-Chinesischen Forums in Stuttgart. Ausformuliert wurde das Ganze von Chen Ma, Projektleiter bei Volkswagen. An den deutschen Gesundheitsminister appelliert die Gruppe: „Wir brauchen Ihre Stimme, damit dieses Wissen zum Allgemeinwissen wird“. Dann, so zeigen sich die Unterzeichner hoffnungsvoll, werde auch die Bevölkerung kollektiv hinter den Maßnahmen stehen.