Offener Protestbrief Ein „Ketzer“ vom SWR leidet am Corona-Journalismus
„Einheitsmeinung“ statt offener Debatte – so empfindet ein SWR-Journalist den Umgang mit Corona. Von Kollegen – und der AfD – erhält er Zuspruch, sein Sender widerspricht.
„Einheitsmeinung“ statt offener Debatte – so empfindet ein SWR-Journalist den Umgang mit Corona. Von Kollegen – und der AfD – erhält er Zuspruch, sein Sender widerspricht.
Stuttgart - Der Name des Verfassers stand gleich am Anfang des offenen Briefes. Doch viele Leser vermuteten, bei „Ole Skambraks“ müsse es sich um ein Pseudonym handeln. Viel zu riskant wäre es doch, als ARD-Mitarbeiter offen die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Corona-Krise zu kritisieren. Kollegen hatten das bisher meist unter dem Schutz der Anonymität getan. Schließlich zerstreute Skambraks die Zweifel: Auf Twitter postete er ein Foto seines Mitarbeiterausweises vom Südwestrundfunk (SWR), samt Passbild und Personalnummer.
Mut wird dem 42-jährigen Politikwissenschaftler, der nach internationaler Ausbildung und Stationen bei MDR und WDR derzeit bei SWR2 arbeitet, seither allseits bescheinigt. Seine Befunde zur bisherigen Corona-Berichterstattung aber haben eine kontroverse Debatte entfacht, mit Reaktionen von erleichterter Zustimmung bis zu verständnisloser Ablehnung. „Ich kann nicht mehr“, betitelte er seine Analyse – nämlich nicht mehr schweigen zur Art und Weise, wie sein Arbeitgeber journalistisch mit der Pandemie umgehe. Der Kern seiner Kritik: einen wirklich offenen Meinungsaustausch zum Umgang mit Corona gebe es nicht, der Diskussionsraum sei erheblich verengt. Proklamiert werde ein vermeintlicher „wissenschaftlicher Konsens“, den es zu verteidigen gelte.
Wer den offiziellen Kurs der Regierenden hinterfrage, so Skambraks, habe es schwer bei den Sendern. Einst angesehene Experten seien plötzlich als Spinner abgestempelt, Kritiker würden pauschal in die rechte Ecke gestellt. Auch intern erfordere es Courage, gegen den Strom zu schwimmen: Wenn er in Konferenzen vorsichtig Zweifel oder Kritik angemeldet habe, sei die Reaktion meist „betretenes Schweigen“ oder eine Belehrung gewesen, warum ein Hinweis so nicht stimme; zu Berichten habe es nie geführt. Dabei gäbe es für den SWR-Mann reihenweise Themen, die einer gründlicheren Ausleuchtung bedürften - Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Impfungen etwa oder Alternativen dazu. Doch wer anderes als das propagierte „Dauerimpfabonnement“ vertrete, bekomme keine Bühne. Die Spaltung der Gesellschaft werde vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk so mit vertieft. „Tunnelblick und Scheuklappen“ dominierten, wo „Perspektivenvielfalt“ angebracht wäre. Bei diesem Befund komme er sich vor „wie ein Ketzer, der Hochverrat begeht und mit Strafe rechnen muss“, endete Skambraks.
Von Strafe oder Sanktionen ist beim Südwestrundfunk keine Rede – das wäre ziemlich unklug. Allen Beschäftigten stehe es frei, im Rahmen der Rechtsordnung ihre Meinung zu äußern, sagt eine Sendersprecherin; dazu gehöre auch Kritik am SWR. „Wir bedauern jedoch, dass hierzu der Weg über Dritte anstelle des vertieften direkten Austauschs gesucht wurde.“ Inhaltlich teile man Skambraks persönliche Auffassung nicht. Als Verfasser von Programmtipps sei dieser weder in die tägliche Arbeit der Fachredaktionen eingebunden, noch habe er eine „übergreifende Sicht auf Themenplanung und –entwicklung“; daher erwecke er teils falsche Eindrücke. Über angeblich nicht aufgegriffene Themen sei im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr wohl berichtet worden, wie eine Liste von Internetlinks belegen soll. Impfnebenwirkungen etwa seien „auf allen erdenklichen Kanälen“ thematisiert worden. Mit dem Mitarbeiter sei man dazu „im internen Austausch“.
Ganz anders klingen die Reaktionen, die Skambraks auf seinem Twitter-Kanal (Hashtag: #ichkannnichtmehr) dokumentiert. „Sie sprechen mir aus dem Herzen“, schreiben ihm Kollegen, die seit Corona ebenfalls um die Meinungsvielfalt bangen; eine oder einer hat beim Lesen sogar „fast geheult“. Man habe Ähnliches erlebt wie der SWR-Mann, heißt es, aber den Frust darüber bisher heruntergeschluckt. Umso wichtiger sei es, dass nun mal jemand den Mund aufmache. Eigentlich, so ein Vorschlag, gehöre der offene Brief ins Intranet des Senders – als Anstoß für eine wieder offenere Diskussionskultur.
Beifall erhielt Skambraks aber auch von der Landtags-AfD, die ihn als Kronzeugen für den „verfehlten Corona-Journalismus der Öffentlich-Rechtlichen“ anführt. Sein Text möge endlich das „dringend notwendige Umdenken“ in den Redaktionen bewirken, nicht nur beim SWR. Dort ist der Verfasser derzeit nicht zu erreichen. Er sei „momentan nicht im Einsatz“, lautet die automatische Antwort auf Mails, sondern habe sich „eine kleine Auszeit genommen“.