Sie ist auf jeden Fall lauter geworden. Für wen was zu laut ist, ist immer eine individuell zu beantwortende Frage. Denn Lärm ist ein psychoakustisches Phänomen, das mehreren Faktoren unterliegt. Und die Verarbeitung dieses Phänomens, das Empfinden von Lärm, ist unterschiedlich. Der Sound der Formel 1 wird unterschiedlich wahrgenommen.
Ist zu viel Lärm schädlich?
Da gibt es zwei Aspekte. Zum einen kann Lärm zu physischen Probleme führen, zum Beispiel, wenn Lärmquellen einen zu hohen Schalldruck auslösen. Da kann es zu entsprechenden Hörzellschädigungen kommen. Das kennt man aus der Arbeitsmedizin, zum Beispiel vom Flughafen, da ist entsprechende Vorsorge zu treffen. Aber die weit häufigere Belastung wird verursacht durch den chronischen Lärm, der zu keinen physikalischen Schädigungen am Hörorgan führt, sondern der als Belästigung empfunden wird. Das ist die psychosomatische Komponente, die sehr viel ausgeprägter ist.
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Sind Sie als HNO-Arzt auch mit dieser Komponente befasst?
Natürlich, das zentrale Gebiet ist der Tinnitus, das Ohrgeräusch, das als sehr unangenehm und störend empfunden werden kann. Das ist kein Lärm, der von außen kommt, sondern der an verschiedenen Stellen der Hörbahn generiert wird. Es gibt da sicher einige somatische Komponenten. Aber gerade zentral ausgelöste Ohrgeräusche können doch auch zusammen mit allgemeinen Belastungssituationen zusammenhängen. Dazu gehören visuelle Überreizungen oder ganz generelle chronische Stressmomente im täglichen Leben. Auf dieser Basis kann Tinnitus auch als generelles Überlastungsphänomen in Zusammenhang mit einer lauter gewordenen Welt angesehen werden.
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Welche Auswirkungen kann chronischer Lärm, der von einem selbst als Belastung empfunden wird, haben?
Bei Kindern können Konzentrations-und Lernstörungen, bei Erwachsenen vor allem Schlafstörungen entstehen. Auch somatische Veränderungen wie Blutdruckschwankungen und Herzfrequenz-Veränderungen können die Folge sein. Der Lärm beeinflusst das vegetative Nervensystem, in der Folge werden dann entsprechende Stresshormone ausgeschüttet. So können dann die bekannten psychosomatischen Veränderungen ausgelöst werden.
Wie kann ich mich Lärm entziehen, damit ich mit solchen Problemen weniger konfrontiert bin?
Sich Ruhe verschaffen. Doch einen Gehörschutz tragen, ist im Alltag aus Kommunikationsgründen kaum möglich. Aber es ist wie gesagt ein multifaktorelles Phänomen, bei dem die emotionelle Verarbeitung des Lärms sehr entscheidend ist. Manche Menschen schaffen es, sich mental vom Lärm zu entfernen, obwohl es ringsum sehr laut ist. Die Interpretation des Lärms ist sehr wichtig für die Schädigungsempfindung. Das bedeutet, dass das Stressmanagement ganz entscheidend ist. Man kann die äußeren Sinneseindrücke reduzieren, zum Beispiel den Fernseher abschalten, der nebenbei in der Wohnung läuft. Oder, wenn man am Bahnsteig steht, nicht die ganze Zeit auf diese flimmernden Werbetafeln schauen. Am Bahnsteig kann man sich durchaus auch kurzfristig meditativ versenken und alles andere abschalten. In Großraumbüros kann man sich eine fokussierende Hörstrategie aneignen, das heißt, äußere akustische Stimulationen abzuspalten und gleichzeitig hoch fokussiert zu arbeiten. Das Gehirn kann diese Fähigkeit, Ruhe zu generieren, lernen.
Das Ziel ist also Entspannung?
Was entspannt, hilft. Wer will, kann auch zum Beispiel Sport machen, da ein freudiges Erleben damit verbunden ist und man so den äußeren Lärm abspaltet oder emotionell uminterpretiert. Das entlastet das Bewusstsein. Neben Meditation sind auch verschiedene Imaginationstechniken möglich. Damit verschafft man sich ein anderes emotionelles Erleben und entfernt sich vom belästigenden Lärm. Sinnvoll ist es auch, sich Ruhe zu verschaffen, und zwar Ruhe, an der man Freude findet, zum Beispiel die aufmerksame Wahrnehmung der Geräusche im Wald. Das ist das Entscheidende, dass man eine Kompensation erfährt.
Also geht es letztlich nicht nur um den Lärm, oder?
Die meisten Menschen, denke ich, die unter chronischem Lärm leiden, haben nicht nur ein Lärmproblem, sondern auch andere Probleme zu bewältigen: die eigene Familiensituation, die berufliche Situation. Oft ist die eigene Lebensphilosophie der Grund dafür, dass man in Belastungssituationen kommt: Was muss ich alles erreichen? Was will ich alles erreichen? Perfektionismus, äußerer Druck, Verantwortlichkeiten. Letztlich ist es ein Konglomerat aus vielen verschiedenen Situationen, das zu chronischem Lärmleiden führt. Und wenn der Lärm insgesamt um einen herum größer wird, hat man natürlich auch ein größeres Schädigungsempfinden.
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Wie können Sie den Patienten helfen?
Bei Tinnitus geht es natürlich zunächst einmal um die Klärung, ob es einen körperlichen Hintergrund hat, das heißt: Gibt es irgendwelche Mittelohrentzündungen, Innenohrveränderungen oder anatomische Veränderungen am Hörnerv, Halswirbelsäulen- oder Kiefergelenksveränderungen, die Ohrgeräusche auslösen können. Diese Diagnostik ist zunächst einmal das eine. Und wenn man da – und das ist der häufigste Fall – keine genaue Zuordnung machen kann, wo das Ohrgeräusch entsteht, dann kann man natürlich nachfragen, wie der Rest des Lebens aussieht, wodurch der Patient belastet ist und wie diese Belastung gemanagt werden kann. Dann kommt man schnell auf die Familiensituation, auf die berufliche Situation – und der Ansatz betrifft dann das Stressmanagement. Das heißt Bewertung der eigenen Situation und der eigenen Problemebene, unter denen der Patient leidet, und wie er vielleicht versuchen kann, diese neu zu bewerten. Man kann versuchen, seine eigenen Probleme in Relation zu setzen zu anderen Problemen – wie zum Beispiel aktuell dem Ukraine-Krieg – und das kann schon mal die Grundlage für eine Veränderung der eigenen Bewertungsskala sein. Natürlich ohne das Leiden des Patienten zu missachten. Da ist dann das Fachgebiet des HNO aber auch schon überschritten.
Zur Person
Vita
Wolfgang Weitzsäcker, Jahrgang 1948, hat in Tübingen Medizin studiert und promoviert. Er ist nicht nur HNO-Arzt, sondern absolvierte zudem eine sechsmonatige Ausbildung an der Traditionelle Medizinische Universität Beijing und Chengdu, eine Weiterbildung zum Arzt für Tauchmedizin und eine Weiterbildung in Klinischer Hypnose.
Soziales Engagement
Seit 1993 hat Wolfgang Weitzsäcker mehr als 60 ehrenamtliche Operationskurse mit mehr als 1000 Operationen in der Mittelohrchirurgie für HNO-Kollegen in Schwellenländern gegeben. In 29 Jahren war er dafür insgesamt etwa 24 Monate unterwegs