Stuttgarter OK Lab und Hochschule testen Prototyp Bürger können selber Lärm messen

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Nach Feinstaub will das OK Lab jetzt Lärm messen. Der Sensor-Prototyp wird in der Hochschule für Technik gebaut und getestet. Erste Daten sind schon im Internet einsehbar.

Ewald Thoma (rechts) und seine Mitstreiter vom OK Lab und von der Hochschule für Technik sind stolz auf ihren Prototyp für einen Lärmsensor. Weitere Bilder zeigt die Fotostrecke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 6 Bilder
Ewald Thoma (rechts) und seine Mitstreiter vom OK Lab und von der Hochschule für Technik sind stolz auf ihren Prototyp für einen Lärmsensor. Weitere Bilder zeigt die Fotostrecke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Das OK Lab, eine Gruppe von technikbegeisterten Bastlern, hat vor einigen Jahren einen Bausatz für Feinstaubsensoren entwickelt, der weltweit tausende Male nachgebaut wurde. Die damit erhobenen Daten nutzt auch unsere Redaktion für das Projekt Feinstaubradar. Als nächstes will das OK Lab Lärm messen. Wiederum hat die Gruppe den Bausatz für einen entsprechenden Sensor entwickelt. Die Anleitung dafür gibt es schon jetzt auf der Website des OK Lab. Allerdings handelt es sich um einen Prototypen – der zunächst ausgiebig getestet werden muss und noch weiterentwickelt wird.

Zum Testen gehört bei solchen Fällen auch, dass man das Messgerät einfach ein paarmal baut – um zu testen, wie leicht das geht und ob Laien das ebenfalls hinbekommen können. Schließlich leben solche als „Citizen Science“ (Bürgerwissenschaft) bezeichneten Projekte zumeist davon, dass möglichst viele Bürger mitmachen.

50 Lärmsensoren zum Auftakt

Die Versuchskaninchen sind in dem Fall Studentinnen und Studenten der Hochschule für Technik im Masterstudiengang Gebäudephysik. Ein starkes Dutzend von ihnen findet sich am letzten Donnerstag vor Weihachten im Souterrain in der Werkstatt ein. Es wird gesteckt, gelötet und gesägt. Bereit liegen die vorbereiteten Mikrofoneinheiten – einfache Handymikros, eingefasst in längliche Plastikröhrchen, aus denen Käbelchen herausschauen –, dazu Platinen mit zwei Prozessoren drauf sowie die von der Heimsheimer Modellbaufirma Cirp maßangefertigten Plastikhüllen.

50 Lärmsensoren entstehen am Ende, die anschließend von den Studenten sowie von Aktiven aus dem OK-Lab-Umfeld in Betrieb genommen werden. Im nächsten Semester sollen die Daten ausgewertet und die Messqualität evaluiert werden. Andreas Drechsler von der Hochschule betreut das Projekt und betont den Wert dieses Vorhabens: Die Lärmbelastung wird so gut wie nirgends durchgängig gemessen, sondern ganz überwiegend errechnet – darauf beruhen nicht zuletzt die Lärmkarten, wie sie auch die Stadt Stuttgart auf ihrer Website zur Verfügung stellt. „Wird zusätzlich noch Lärm gemessen, dann meistens tagsüber und an Hauptverkehrsachsen“, so Drechsler. Das OK-Lab-Projekt könne helfen, Daten zur Lärmbelastung in der Nacht sowie an Nebenstraßen und in Wohngebieten zu gewinnen – „samt Spitzenwerten und 24-Stunden-Verläufen“, schwärmt der Akustikforscher.

Warum Bürger aktiv werden

Die Hochschule hat auch die Messgenauigkeit der OK-Lab-Geräte bestimmt. Ewald Thoma, der das Projekt im OK Lab gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreiter vorantreibt, berichtet stolz, dass die Mikros mit einer Abweichung von rund 1,5 dbA nur geringfügig ungenauer messen als Referenzgeräte. Die Materialkosten von rund 80 Euro liegen weit unter dem, was professionelle Geräte kosten. Preislich bewegt sich das OK Lab damit ungefähr in dem Bereich, den vergleichbare Projekte in Europa und den USA erreichen. Schon seit Jahrzehnten haben sich hierzulande betroffene Bürger im Deutschen Fluglärmdienst zusammengeschlossen, um die Lärmbelastung rund um Flughäfen zu messen – allerdings mit teils deutlich teureren Geräten.

Hängen eines Tages viele günstige Geräte, könnte die Lärmbelastung gerade in bewohnten Gebieten neu bewertet werden. Regelungen gibt es nur für Neubauten, Messwerte fehlen in der Regel völlig. Dabei dürfte es viele Bürger interessieren, wie laut es beispielsweise nachts vor ihrem Schlafzimmer ist und wie oft vorbeifahrende Autos oder Züge zu kurzzeitigen Spitzenwerten führen. Das war nicht zuletzt die Motivation für Ewald Thoma, das Thema Lärmsensor gemeinsam mit seinen OK-Lab-Kollegen anzugehen: Er lebt in Leonberg unweit der Bahngleise. Seine vier Lärmsensoren, die er dort seit einigen Monaten aufgebaut hat, „verpassen keinen Güterzug und messen teils erstaunliche Lärm-Peaks“, sagt Thoma. Wer mag, kann diese Daten schon jetzt im Internet abrufen.

// Erste Daten zur Lärmmessung stehen online unter maps.luftdaten.info unter „Lautstärke“

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