Olcay Miyanyedi aus Böblingen Muslim, queer – und neuer Schirmherr des CSD Stuttgart

Olcay Miyanyedi aus Böblingen hat mit zwei weiteren Personen die Schirmherrschaft für den CSD Stuttgart übernommen. Foto: Eibner/Roger Bürke

Olcay Miyanyedi aus Böblingen passt in keine Schublade: Er ist Muslim, queer – und in diesem Jahr einer der Schirmherren des CSD Stuttgart.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Olcay Miyanyedi passt in keine Schublade. Der 39-jährige Böblinger ist Muslim und queer. Seine Großeltern sind in den 60er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen, er selbst ist hier geboren. Viele Menschen sehen ihn als ein Paradoxon: Er bekennt sich zum muslimischen Glauben und ist queer? Das gehe doch gar nicht, wird ihm immer wieder vorgeworfen. Von Kindesbeinen an muss er sich erklären und rechtfertigen. Ein Grund, warum er sich in seinem Leben unablässig für gesellschaftliche Gleichstellung und Selbstbestimmung einsetzt. „Ich denke dann immer an den kleinen Olcay, der mit 17 Jahren nicht mehr wusste, wo er eigentlich hingehört, was er machen soll und ob dieses Leben auf dieser Welt sich überhaupt noch lohnt“, sagt der heute 39-Jährige. Hätte der junge Olcay Vorbilder gehabt, jemanden, mit dem er sich hätte identifizieren können, dann wäre vieles vielleicht einfacher gewesen, sagt der Böblinger. Das ist heute seine größte Motivation: Er will anderen das Leben leichter machen.

 

Dieser Vorsatz spornt ihn auch für seine Aufgabe als Schirmherr der Kulturwochen anlässlich des diesjährigen Christopher Street Days (CSD) in Stuttgart an. Als Vertreter der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg wird er gemeinsam mit Lisa Strelkowa von LGBTJews und Atahan Demirel von der Queer Muslimischen Allianz Deutschland das Gesicht des CSD Stuttgart sein. Mit den CSD-Kulturwochen sowie der Demonstration und Kundgebung im Juli soll auf die Belange der LSBTTIQ*-Community aufmerksam gemacht werden.

Ab 2016 arbeitete er bei der Türkischen Gemeinde

Aufgewachsen ist Olcay Miyanyedi im Ruhrgebiet. In Frankfurt hat er Religionswissenschaft und Erziehungswissenschaft studiert und legte seinen Schwerpunkt auf Religionssoziologie mit Fokus auf Geschlechterforschung. 2016 zog er dann nach Böblingen, um hauptamtlich bei der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg zu arbeiten. Seit 1999 bemüht sich der Verein, Projekte und Aktionen unter anderem in den Bereichen Integration, Inklusion, Gewaltprävention und Antidiskriminierung durchzuführen. Auch zahlreiche Beratungsangebote stemmt der Verein. Durch das Projekt, das Olcay Miyanyedi dort begleitete, hat er über viele Jahre Kontakte in die queere und migrantische Community in Stuttgart knüpfen können.

2019 wechselte er dann zur Stadt Stuttgart in die Abteilung Chancengleichheit und beschäftigte sich dort bis 2023 vor allem mit Jungen- und Männergesundheit. Bei der Türkischen Gemeinde ist er nun ehrenamtliches Mitglied und immer noch in Beratungen eingebunden. Seit vergangenem Oktober arbeitet er als Büroleiter im Wahlkreisbüro des SPD-Landtagsabgeordneten Florian Wahl in Böblingen.

Bereits im vergangenen Jahr war Miyanyedi als Vertreter der Türkischen Gemeinde beim CSD in Stuttgart mit dabei und nahm in einer Formation an dem Demonstrationszug durch die Stadt teil. So wurde die IG CSD – die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart als Trägerverein des hiesigen CSD – schließlich auf ihn aufmerksam und fragte, ob er eine der Schirmpersonen für die diesjährigen Events sein wolle.

„Ein Mensch bringt nicht nur ein Identitätsmerkmal mit sich“

In seiner Arbeit ist ihm vor allem ein intersektionaler Blickwinkel wichtig. Doch was bedeutet das? „Ein Mensch bringt nicht nur ein Identitätsmerkmal mit sich“, erklärt Olcay Miyanyedi. Migrationsgeschichte, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und vieles mehr machten einen Menschen aus und seien in ihrer Wechselwirkung eng miteinander verbunden. „All diese Merkmale können dazu führen, dass man ausgegrenzt wird“, sagt der 39-Jährige, der eben nicht nur Muslim ist und nicht nur queer, sondern eben ein queerer Muslim. Am eigenen Leib hat er dies oft erfahren müssen: Als die Terroranschläge im Jahr 2001 in New York die Twin Towers zum Einsturz brachten, musste er plötzlich als Stellvertreter für eine gesamte Religion geradestehen. Ähnliche Erfahrungen machte er, als er sich outete. „Ich kenne kein Leben, in dem ich mich nicht rechtfertigen musste“, sagt Miyanyedi heute. Dies passiere überall – in der Öffentlichkeit, in der Familie, im Freundeskreis. Er gibt zu, dass er manchmal erschöpft davon sei, sich ständig mit den Vorurteilen anderer auseinandersetzen zu müssen.

Vor allem als er jünger war, hätten die ständigen Konfrontationen an ihm genagt, und er habe sich gefragt: Haben die Leute, die diese Dinge über mich sagen, vielleicht recht? Erst in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Diskriminierung, Kolonialismus und den Konzepten, die dahinter stehen, konnte er diese Fragen für sich aufarbeiten.

Und es sind viele Fragen, die es zu beackern gibt. Deshalb sind ihm Allianzen, wie sie nun in der diesjährigen Schirmherrschaft für den CSD gebildet wurden, so wichtig. „Wenn wir viele unterschiedliche Sichtweisen haben, dann können auch viele Themenfelder bearbeitet werden“, sagt der 39-Jährige, der in der anstehenden Kommunalwahl für den Böblinger Gemeinderat kandidiert.

Bis zum Sommer wird er nun mit den beiden anderen Repräsentanten bei den öffentlichen Terminen für den CSD Stuttgart Gesicht zeigen und seine Lebensaufgabe weiterführen: Als positives Vorbild anderen Mut zu machen.

CSD-Kulturwochen im Juli

Events
 Im Juli steht die Regenbogen-Community mit vielen Aktionen und Events im Mittelpunkt. Die Kulturwochen finden vom 12. bis zum 28. Juli statt. Am 27. Juli findet die bekannte CSD-Demonstration mit Kundgebung in der Stuttgarter Innenstadt statt. Am 27. und 28. Juli gibt es außerdem eine Hocketse mit Infomeile, in der zahlreiche Initiativen über ihre Arbeit berichten.

Verein
 Organisiert werden die Kulturwochen von Ehrenamtlichen der IG CSD Stuttgart. Der Verein ist mit weiteren Events das ganze Jahr über aktiv.

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