Juliane Muscogiuri hatte schon immer ein großes Herz für die kleinen Wagen mit der kugeligen Form: „Papa, Papa, fahr langsamer! Ich will die lustigen Autos am Straßenrand sehen“, sagte die jetzt 32-Jährige schon als Kind zu ihrem Vater. Also drosselte dieser die Geschwindigkeit, wenn er auf der B 14 an der Autoreparatur-Werkstatt von Erk & Canz im Backnanger Teilort Maubach vorbeifuhr. Die kleine Juliane drückte dann den lockigen Schopf ans Seitenfenster. Sie war begeistert von den dort dutzendfach aufgereihten und teils recht desolat aussehenden Automobil-Antiquitäten auf dem Werkstatthof.
Aus ihrem kindlichen Glückskäfer-Gefühl ist ein Brotberuf geworden: „Dass ich hier mal fest arbeiten werde, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft“, sagt die junge Frau aus Backnang. Seit zehn Jahren gehört sie nun schon zum Werkstatt-Team. Die Sattlerin kümmert sich bei Erk & Canz um die Innenausstattung der Autos. Sie polstert Sitze, näht Bezüge, fertigt Kopfstützen und passt neue Teppiche für den Fußraum an. Mit der Arbeitsstelle sei für sie ein Traum in Erfüllung gegangen, sagt die Schwäbin mit süditalienischen Wurzeln: „Ich kann hier mein handwerkliches Können gut mit dem kreativen Part verbinden.“
Der Sohn 1974: „Ich mache im Leben keinen Käfer mehr“
Juliane Muscogiuri hatte vor zehn Jahren eigentlich aus einem anderen Grund in der Käfer-Werkstatt vorbeigeschaut. „Ich suchte nach einem VW-Emblem, um mir eine Wanduhr zu basteln“, erzählt sie. Aus Neugier habe sie auch die Sitze und Polster genauer in Augenschein genommen. Werkstattinhaber Thomas Canz hakte nach und spürte, dass Juliane Muscogiuri mit ihrem Können als Sattlerin das noch fehlende Puzzleteil im gut eingespielten Käfer-Reparatur-Team sein könnte. So kam es: „Wir ergänzen uns alle drei richtig gut“, sagt sie.
Thomas Canz hatte schon als Teenager mit den rollenden Krabblern zu tun: „Mein Vater hatte eine Käfer-Werkstatt in Fellbach-Schmiden. Mit zwölf Jahren musste ich schon den Auspuff wechseln“, berichtet der nun 68-jährige Automechaniker. Als sein Vater 1974 aufhörte und dem Sohn seine Sonderwerkzeuge anbot, winkte dieser ab: „Ich mache im Leben keinen Käfer mehr“, sagte der Junior. Doch es kam anders. Nachdem er im Ausland rumgejettet und danach in verschiedenen Werkstätten angestellt war, wollte er sein eigenes Ding machen.
Mit Thomas Erk, der bei einer Firma in Zuffenhausen Autolackierer gelernt hatte, fand er einen Kollegen und Kompagnon, der bei dem Projekt mit einstieg: „Seit Anfang der 1990er Jahre machen wir jetzt schon die Käfer-Werkstatt zusammen“, sagt Canz. Die beiden verstehen sich blind.
„Die erste Werkstatt betrieben wir in Bittenfeld“, sagt Thomas Erk. Dort habe man neben Käfern auch 356er-Porsche und alte Daimler restauriert, erinnert sich der 62-Jährige. Irgendwann habe man sich dann auf die Reparatur, Instandsetzung und Restauration von Käfer-Modellen und VW-Bullis (T1 und T2) spezialisiert und sich in Maubach in einer kleineren Werkstatt niedergelassen. Die Kfz-Handwerker aus Backnang haben sich mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung einen Namen in der Szene gemacht: „Wir haben europaweit Kunden“, sagt Canz. Die Beiden seien „die erste Adresse für alles Luftgekühlte mit fairen Preisen“ ist von der Fanbase zu hören.
Ein Auto „für den Stall wie für den Ball“
Viele verbinden mit den buckligen Fahrzeugen Kindheitserinnerungen und nostalgische Gefühle aus Zeit des Wirtschaftswunders. An heißen Tagen konnte einem als Kind der 1960er-Jahre in kurzen Hosen schnell mal die Haut auf dem Kunstlederbezug festkleben. Vielleicht machen solche Erfahrungen den speziellen Käfer-Effekt aus. Der Volkswagen überwindet Klassenschranken und soziale Barrieren, er findet sich auf jedem gesellschaftlichen Feld zurecht: „Du fährst damit morgens als Bauer auf deinen Acker und abends im Frack zur Oper“, beschreibt Canz das fahrende Faszinosum. „Es ist ein Auto für den Stall wie für den Ball.“ Und ein in aller Welt millionenfach verkaufter Exportschlager. „El Vocho“ heißt der Hüpfer in Mexiko. Als Käfer-Taxi und Symbol kultureller automobiler Aneignung umkurvte der grüne Krabbler bis 2012 die Staus in der mexikanischen Metropole.
„Alle Leute lieben das Auto“, sagt Thomas Canz. Der 68-jährige Automechaniker hält den Käfer auch unter dem ökologischen Aspekt für unschlagbar. Ein so langlebiger Oldtimer sei die umweltfreundlichste Art, sich fortzubewegen. „Meist läuft er ja schon in der dritten oder vierten Generation.“ Und er läuft und läuft und läuft, wie einst die Werbung versprach. Für die Produktion eines Käfers seien ehedem rund 200 000 Liter Wasser benötigt worden. Im Gegensatz dazu werde für die Herstellung eines heutzutage viel größeren Fahrzeuges „zwischen 400 000 und 600 000 Liter Frischwasser verbraucht“, sagt Canz.
Auf der Hebebühne steht gerade ein rotes VW-Cabrio. Die schicken Oben-Ohne-Käfer sind begehrte Stücke: „Zu uns kommt aber auch die Enkelin, die unbedingt den alten Ovali-Käfer oder Brezel-Käfer vom Opa weiterfahren will“, sagt Canz. Zu den Käfer-Spezialisten aus Maubach kann jeder kommen – reich und arm. Die Vertreter der Heiligs-Blechle-Schickeria, die sich Käfer-Varianten mit frisierten Motoren und gepimpten Karosserien wünschen, halten sich Canz und Erk aber lieber vom Hals: „Wir verschandeln den Käfer nicht und legen ihn nicht tiefer. Wir machen vielleicht mal ein leichtes Tuning, mehr nicht.“
Einmal kam so ein kapitalkräftiger Autoprolet auf den Hof, wie Canz ihn bezeichnet. Er wollte partout einen VW Variant, Baujahr 1971, den Canz einst für sich selbst restauriert hatte, erwerben. Doch der Wagen war unverkäuflich. Der Mann zückte 30 000 Euro und schmiss das Bündel Scheine vorne auf die Haube. Canz reagierte rigoros: „Ich habe das Geld mit der Hand von der Haube gefegt und zu ihm gesagt: Gehen Sie besser dorthin, wo Ihre offenbar fehlenden Manieren zwecks des Umsatzes ausgeblendet werden.“ Denn protzige Gesten mögen die Käfer-Retter aus Maubach gar nicht. Sie sind aber glücklicherweise die große Ausnahme.