Ein kurzer, nüchterner Satz markiert das Aus. „Klaus Kienle hat das Unternehmen verlassen“, teilt der Insolvenzverwalter Philipp Grub mit. Es ist das Ende eines Unternehmens in seiner jetzigen Form, dessen weltweiter Ruf ausschließlich mit dem Namen Kienle verbunden war. Er markiert auch den Schlusspunkt hinter dem Lebenswerk eines Mannes, der ebenso mit den Königshäusern der arabischen Welt Geschäfte machte, wie er Stars von Sport, Gesellschaft und Showbusiness in den Räumen seiner Firma im schwäbischen Heimerdingen empfing.
In dem zwar zu Ditzingen gehörenden Ortsteil, aber abgelegen am Tor zum Schwarzwald hatte Kienle ein Unternehmen aufgebaut, das sich zum weltgrößten, vom Hersteller unabhängigen Restaurierungsfachbetrieb für klassische Mercedes-Benz Automobile entwickelte. Ob Mercedes 300 SL, Pagode, 600 – Kienle hatte bald einen Namen in der Fachwelt. Keine Messe wie die Retro Classics ohne seinen Stand, kein Fahrzeug, das er nicht restaurierte – und wenn er dafür selbst um den Globus flog. Ihm, dem schwäbischen Geschäftsmann, war das Ehre und Verpflichtung zugleich.
Bis zum Frühjahr. Seitdem wird gegen Klaus Kienle wegen des Verdachts auf Betrug ermittelt. Auslöser für die Ermittlungen ist ein Mercedes Benz 300 SL „Roadster“. Kienle, heute ein Mann Mitte 70, soll im Jahr 2019 eine Fälschung des Wagens zum Kauf angeboten haben, so der Vorwurf. Die Ermittlungen dauern an und beziehen sich auf mehrere Fälle. Auch laufen mehrere Zivilprozesse.
Kienle bestreitet die Vorwürfe seit ihrem Bekanntwerden, macht allein diese für seine wirtschaftliche Schieflage verantwortlich. Er erwähnt nicht, dass er ausweislich der Geschäftsberichte schon seit langem wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Ende Oktober meldete das Unternehmen schließlich Insolvenz an. Keine vier Wochen später hat das Insolvenzgericht Kienle entmachtet und ihm die Verfügungsgewalt über den Betrieb entzogen, laut Gericht „zur Verhinderung nachteiliger Veränderungen in der Vermögenslage der Schuldnerin“. Seither hat Kienle Hausverbot. Die Internetseite von Kienle Automobiltechnik ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Kienle selbst lässt über seinen Anwalt ausrichten, es sei „üblich, dass ein Insolvenzgericht im Laufe des Verfahrens weitere Sicherungsmaßnahmen anordnet.“
Nichts ist mehr geblieben von der Souveränität, mit der der Geschäftsmann seinen Kunden gegenübertrat, ganz gleich, ob es sich dabei um den einstigen Ferrari-Teamchef Jean Todt handelte, Unternehmer Klaus Fischer, Fußballer Manuel Neuer, Tennisveranstalter Ion Tiriac oder Schönheitschirurg Werner Mang. Die prominenten Besuche färbten ab auf das pietistisch geprägte Ditzingen, das dadurch immer auch ein wenig von Glanz und Glitzer der Schönen und Reichen abbekam. Kienle gab sich äußerlich unbeeindruckt von der Prominenz, fast schon lässig zog er noch kurz das Jackett über, wenn seine Mitarbeiter die Ankunft des designierten König Malaysias auf dem Firmengelände verkündeten. Kienle wirkte auch in diesen Momenten zurückhaltend, wenngleich selbstbewusst, eine Hand lässig in der Hosentasche. Er wusste, was er erreicht hatte. Fahrzeuge aus seiner Werkstatt erzielen heute Preise von mehr als anderthalb Millionen Euro.
Kienle, aufgewachsen in Vaihingen an der Enz, hatte sich nach der Lehre zum Automechaniker und der Meisterprüfung in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Niederlassung zum Leiter der Abteilung Großreparaturen und Sonderfahrzeuge hochgearbeitet, ehe er sich 1984 mit seiner Firma selbstständig machte. Ein Freund, ein Schweizer und Freund des Königs von Kuwait, hatte ihn darin bestärkt.
Kienle fing in einer Garagenwerkstatt in Heimsheim im Enzkreis an. Daimler verkaufte ihm bereitwillig Werkzeuge und Messgeräte, die er für die Restaurierung benötigte. Schnell machte er sich einen Ruf unter den Freunden historischer Fahrzeuge, galt alsbald als Spezialist für den Mercedes 300 SL. Ganz gleich, ob Flügeltürer oder Pullmann, den 600er von John Lennon oder jenen 600er, weiß lackiert, mit den Weißwandreifen, den Udo Jürgens gefahren hatte: während sie bei Kienle auf einen neuen Käufer warteten, ließ der Chef gerne mal die Öffentlichkeit wissen, welchen – und wessen – Oldtimer er in seinem Showroom stehen hatte. Er musste die Promis nicht selbst getroffen haben, die Historie des Fahrzeugs sprach für sich – und der Unternehmer wusste um die Wirkung der Fahrzeuge. Blitzendes Chrom, glänzender Lack, Zeugen der Automobilgeschichte, gefahren von Menschen mit großen Namen – das wirkte. Kienle musste nicht viel mehr erzählen, ließ lieber Datenblätter sprechen, die die Echtheit der Historie belegen sollten. Lange zweifelte kaum jemand an der Originalität von Fahrzeug und Dokumenten und das Können des gelernten KfZ-Schlossers war unbestritten. Jene Kunden indes, die sich mit Kienle überworfen und nun Fragen hatten, beklagten, von ihm nur ausweichende Antworten zu erhalten.
In rund vier Jahrzehnten hatte sich Kienle einen Ruf erarbeitet. Aber er hatte auch viel zu verlieren, wenn er mit einem seiner Mechaniker für ein, zwei Tage nach Marokko flog, um ein Fahrzeug der marokkanischen Königsfamilie zu warten. Insofern stand für ihn außer Frage, solche Termine immer auch zur Chefsache zu machen.
Bis zu 90 Mitarbeiter beschäftigte er zeitweise, zuletzt wurde die Zahl mit 60 angegeben. Von ihnen hat man all die Jahre nichts gesehen, sie arbeiteten in den Hallen, die vom Showroom aus nicht einsehbar sind. Keine profanen Werkstattgeräusche störte die andächtige Stille, die die Millionen teuren Oldtimer umgab. Der Chef selbst begnügte sich etwas abseits mit einem kleinen Büro. Er arbeitete weiter, während draußen etwa die gehisste Flagge des Sultanats von Kelantan den nächsten Gast ankündigte, so lange dieser noch über dem Luftraum von Stuttgart kreisen und sich dann im Stau über die Autobahn 8 vom Flughafen nach Heimerdingen quälen würde. „Es ist wie Urlaub für die meisten“, sagte er einmal über seine royalen Besucher aus Bahrain, Dubai, Katar, Saudi-Arabien, Libyen, Marokko und Indonesien. Ganz gleich, welche Aufgabe sie in ihrer Heimat erfüllten, es seien doch alles „Enthusiasten, die sich auf die Autos freuen“. Mit manch’ seiner Kunden verbanden ihn irgendwann Freundschaften, sein Netzwerk ist groß und über den Globus gespannt. Immer wieder ist er im Königshaus von Marokko in Rabat zu Gast, des Kundendiensts wegen – um die 1000 Fahrzeuge im Besitz der Königsfamilie zu warten.
Von alledem ist nichts mehr übrig. Klaus Kienle kann weder über seinen Betrieb noch die Vermögenswerte verfügen. Das Sagen hat jetzt allein der Insolvenzverwalter. „Ich bin zuversichtlich, dass Herr Grub als Sanierungsspezialist die beste Lösung für die Kienle Automobiltechnik GmbH erreichen wird“, lässt Klaus Kienle über seinen Anwalt mitteilen.