Olga Grjasnowa im Porträt Olga Grjasnowa – Von Baku nach Leipzig

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Ihre Familie verließ 1996 Baku in Richtung Deutschland, „russisch-jüdische Kontingentflüchtlinge“ heißt das in dem Behördendeutsch, das Grjasnowa lustvoll zitiert. Und das erinnert nun wirklich an Mascha aus dem Roman, der bei dem Wort „Migrationshintergrund“ immer die Gallenflüssigkeit hochkam – „schlimmer wurde es lediglich bei dem Adjektiv ,postmigran­tisch‘“. 1996 war sie zwölf, der Vater An­walt, die Mutter Klavierlehrerin. Dem lebhaft-drängenden Puls ihrer Prosa zum Trotz hat sie die Musikalität der Mutter nicht geerbt. „Ich kann nicht einmal rhythmisch klatschen“ – einer der Gründe, aus denen sie ihr jüngstes Studium, Tanzwissenschaften, in Berlin nach einem Semester wieder abgebrochen hat.

Ganz nebenbei: was macht man eigentlich als Tanzwissenschaftler? „In der Kulturgeschichte des Tanzes gibt es sehr viele politische Bezüge“, sagt Grjasnowa. „Wie wirkt sich die Normierung des Körpers aus? Welche Zwänge sind dabei am Werk?“ Interessante Fragen, zu deren Beantwortung sie allerdings, obwohl sie sich ein theoretisches Studium erhofft hatte, den Anweisungen gescheiterter Choreografen hätte folgen müssen – weniger mit dem Kopf als mit ihrem „noch sehr unerfahrenen Körper“. Eigentlich wollte sie ja auch viel lieber Military Studies in Potsdam studieren: „Ein bisschen Militärsoziologie, ein bisschen organisiertes Verbrechen.“ Dort aber seien junge Männer mit Seitenscheitel bevorzugt worden, sie habe es nicht einmal in die erste Bewerbungsrunde geschafft.

Das klingt schon ein wenig nach Studiennomadentum, zumal wenn man noch einige Semester – was war das noch einmal gleich – in Göttingen hinzunimmt. Aber erstens stand das Berufsziel fest, spätestens, seitdem die kleine Olga beim Schreibwettbewerb eines oberhessischen Energieversorgers den dritten Platz belegte, zweitens verfügt sie über ein abgeschlossenes Studium am Leipziger Literaturinstitut, und drittens richten sich ihre universitären Bestrebungen konsequent nur auf das, was ihrem Schreiben nützt. Und da ist der Weg vom Militär zum Tanz gar nicht so weit. Zumindest sind in beiden Disziplinen jene Grundbegriffe von Belang, um die ihre ganze literarische Arbeit eigentlich kreist: Körper und Gewalt.

Ihre Methode heißt Recherche

Sie war viel in Krisenregionen unterwegs, hielt sich längere Zeit in Israel auf. Überall in der Welt, davon ist sie überzeugt, kann die in einer Gesellschaft gebundene Gewalt binnen kürzester Zeit entfesselt werden, immer nach derselben Methode. Darum wird es auch in ihrem zweiten Buch gehen: um die Zurichtung des Begehrens und die Ausschlussmechanismen der Sexualität, die denen auf nationaler Ebene gleichen. „Der Körper wird sofort abgestempelt, sobald etwas anders ist. Der schwule Mann ist kein richtiger Mann, eine lesbische Frau ist keine richtige Frau. Darüber recherchiere ich gerade.“

Wohlgemerkt Recherche. So wie ihr erster Roman auf akribischer Recherche über posttraumatische Belastungsstörungen und die Hintergründe des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts beruhte. Aber vermutlich werden die Besucher ihrer Lesung nachher wieder das Bild im Buch prüfend mit ihr vergleichen und dezent nach Malen des Erlittenen fahnden. Sie werden fragen, warum sie so gut Deutsch spricht und wie man sich so fühlt als Mascha.