Olgahospital „Patientenversorgung ist gefährdet“

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Um die Versorgung der Patienten im ­Olgahospital ist es offenbar nicht gut bestellt. Zwar weist die Geschäftsführung einen systematischen Personalmangel zurück, doch betroffene Mitarbeiter schlagen Alarm: Kinder könnten zu Schaden kommen.

Am Olgäle herrscht Krisenstimmung. Foto: Achim Zweygarth 60 Bilder
Am Olgäle herrscht Krisenstimmung. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Um die Versorgung der Patienten im ­Olgahospital ist es offenbar nicht gut bestellt. Zwar weist die Geschäftsführung einen systematischen Personalmangel zurück, doch betroffene Mitarbeiter schlagen Alarm. Gleich mehrere Hilferufe sind bei der Stuttgarter Zeitung eingegangen, die auf gravierende Folgen eines erheblichen Personalmangels im Olgäle hinweisen. Problematisch sei die Situation vor allem auf der Intensivstation sowie auf den Stationen K 4 (Kardiologie) und K 7 (Diabetes-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen). Weil es an Pflegekräften fehlt, wurde die Bettenzahl auf der Intensivstation dauerhaft von 14 auf neun reduziert (plus ein Notfallbett). Auch auf den Stationen K 4 und K 7 hat die Pflegeleitung in den vergangenen Monaten reagiert und zumindest zeitweise Betten stillgelegt.

„Es werden Herzoperationen verschoben – oder die Kinder werden für die OP in andere Krankenhäuser geflogen, weil die Bettenzahl auf Intensiv reduziert wurde“, sagt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Zudem würden Kinder schneller von der Intensivstation auf normale Stationen verlegt, als man das früher getan hätte, sagt der Mitarbeiter. Auf diese Weise könnten „Kinder zu Schaden kommen“.

Ärzte sind beunruhigt

Auf Mitarbeiterversammlungen sollen längst nicht nur Pflegekräfte ihren Unmut kundtun, sondern auch Ärzte. In einem Brief an den Ärztlichen Zentrumsleiter und die Klinikleitung, welcher der StZ vorliegt, haben die Oberärzte des Olgahospitals bereits am 1. August 2012 über „beunruhigende Entwicklungen“ berichtet. Die Liste an aufgeführten Problemen ist mehr als zwei Seiten lang und schließt mit der Einschätzung: „Wir betrachten es als unsere Pflicht, Sie (. . .) darüber zu informieren, wie aus unserer Sicht die geforderte Versorgung gefährdet ist.“ Vorwiegend basieren die von den Ärzten geschilderten Probleme auf einem Mangel an Pflegekräften. Wegen der reduzierten Bettenkapazität müssten Kinder abgewiesen oder in umliegende Kinderkliniken verlegt werden. Die Ärzte führen sieben Verlegungen innerhalb einer Woche an. „Regelmäßig“ komme es zu Verschiebungen von Herzoperationen. Isolierungen von Patienten könnten nicht nach Hygienestandards erfolgen. Ein Kind sei viermal innerhalb einer Nacht verlegt worden. Ein Kind mit Sepsis und schwerer Anämie habe erst nach Stationswechsel und nach mehr als acht Stunden im Olgahospital die erste Antibiotikagabe und erforderliche Transfusion erhalten.

Der Vorsitzende des Personalrats, Jürgen Lux, bewertet die Situation am Olgäle als „äußerst kritisch“, die Stimmung sei mehr als angespannt. 453 Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen sind im Jahr 2012 beim Personalrat eingegangen. Allein in den vergangenen drei Monaten hat es 172 Anzeigen gegeben – mehr als im gesamten Jahr 2011, da waren es 157. Ein Jahr zuvor lag die Zahl bei 110. „Der Personalschlüssel ist nicht ausreichend“, so Lux.

„Personalsituation ist gesundheitsgefährdend“

Auch Eltern äußern sich besorgt. „Eine solche Personalsituation ist nicht tragbar und vor allem gesundheitsgefährdend“, kritisiert Anna Servatius. Sie ist Mutter einer herzkranken Zweijährigen. Im Mai sei eine dringende Herzoperation bei ihrer Tochter um einen Tag verschoben worden, weil kein Bett auf der Intensivstation frei war. Ein anderes Mal hatte ihre Tochter eine Lungenentzündung und sei mit einem Kind, das an einer Bronchitis litt, auf einem Zimmer gelandet. „Sie hätte isoliert werden müssen“, sagt Anna Servatius. Sie hat mehr als sechs Monate innerhalb der vergangenen zwei Jahre im Olgäle verbracht und ist deshalb sicher, die Lage einschätzen zu können. Ihre Diagnose ist eindeutig: Der Druck, der auf den Pflegekräften und den Ärzten laste, habe 2012 deutlich zugenommen.

Der Geschäftsführer des Stuttgarter Klinikums, Ralf-Michael Schmitz, räumt ein, dass es einen Personalmangel bei den Pflegekräften im Intensivbereich sowie auf den Stationen K 4 und K 7 gebe. „Pflegekräfte im Kinderkrankenhausbereich sind Mangelware, vor allem im Intensivbereich“, sagt Schmitz. Auf das gesamte Olgäle be­zogen weist der Geschäftsführer jedoch einen Personalmangel zurück: „Wir haben grundsätzlich keine dünne Personaldecke“, der Engpass sei „nicht systematisch“. Man habe sogar deutlich mehr Personal als andere Kliniken, sagt Schmitz. So gebe man 3,5 Millionen Euro pro Jahr mehr für die Pflege aus als vergleichbare Kinderkrankenhäuser in Deutschland und als vom Bund vorgesehen – ein Grund für das Defizit von 6,5 Millionen Euro in diesem Jahr. Die Stadt übernimmt davon fünf Millionen.

Wölfle ist im Bilde

Schmitz verteidigt den Weg, Betten auf der Intensivstation reduziert zu haben, statt – wie andere Krankenhäuser – Pflegepersonal umzuschulen. „Wir wollen die Qualität sicherstellen und nehmen nur vollständig ausgebildete Fachkräfte.“ In Bezug auf den Brief der Oberärzte behauptet er: „Das meiste entspricht nicht der Realität.“ So habe es bis August, als der Brief geschrieben wurde, lediglich fünf Verlegungen in andere Klinken gegeben. Solch eine Verlegung sei in beide Richtungen üblich. Auch ins Olgäle würden aus den umliegenden Krankenhäusern der Region Patienten verlegt. Die Hygienestandards würden ebenfalls eingehalten. „Wir haben hier ein klares, internes Meldesystem.“

Der Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle ist über die Situation am Olgäle im Bilde. Er hat Gespräche mit Oberärzten und allen Pflegeleitungen geführt. Die personelle Situation am Olgäle sei „unzweifelhaft angespannt“, schreibt Wölfle per ­E-Mail aus dem Urlaub. Der Umzug ins neue Haus werde nicht nur als Chance, sondern auch als Belastung wahrgenommen. Er wolle verstärkt darauf hinwirken, dass die Mitarbeiter sich wieder mehr wertgeschätzt fühlten. Wölfle spricht aber auch von „ökonomischen Zwängen“. Die diagnosebezogenen Fallgruppen, nach denen die Krankenhäuser ihre Budgets zugewiesen bekommen, seien nicht auskömmlich. „Das Defizit des Olgäle überschreitet das geplante beachtlich“, so Wölfle. Es sei aus seiner Sicht „nicht zukunftsfähig“ zu hoffen, dass der Gemeinderat die immer weiter steigenden Defizite immer wieder ausgleiche.

2013 gibt es die Zuweisung von fünf Millionen noch. Von 2014 an – im neuen Haus – soll das Olgäle ohne Defizit auskommen.

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