Der Schauspieler Oliver Mommsen spricht vor seinem Gastspiel in Fellbach über seine bekannteste Rolle, seine Studienwahl und über seine Rolle als Autist in der Komödie „Die Tanzstunde“.
Dirk Herrmann
16.01.2026 - 18:00 Uhr
Es gibt kein Zurück mehr, das Jenseits hat ihn bereits fest in den Fängen. Von einer Kugel hinterrücks getroffen, sinkt er darnieder und erliegt seinen Verletzungen, auch Kollegin Sabine Postel kann nichts mehr ausrichten. Ostermontag 2019: Der Bremer Kriminalhauptkommissar Nils Stedefreund ist Geschichte. Eine Wiederauferstehung wie in manchen TV-Soaps – ausgeschlossen.
Für Oliver Mommsen, den Darsteller des Ermittlers im „Tatort Bremen“, war der von ihm selbst gewünschte Tod seiner Figur vor bald sieben Jahren allerdings fast wie eine Befreiung. Kurz vor seinem Gastspiel am Mittwoch, 21., und Donnerstag, 22. Januar, als autistischer Geowissenschaftler Ever Montgomery im Stück „Die Tanzstunde“ in der Fellbacher Schwabenlandhalle stellt sich der bundesweit bekannte Schauspieler den Fragen unserer Redaktion.
Herr Mommsen, in den Wochen vor Weihnachten haben Sie Millionen von Menschen im heimischen Wohnzimmer glücklich gemacht. Zum einen in weiteren Folgen in der Reihe „Schule am Meer“ mit Fällen mitten aus dem richtigen Leben, aber stets mit einer gewissen Leichtigkeit präsentiert. Und dann als katholischer Pfarrer in „Eine fast perfekte Bescherung“ – auch hier mit erkennbarer Ironie. Ebenso „Mord oder Watt?“ lässt einen oft schmunzeln. Ich gehe wohl nicht falsch in der Annahme, dass Sie solche Rollen schätzen?
Ich finde, gerade in den heutigen Zeiten ist es eine wunderbare Aufgabe, Leute zum Schmunzeln oder vielleicht sogar zum Lachen zu bringen. Ich weiß noch, dass nach den ersten Aufführungen nach Corona Zuschauer und Zuschauerinnen am Bühneneingang gewartet haben, nur um loszuwerden, dass sie sich gefreut haben, 90 Minuten einfach mal alles vergessen zu haben.
Die „Schule am Meer“ könnte noch nicht abgelaufen sein – es schien mir jedenfalls so, als ob noch eine Fortsetzung denkbar wäre?
Das haben wir auch schwer gehofft, aber leider haben wir die erforderliche Quotenhürde nicht geschafft. Es bleibt also bei fünf Filmen und einer tollen Zeit mit einem großartigen Team.
Oliver Mommsen und Nadine Schori beim Tanzunterricht Foto: Franziska Strauss
Als Zuschauer können wir ja von Glück sagen, dass Sie überhaupt ins mimische Fach gewechselt sind. Denn anfangs haben Sie in Berlin Indische Kunstgeschichte studiert. Das war mir völlig neu, dass man an einer deutschen Universität Indische Kunstgeschichte studieren kann. Noch erstaunlicher ist die wohl einzige Perspektive mit einem Abschluss in diesem Fach: selber Professor für Indische Kunstgeschichte werden!
Es ging mir tatsächlich einzig und allein um den Studentenausweis. Und da ich niemandem einen wertvollen Studienplatz wegnehmen wollte, fiel meine Wahl auf Indische Kunstgeschichte.
Vermutlich ist kein einziges Interview je ohne die Thematisierung Ihrer 18 Jahre als Bremer Kommissar Nils Stedefreund ausgekommen. Die nervenden Zeiten, da man Sie auf der Straße als „Herr Stedefreund“ angesprochen hat, dürften aber hoffentlich vorbei sein, oder?
Ich habe meinen Namen wieder, juhu! Aber die Entwicklung ist ganz interessant. Angefangen habe ich als Schauspieler. Dann nannte man mich in der Presse irgendwann Tatort-Star, und jetzt bin ich Ex-Tatort-Star. Das war nicht meine Idee. Sowas kommt von außen.
Bereut haben Sie den Abschied sicher nicht, wahrscheinlich war er sogar unvermeidlich – um als Schauspieler noch mehr Facetten zeigen zu können?
Nach fast 18 Jahren Dienst an der Plastikwaffe war es wirklich an der Zeit, neue Wege zu gehen und weiterzuziehen. Das war eine unglaublich wertvolle, schöne und spannende Zeit in Bremen. Das Schöne an unserer Branche ist, dass man sich immer wieder sieht. Irgendwann möchte ich dringend wieder mit Sabine Postel vor der Kamera stehen. Wahnsinnig gerne in einer Komödie.
„Nach fast 18 Jahren Dienst an der Plastikwaffe war es an der Zeit, neue Wege zu gehen und weiterzuziehen.“
Oliver Mommsen über sein Ende im „Tatort Bremen“
Ihr Bewegungsdrang und dass sie sich durch Sport gut in Schuss halten, ist bekannt. „Irgendeine Wand findet sich immer“, hieß es in der Süddeutschen Zeitung über Ihr offenkundig tägliches Tennistraining – meist allein. Finden Sie keine Gegner, die Ihre Vor- und Rückhand parieren können?
Durch meinen Beruf ist es überhaupt sehr schwierig, sich zu verabreden. Daher brauche ich Sportarten, die ich spontan allein und überall machen kann.
Dann werden Sie noch als Tänzer auf Disco-Rollern beschrieben – also so 70er-Jahre mäßig?
Als Kind und als Jugendlicher habe ich es geliebt, mir die Rollen unter die Füße zu schnallen. Für einen Beitrag für Brisant habe ich dann noch mal ausprobiert, ob von den alten Fähigkeiten noch etwas übrig geblieben ist. Gleich die ersten Schritte haben so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt tatsächlich wieder durch die Gegend rolle. Der schönste Platz dafür ist das Tempelhofer Flugfeld in Berlin.
Neben dem Tennisracket haben Sie, so liest man, auch stets ein Rad mit, auf das Sie sich gerne schwingen. Außerdem ein Springseil, Laufschuhe oder eine Pilates-Matte. Da wird man Sie während Ihres zweitägigen Gastspiels in irgendeiner Form auch durch Fellbach flitzen sehen?
Auf Tour ist es unheimlich wichtig, sich egal wie, zu bewegen, sonst sieht man irgendwann aus wie die Sitzbank im Tourbus. Gleichzeitig gibt es für mich keine bessere Art, den Kopf freizubekommen. Joggingschuhe passen in jedes Gepäck, genauso wie die Badehose, das Sprungseil, kleine Faszienrollen und ein Fitnessband. Und auf dieser Tour zum ersten Mal also auch die Rollschuhe.
Sie haben bereits den autistischen Wetter- und Wolkenforscher Klemens Kurz („Papa auf Wolke 7“) dargestellt. Nun spielen Sie in Fellbach erneut einen Autisten, einen Professor mit Asperger-Syndrom, im Stück „Die Tanzstunde“. Geht man mit reiner Intuition in die Erarbeitung der Rolle, oder wie kann man sich in diesen komplexen Menschen einfühlen und ihn darstellerisch umsetzen?
Die Reise zu diesem liebevollen, komplexen, sehr eigenen Charakter namens Ever begann vor vielen Jahren. Ich liebe es, zu recherchieren. Es gibt tolle Bücher zu dem Thema. Teilweise sehr persönliche. Dokumentationen und Filme findet man im Internet. Und so entsteht zusammen mit der Regie langsam und vorsichtig eine Annäherung an so eine Figur. Mittlerweile spielen wir das Stück ja schon ein paar Jahre, und es ist jedes Mal aufregend, von Neuem in diese Figur zu schlüpfen. Ich liebe ihn sehr.
„Auch für Fellbach kommen Badehose, Joggingschuhe, Sprungseil und seit Neuestem Rollschuhe ins Gepäck.“
Oliver Mommsen über seine sportlichen Aktivitäten
Wie ich lese, zahlt Ihre Figur Ever 2153 Euro für die Stunde – eine doch sehr beachtliche Entlohnung für einige Tanzschritte?
Das Tolle an Ever ist, dass er sehr pragmatisch denkt und handelt. Logik bestimmt sein Leben. Damit versucht er, das Chaos in seinem Kopf in den Griff zu bekommen. So entstehen immer wieder Reaktionen, die einen überraschen. Und das führt gerade in der Konfrontation mit Senga zu sehr schrägen Situationen.
Erste zaghafte Annäherungen. Foto: Franziska Strauss
Mit der romantischen Komödie, wie sie beschrieben wird, sind Sie bereits seit 2017 immer wieder auf der Bühne oder auf Tournee. Langweilig scheinen die Aufführungen also auch für Sie nicht zu sein.
Vielleicht kann man sich das schwer vorstellen, aber eine Figur, die man gerade nicht spielt, entwickelt sich in einem weiter. Und auch wenn die Inszenierung immer noch dieselbe ist, habe ich das Gefühl, dass ich den Knaben immer besser kennenlernen darf. Es sind Kleinigkeiten. Aber ich befinde mich tatsächlich immer noch auf Entdeckungsreise mit ihm.
Herr Mommsen, wie sind denn Ihre Gestensaft-Kenntnisse: Man darf vermuten, Sie sind ein Weizenbier-Fan – als Schöfferhofer-Werbegesicht? Oder was bevorzugt der Privatmensch nach der Vorstellung?
Nach der Vorstellung bin ich einfach nur glücklich k. o. Manchmal reicht es da, zu sitzen und nachzuspüren, was man da gerade erlebt hat. Da brauche ich gar nicht viel. Der Rausch kommt dann von innen. Vor allem, wenn es eine schöne Vorstellung war.
Und das Prinzip „getrennte Schlafzimmer“ gilt weiterhin? Oder hat sich Ihre Schlafapnoe gelegt?
Ich schlafe recht unruhig. Das wird im Alter nicht besser. Umso schöner ist es morgens mit Bettdecke beim anderen ins Bett zu kriechen. Früher dachte ich, das sei der Verrat an Romantik. Mittlerweile sehe ich das vollkommen anders.
Im Stück „Vanya“, aktuell in Berlin zu sehen, sind Sie allein auf der Bühne und schlüpfen gleich in acht Rollen – vermutlich so anstrengend wie erfüllend: im Wechselbad zwischen „wie ein Rausch“ und dem Japsen nach einem Sauerstoffzelt. Die schönste Arbeit im Theater bisher?
Das ist eine der verrücktesten Arbeiten in meiner gesamten Karriere. Es war für alle ein Abenteuer, weil wir überhaupt nicht wussten, ob der Abend funktioniert. Wir haben zusammen an etwas geglaubt, und es hat sich sowas von gelohnt. Die Vorstellungen waren nach der Premiere sofort ausverkauft, und auch die weiteren Vorstellungen sind ein einziges Vergnügen. Diesen Abend will ich mindestens so oft spielen wie die Tanzstunde. Für so ein Abenteuer braucht es ganz viele tolle Menschen. Und dass ich die über die Jahre gefunden habe, erfüllt mich mit Dankbarkeit und riesengroßer Freude.
Am Abend Ihres 57. Geburtstags stehen Sie auch auf der Bühne – am 19. Januar in Tuttlingen. Da hätten Sie sich doch auch einen „Day off“ gönnen können. Aber das ist vermutlich nicht das erste Mal, dass Sie an diesem Ehrentag abends bei der Arbeit sind und sich verausgaben müssen?
Ich liebe diesen Beruf. Deswegen kann ich mir auch kaum etwas Schöneres vorstellen, als an meinem Geburtstag auf der Bühne zu stehen. Manchmal singt das Publikum nach der Vorstellung „Happy Birthday“. Da strahlt dann das kleine Gauklerherz. Schauspielen und das Ganze drumherum sind sehr speziell. Aber wenn alles stimmt, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen. Da wird man glatt vom Leben geknutscht.
In Düsseldorf geboren, in Berlin zu Hause
Mord oder Watt? Oliver Mommsen wird am 19. Januar 1969 in Düsseldorf geboren. Er ist Ururenkel des Historikers und Literatur-Nobelpreisträgers von 1902, Theodor Mommsen. Der Schauspieler hat in zahlreichen TV-Serien und Filmen mitgespielt, etwa „Eine Robbe zum Verlieben“, „Die Schule am Meer“ oder „Mord oder Watt?“. Nach fast 18 Jahren und 34 Folgen im Bremer „Tatort“ beendet er 2019 mit der Produktion „Wo ist nur mein Schatz geblieben“ – Einschaltquote 8,6 Millionen Zuschauer – seine Tätigkeit als Kommissar Stedefreund. Mommsen lebt in Berlin.
Romantische Komödie An der Seite von Nadine Schori als Tänzerin Senga Quinn ist Oliver Mommsen jetzt zwei Tage in Fellbach zu erleben. Am Mittwoch und Donnerstag, 21. und 22. Januar, spielt er in der Schwabenlandhalle im Stück „Die Tanzstunde“ einen Professor für Geowissenschaften, der unter dem Asperger-Syndrom leidet – und für eine Preisverleihung tanzen lernen muss. Beginn jeweils um 20 Uhr. Karten beim i-Punkt Fellbach (Telefon 0711/58 00 58), bei Easyticket sowie an der Abendkasse.