InterviewDEB-Präsident Franz Reindl „Hunger auf mehr“ bei Olympia 2018

Von Jürgen Kemmner 

Im Olympia-Halbfinale heißt der Gegner des deutschen Eishockey-Nationalteams Kanada. Siegt die Mannschaft von Trainer Marco Sturm, ist Silber sicher. Präsident Franz Reindl spricht über die Chancen.

Zum ersten Mal seit 1976 könnte sich das deutsche Eishockey-Nationalteam bei Olympia über eine Medaille freuen. Foto: Getty
Zum ersten Mal seit 1976 könnte sich das deutsche Eishockey-Nationalteam bei Olympia über eine Medaille freuen. Foto: Getty

Pyeongchang - Das deutsche Eishockey-Nationalteam macht bei Olympia Furore – und kann sich in der Partie gegen Kanada an diesem Freitag (13.10 Uhr) gar den Traum vom Endspiel erfüllen. „Nach dem Sieg gegen Schweden habe ich gefühlt, da ist Hunger auf mehr“, sagt Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bunds. Reindl gewann 1976 in Innsbruck als Spieler die Bronzemedaille.

Herr Reindl, der Tag dürfte wunderbar begonnen haben, oder?
Ja, nach dem Aufwachen habe ich gedacht: Jetzt geht es gegen Kanada, wir stehen im Olympia-Halbfinale. Mit einem Sieg hätten wir Silber sicher. Das ist eine unglaubliche Ausgangsbasis.
Es besteht nicht die Gefahr, dass die deutschen Spieler sich mit dem Erreichten zufriedengeben?
Kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe nach dem Sieg über Schweden in den Augen der Spieler ein Funkeln gesehen, da habe ich gefühlt, da ist Hunger auf mehr.
Ist es gut, dass die NHL-Profis fehlen? Kanada hat es dabei viel härter getroffen.
Das wäre der normale Schluss. Zwar hat keine Mannschaft aktuelle NHL-Akteure dabei, aber in jedem Team stehen unzählige ehemalige NHL-Profis. Aber man kann sicher behaupten, ohne die aktuellen NHL-Spieler ist das Niveau der Mannschaften enger zusammengerückt. Die Chance auf Überraschungen ist größer als sonst.
Hat Deutschland also eine Chance?
Ich glaube schon. Die Kanadier haben eine ähnliche Spielauffassung wie wir, sie spielen unseren Stil. Letzten Endes wird es auf die Tagesform ankommen, und ob wir wie gegen Schweden genügend Sprit im Tank haben.
Marco Sturm hat seit seiner Einstellung hervorragende Arbeit geleistet.
Marco hat von uns als Trainer-Nobody 2015 eine Chance bekommen. Er hat sich reingearbeitet, und nun gefällt es ihm.
Wie bereitet Sturm das Team aufs Halbfinale vor?
Die Vorbereitung hat direkt nach dem Spiel gegen Schweden in der Kabine begonnen, da sind die Videocoaches zusammengesessen, während die Spieler noch gejubelt haben. Das nenne ich eine professionelle Einstellung – und die Spieler sehen das ja, dass die sich eine Nacht um die Ohren schlagen werden mit Videostudien. Die filtern von den Kanadiern die Szenen raus, die dem Team und den Spielern vorgelegt werden.
Und das wurde am Donnerstag besprochen.
Ja, die auf etwa fünf Minuten komprimierten Szenen werden dann mit dem Bundestrainer besprochen. Wie spielen die Kanadier Überzahl? Wie in Unterzahl? Wie reagiert der Torwart?
Hat diese Videoanalyse unter Marco Sturm zugenommen?
Ja, die Anforderungen, die Marco Sturm an sein Umfeld stellt, sind gewaltig. Du brauchst für alles einen Spezialisten, wie beispielsweise für die Torhüter. Ich war von 1991 bis 1993 unter Ludek Bukac Co-Trainer der Nationalmannschaft. Da haben wir uns gar nicht mit den Torhütern beschäftigt – und den dritten Mann, der nicht mal auf der Bank sitzt, den haben wir gar nie gesehen. Heute undenkbar.
Welche Handschrift hat der Trainer Marco Sturm?
Er hat die deutschen Tugenden wie Kampf, Einsatz, Leidenschaft und Wille nach vorne gestellt – das muss gepaart werden mit den technischen Möglichkeiten der Spieler, mit dem läuferischen Vermögen, das sie haben, und mit der Disziplin. Wenn ich schaue, wie wir früher gegen Schweden gespielt haben, immer bisschen mehr Härte, dann haben wir auf der Strafbank gesessen und die Spiele verloren. Jetzt bleiben die Strafen im Rahmen. Das sind Dinge, die der Marco schult.
Wie wichtig ist seine Aura als einer, der mehr als 1000 NHL-Partien hinter sich hat?
Wenn der Marco in die Kabine kommt und etwas sagt, dann glaubt man ihm das. Er hat keine hochwissenschaftliche Ansprache, er spricht die Sprache der Spieler. Es spricht auch Klartext, wenn ihm etwas nicht gefällt – in einer direkten Art und Weise, aber mit einer positiven Botschaft. Er war als Spieler schlau, er wusste, wo er hingehen muss und wo er nicht hingehen muss. Er wusste, wann er Vollgas geben musste und wann 95 Prozent reichen. Sonst kommst du nicht auf über 1000 NHL-Spiele, sonst bist du nach drei Jahren weg. Und Marco ist als Trainer genauso schlau.
Wie meinen Sie das?
Er nimmt sich für jedes Fachgebiet einen Assistenzcoach. Für Videoanalyse, für die Athletik, für die Spezialteams für Über- und Unterzahl und so weiter. Er überwacht alles, er führt alles zusammen. Dieses System pflegt er von Anfang an, und er hat es ständig verbessert.
Marco Sturm spricht auch häufig vom Teamgeist.
Den hatten deutsche Nationalmannschaften schon immer. Hier herrscht eine besondere Atmosphäre. In den Ligen ist die Kabinensprache Englisch, bei uns Deutsch. Aber diese positive Grundstimmung musst du paaren mit den Anforderungen. Dabei findet er den idealen Mix.
Wie wurden die Spieler auf Olympia eingeschworen?
Das hat schon mit der Olympiaqualifikation 2016 in Riga begonnen, die war ja der entscheidende Faktor. Und danach lief sie weiter mit Leistungstests und Lehrgängen am Olympiastützpunkt. Dann muss man das ja auch koordinieren mit den Clubs der Spieler und mit der Deutschen Eishockey-Liga, die den Spielplan gestaltet. Das muss ja auch passen, und dabei hat alles sehr gut funktioniert.
1976 gab es das Wunder von Innsbruck mit Bronze. Folgt 2018 das Wunder von Pyeongchang?
Bei aller Euphorie, es hätte auch in die andere Richtung gehen können. Aber jetzt geht es weiter, wir sind glücklich und warten, was noch kommt.