Olympia 2018 Olympischer Wintersport 2.0? Ohne Deutschland!

Die deutsche Freestylerin Lea Bouard. Foto: dpa

In den modernen olympischen Sportarten wie Ski-Freestyle und Snowboard läuft Deutschland nur unter ferner liefen. Dabei spielen die eine immer größere Rolle im Programm. Liegt es nur am Geld oder ist der Trend verschlafen worden?

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Pyeongchang - Im deutschen Haus in den Bergen über Pyeonchang geht es hoch her. Abend für Abend. Dort feiern Athleten, Funktionäre und Sponsoren die olympischen Erfolge. Ausgelassen und ausdauernd, wogegen es natürlich wenig einzuwenden gibt. Allerdings wäre es kein Fehler, beim Blick auf den Medaillenspiegel zu reflektieren, was der deutsche Sport trotz der glänzenden Leistungen der Kombinierer, Biathleten und Skispringer sowie im Eiskanal auch ist: in vielen Disziplinen weit weg in der Weltspitze. Zum Beispiel im Langlauf oder Eisschnelllauf, aber vor allem in den neuen Sportarten. Man könnte sogar sagen: Hier wird ein olympischer Trend verschlafen.

 

Von 102 Entscheidungen in Pyeongchang fallen 20 im Ski-Freestyle und Snowboard: in der Halfpipe, im Slopestyle, im Cross. Dazu beim Big Air und im Parallel-Riesenslalom (nur Snowboard) sowie im Sprung und auf der Buckelpiste (nur Ski). Sollten die Deutschen am Samstag (5.30 Uhr/MEZ) auch im Parallel-Riesenslalom leer ausgehen, hätten sie in diesen 20 Wettbewerben null Medaillen geholt. Weshalb erste Funktionäre ein Umdenken fordern. „Ich bin für einen Weg der Vielfalt“, sagt Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission des Teams: „Wir müssen auch in den neuen Sportarten Strukturen aufbauen.“ Die Frage ist nur: Wer soll das bezahlen?

Geld umschichten? Keine Option

Der Deutsche Ski-Verband (DSV) hat bereits eine erste Rechnung aufgemacht. 650 000 Euro pro Jahr sind laut Sportdirektor Wolfgang Maier nötig, um allein die Bereiche Ski-Slopestyle und Ski-Halfpipe so zu fördern, dass deutsche Athleten international konkurrenzfähig sein können.

Nicht berücksichtigt sind bei dieser Zahl die Snowboarder, die mit dem Snowboard Verband Deutschland einen eigenen Verband und eine eigene Förderstruktur haben. Bisher erhält der DSV, der sich über TV-Verträge und Sponsoren zum größten Teil selbst finanziert, für seine gesamte Freestyle-Sparte lediglich 180 000 Euro an öffentlichen Mitteln. Gelder intern umzuschichten, zum Beispiel weg von den Langläufern oder den alpinen Skifahrern, die in Pyeongchang ebenfalls ohne Podestplatz blieben, schließt Franz Steinle aus. „Unsere Gelder sind endlich“, sagt der DSV-Präsident. „Doch wir werden uns wegen einer Delle, wie wir sie derzeit im Langlauf haben, nicht gleich von einer Sportart verabschieden. Wir könnten die Förderung der neuen Disziplinen nur finanzieren, wenn wir traditionelle Sportarten vernachlässigen würden. Doch das wäre ein Fehler.“

Athletinnen investierten 25 000 Euro aus eigener Tasche

So sieht es auch Heli Herdt. Für den Freestyle-Chef des DSV ist deshalb klar, dass neue Ideen her müssen. Und frische Gelder. Schließlich findet 2022 in Peking wohl auch ein Big-Air-Wettbewerb auf Skiern statt, dann geht es nicht nur um 22 Medaillensätze, sondern auch um enorm viel TV-Zeit, Aufmerksamkeit und Prestige. „Mit den Mitteln, die wir bis jetzt haben, bekommen wir den Anschluss nicht. Das steht fest“, sagt Herdt, „Geld macht noch keinen Erfolg, ist aber eine wichtige Grundlage.“ Auch für die Pyeongchang-Starterinnen Lea Bouard und Katharina Förster (beide Buckelpiste) oder Kea Kühnel (Slopestyle).

Alle investierten vor dieser Saison 25 000 Euro aus der eigenen Tasche, um sich den Traum von Olympia zu erfüllen. „Das kann nicht der Weg sein“, sagt Herdt, der aber auch davor warnt, den schnellen Erfolg zu erwarten – selbst wenn künftig mehr Mittel zur Verfügung stehen sollten: „Um die Sparte Freestyle konsequent aufzubauen, brauchen wir sechs bis acht Jahre. Dieser Zeitraum muss mit Geld untermauert sein. Sonst macht es keinen Sinn.“

Weniger Freiheit, mehr Struktur

Denn derzeit sind die jungen Sportarten nicht nur weit weg von der Weltspitze, sondern auch von der professionellen Struktur wie sie im Biathlon, Ski alpin oder Skispringen existiert. Zudem fehlt es an Stellen für Trainer und Trainingsstätten – in Deutschland gibt es zum Beispiel keine Halfpipe, die zwei Millionen Euro und einen jährlichen Unterhalt von 250 000 Euro kosten würde. Das ließe sich allerdings ausgleichen durch Reisen an Orte mit der passenden Infrastruktur. „Man kann auch dreimal im Jahr mit einer Gruppe junger Talente, zwei Lehrern, einem Psychologen und Koch für sechs Wochen nach Nordamerika fliegen“, sagt Heli Herdt, der neben mehr Geld auch ein Umdenken der Athleten fordert. Sie müssten sich voll auf den Sport konzentrieren, mehr trainieren.

Dann wäre allerdings die Zeit der Freigeister vorbei: „Am Anfang war es unsere Strategie, den jungen Leuten viele Freiheiten zu lassen, weil wir wussten, dass wir sie verlieren, wenn wir ihnen unser Wissen überstülpen wollen. Das gilt es zu drehen. Jetzt müssen wir schauen, dass wir sie mehr und mehr in die klassische Struktur einbinden, um sie an die Spitze führen zu können.“

Mehr Geld vom Bund gefordert

Ob dies finanzierbar ist, das werden die Analysen nach den Olympischen Spielen zeigen. Und die Verhandlungen mit dem Bund, von dem der Sport eine wesentliche Erhöhung der Fördergelder (bisher rund 170 Millionen Euro jährlich) erwartet. In Pyeongchang wurden reichlich Argumente gesammelt. Einerseits durch die vielen Erfolge. Und andererseits durch etliche Nullnummern. In Sportarten, in denen es ohne eine viel intensivere Förderung auch in Zukunft wenig zu feiern geben wird.

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