Olympia 2021 Frank Stäbler ringt um jedes Gramm

Frank Stäbler hat bei Olympia viel vor. Foto: Baumann

Der Musberger Ringer hat mit den Olympischen Spielen noch eine Rechnung offen.

Tokio - Gespräche mit Frank Stäbler sind nicht nur ein Erlebnis, sondern immer auch eine Inspiration. Weshalb er sich für die Zeit nach dem Sport genau das Richtige vorgenommen hat. Selbstständig will er sich machen, als Motivationscoach unter anderem in Brennpunktschulen arbeiten. Dort, wo sein Projekt „Be ready!“ jetzt schon ansetzt. „Viele sagen, ich sei ein Mentalitätsmonster. Diese Erfahrung will ich weitergeben“, erklärt Stäbler (32). Aber erst, nachdem er seinen Kampfgeist ein letztes Mal ausgelebt hat. In Tokio.

 

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Für den Ringer aus Musberg fühlt es sich an, als hätte er mit den Olympischen Spielen noch eine Rechnung offen. 2012 in London verlor er das Duell um Platz drei unglücklich, vier Jahre später in Rio hemmte den Topfavoriten eine Fußverletzung. Nun will er endlich die Medaille holen, die ihm noch fehlt. Stäbler wurde als einziger Ringer Weltmeister in drei unterschiedlichen Gewichtsklassen, dazu zweimal Europameister. Doch ohne einen olympischen Erfolg wäre das Bild seiner Karriere unvollendet. „Ich will dieses letzte Mosaiksteinchen unbedingt“, sagt er, „danach richte ich seit Jahren mein Leben aus.“

Handy aus

Wie ernst es ihm ist, zeigt allein schon, dass Stäbler seit Freitag, als er ins Olympische Dorf einzog, das Handy ausgeschaltet hat. Die Verbindung zur Außenwelt und den sozialen Medien ist gekappt. Der Fokus ruht auf dem Wettkampf am Dienstag (ab 11.30 Uhr/MESZ). Und auf sich selbst. Dafür gibt es gewichtige Gründe.

Normalerweise wiegt Frank Stäbler 75 Kilogramm, er kämpft in der Klasse bis 72 Kilogramm – die es aber bei Olympischen Spielen nicht gibt. Also muss er aus seinem Körper, der ja schon ein einziger Muskel ist, alles rauspressen. Stäbler tritt in der Klasse bis 67 Kilogramm an. Das Ringen um jedes halbe Pfund kostet ihn nicht nur unglaubliche Mühen und Disziplin, sondern auch Substanz. Wenn alles optimal läuft, dann geht er bei den Sommerspielen mit 75 bis 80 Prozent seiner normalen Leistungsfähigkeit an den Start. „Bin ich gut in Form, dann bin ich in meiner Klasse einmalig“, sagt Stäbler, „diesmal gehöre ich zu den besten zehn, die alle auf Augenhöhe sind. Ich weiß, dass nur ein Mentalitätsmonster Gold holen kann.“ Weshalb er sich, trotz der qualvollen Diät, durchaus Chancen ausrechnet. Und für seine vielen Fans ist ohnehin klar: Wenn es einer schafft, dann er.

Eine Stunde Atemtherapie täglich

Durchkämpfen musste sich Stäbler auch in den vergangenen Monaten. Die Coronakrise nahm ihm die Sparringspartner, und dann war er auch noch selbst infiziert. Seit November muss er deshalb eine spezielle Atemtherapie machen, jeden Morgen um 7 Uhr, eine Stunde lang. Klar ist: Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus, zumal er auch noch auf seine seit Langem lädierte Schulter achten muss. Dazu kommt, dass die Konkurrenz ohnehin im Vorteil ist. „Chancengleichheit gibt es keine, die Russen haben zum Beispiel während der gesamten Pandemie komplett im Team trainiert. Da gab es keine Tests – weder auf Corona noch auf Doping“, sagt Stäbler. Aber auch das motiviert ihn: „Einen Vollgestopften zu schlagen ist umso schöner. Und eine Genugtuung.“ Ob es dazu kommt? Der Musberger ist zu allem bereit. Nur nicht zu Kompromissen. Auf die Frage, ob er die Silbermedaille annehmen würde, wäre sie ihm garantiert, schüttelt er den Kopf: „Lieber werde ich Letzter, hatte aber die Chance auf Gold“, erklärt der Ringerstar, „wer einen solchen Pakt mit dem Teufel annimmt, wird nie gewinnen.“

Da ist er wieder, der Motivationstrainer Stäbler. Noch treibt er sich selbst an, bald schon andere. Vielleicht ja als Olympiasieger.

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