Olympia 2022 Bittere Tränen, riesige Wut – so lief das Skisprung-Drama
Das deutsche Mixed-Team geht bei der Premiere des Wettbewerbs bei Olympia leer aus. Schuld ist eine Disqualifikation – die heftige Reaktionen ausgelöst hat.
Das deutsche Mixed-Team geht bei der Premiere des Wettbewerbs bei Olympia leer aus. Schuld ist eine Disqualifikation – die heftige Reaktionen ausgelöst hat.
Peking/Stuttgart - Sara Takanashi musste gestützt werden auf dem Weg zurück in Richtung Schanze, so sehr wurde die kleine Japanerin von Heulkrämpfen erschüttert. An anderer Stelle der feudalen Sprunganlage in Zhangjiakou lag Katharina Althaus bitter weinend in den Armen ihrer Teamkolleginnen. Später sagte sie: „Ich bin mega stinksauer.“ Und Karl Geiger, wie Althaus aus Oberstdorf stammend, war die Fassungslosigkeit auch Minuten nach der Entscheidung noch ins Gesicht geschrieben. „Das ist eine harte Nummer“, klagte der Führende der Weltcup-Gesamtwertung. Sein Trainer, der deutsche Chefcoach Stefan Horngacher, war nicht weniger bedient: „Ich muss mir überlegen, ob ich dieses Kasperltheater nächstes Jahr noch mitmache.“
Das Kasperltheater hätte eigentlich eine ruhmreiche Premiere werden sollen. Es endete als Farce.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Eine Farce“ – Unser Kommentar zum Skisprung-Drama
Erstmals bei Olympischen Spielen gab es im Skispringen den Mixedwettbewerb. Je zwei Männer und zwei Frauen pro Nation traten an, ganze zehn Nationen konnten ein solches Kontingent stellen. Die Favoritenteams? Kamen aus Slowenien, aus Norwegen, aus Deutschland, Japan und Österreich. Aber: Als es in den zweiten Durchgang ging, waren die Quartetts aus Österreich und Japan schon ohne Medaillenchance. Und die Deutschen gar nicht mehr dabei.
Nicht an den gezeigten Sprüngen lag das – sondern an der Aberkennung der Sprünge von Daniela Iraschko-Stolz (Österreich), Sara Takanashi (Japan) und Katharina Althaus (Deutschland). Das Trio fiel bei der Materialkontrolle durch – und verstand hinterher die Welt nicht mehr.
„Es tut richtig weh“, klagte Althaus. „Mega skurril“, fand der enttäuschte Karl Geiger die Lage. Gar als „skandalös“ bezeichnete sie Horst Hüttel. Der Teamchef der deutschen Springer und Kombinierer war „stocksauer“ und teilte mit, alle drei Springerinnen seien jeweils im gleichen Anzug gesprungen wie vor zwei Tagen im Einzelwettbewerb. Damals war er als regelkonform eingestuft worden – nun plötzlich als regelwidrig. Bei Iraschko-Stolz soll ein Hüftband etwas zu breit gewesen sein, bei Althaus der Anzug ein wenig zu weit.
Das Vorgehen der Kontrolleure – Mika Jukkara aus Finnland und die Polin Aga Baczkowska – konnte Horst Hüttel daher „nicht nachvollziehen. Heute wurde mit anderen Maßstäben gemessen“. Die „vier größten Nationen“ seien ja nicht alle „bescheuert und wollen manipulieren“, ergänzte er. Stefan Horngacher mochte derweil schon den ganzen Winter über die Beobachtung gemacht haben, dass gerade das deutsche Team besonders unter die Lupe genommen wird: „Der neue Kontrolleur hat die Kontrollen extrem verschärft – gefühlt auch sehr verschärft für die deutschen Skispringer. Das Prozedere Messung ist nicht besser geworden, sondern schlechter.“ Ähnlich aufgebracht war Mario Stecher.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Doping bei den Spielen – war da was?
„Im Weltcup gibt‘s teilweise Anzüge, die so groß sind, dass man glaubt, man ist beim Tiroler Zeltverleih“, grantelte der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), „und bei Olympia greift man schließlich rigoros durch. Da muss ich mich schon fragen, ob das der richtige Weg ist.“ Neben dem Toptrio aus Österreich, Japan und Deutschland erwischte es auch noch Silje Opseth und Anna Odine Ström. Damit ging auch Norwegen leer aus, stattdessen holten hinter den Favoriten aus Slowenien überraschend die Teams aus Russland und Kanada Silber und Bronze. Quartetts, die ansonsten komplett chancenlos gewesen wären.
„Für unseren Sport ist das Mist“, klagte Horst Hüttel nach dem Wettkampf, bei dem das deutsche Team (neben Althaus und Geiger gehörten Constantin Schmid und Selina Freitag dazu) nach vier Sprüngen klar auf Medaillenkurs gelegen war. Sogar Karl Geiger hatte sich deutlich verbessert gegenüber dem Einzelwettbewerb auf der kleinen Schanze gezeigt. Der Weltverband (Fis), forderte Hüttel, müsse sich „hinterfragen“. Für ihn stand fest: „So macht man unseren Sport kaputt.“
Völlig hinüber waren zunächst vor allem die Athletinnen, die sich in den vergangenen Jahren vehement für einen zweiten Olympia-Wettbewerb eingesetzt hatten. Katharina Althaus („Wir hatten uns so über den zweiten Wettkampf gefreut“) war erst sprachlos, später sagte sie: „Sie haben damit das Damen-Skispringen zerstört, das war nicht fair. Ich weiß, mein Anzug hat gepasst.“
Lesen Sie aus unserem Angebot: So erleben unsere Olympia-Reporter die Spiele in Peking
Sara Takanashi durfte, weil es die Japanerinnen trotz allem in den zweiten Durchgang geschafft hatten, zwar noch einmal springen. Kurz nach der Landung brach sie aber erneut in Tränen aus.
Weil dieses Kasperltheater so rein gar niemand witzig fand.