Gold, Silber, Bronze – und Holz. Unsere Olympiareporter vergeben ihre eigenen Medaillen für ihre persönlichen Erinnerungen an die Winterspiele.

Peking - Nach fast drei Wochen in China enden auch für unsere Reporter die Olympischen Spiele. Jeweils vier persönliche Erlebnisse werden ihnen weit über den Schlusstag hinaus im Gedächtnis bleiben. Sie haben mit deutschen Medaillengewinnen zu tun – aber nicht nur. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie.

Ihre Erlebnisse in China haben die beidem Reporter zudem im Olympia-Blog „Made in China“ festgehalten.

Gold für den Teamgeist der Rodler

Es ist das Bild der Spiele: Die Rodler feiern Staffel-Gold, Johannes Ludwig, Natalie Geisenberger sowie die Doppelsitzer Tobias Wendl/Tobias Arlt jubeln vor den deutschen Farben. Doch sie sind nicht alleine: Alle aus dem Team gehören dazu – es mag ein Erfolg des Quartetts sein, doch auch die anderen haben beigetragen. Selbst der einstige Dominator Felix Loch, der leer ausgegangen ist („einer muss ja Vierter werden“), hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. „Was du die letzten Tage gezeigt hast, ist mehr wert als eine Medaille“, schrieb Geisenberger auf Instagram und postete ein Foto, das Loch anfeuernd zeigt: „Du selber bist knapp am Podest vorbei – und am nächsten Tag stehst du an der Bahn und unterstützt uns, wo du kannst.“ Der Teamgeist in der deutschen Rodel-Truppe stimmt, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl zu erleben, ist wunderbar.

Gold für den Jubel vor dem Bildschirm

Es ist bei Olympia nicht einfach, stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. An diesem Tag lagen wir nicht falsch, die Biathlon-Staffel der Frauen gewann Bronze, aber eben auch nicht richtig. Denn einen Kilometer Luftlinie entfernt gab es eine Sensation: Die Langläuferinnen Katharina Hennig und Victoria Carl holten Gold im Teamsprint! Für uns fühlte es sich trotz der missratenen Planung fast so an, als wären wir dabei gewesen – dank der Biathletinnen. Sie unterbrachen das Interview in der Mixed-Zone, versammelten sich vor einem Bildschirm. In ihren Gesichtern war abzulesen, was da gerade in der Loipe Unfassbares ablief. Sie schauten mit weit aufgerissenen Augen zu, unfähig, ein klares Wort herauszubringen. Und bejubelten den Triumph der Langläuferinnen mehr als ihren eigenen Podestplatz. Wer den olympischen Geist sucht: Hier war er!

Silber für Sprünge und klare Worte

Das große Duell zwischen dem Japaner Yuzuru Hanyu und US-Läufer Nathan Chen fiel aus – der Olympiasieger von 2014 und 2018 patzte im Kurzprogramm, so dass er keine Chance mehr auf eine Medaille hatte. Es war an Nathan Cheng, sie sich zu nehmen – und der 22-Jährige holte sie sich nicht einfach ab, sondern er zelebrierte es mit fünf Vierfachsprüngen und vier Dreifachen. Was den neuen Olympiasieger aber besonders auszeichnet neben Gold ist, dass er auf dem Eis zwar abhebt, im Leben aber mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt. Er studiert an der Elite-Uni Yale, er nimmt am öffentlichen Leben teil, pflegt Kontakt zu den Fans – und er nimmt zu politischen Entwicklungen Stellung. Nathan Chen war einer der Sportler, der im Vorfeld der Spiele in Peking Kritik an der chinesischen Regierung bezüglich der Menschenrechte geäußert hat.

Silber für den Sieger aus der Isolation

Das dramatischste Rennen der Winterspiele boten die Kombinierer. Bis 500 Meter vor dem Ziel sah Johannes Rydzek aus wie der sichere Sieger, alle TV-Kommentatoren feierten bereits seinen Coup. Doch dann, am letzten Anstieg, stürmte Vinzenz Geiger vorbei, als überhole ein ICE einen Bummelzug. Seine riskante Taktik, den Teamkollegen zu attackieren, ging auf. Geiger holte Gold, und anschließend, in der deutschen Medienrunde in der bitterkalten Nacht neben dem Pressezelt, gab er tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Geiger war, weil er im Flugzeug neben dem positiv getesteten Eric Frenzel gesessen hatte, Corona-Kontaktperson, musste alleine trainieren, alleine essen, alleine feiern – erst ab Mitternacht, meinte er, würden die Beschränkungen fallen. Dann könne er endlich die Kollegen umarmen und mit ihnen anstoßen. Was für ein Drama!

Bronze für die chinesischen Masken

Natürlich haben die Chinesen einen enormen Vorsprung gegenüber uns Europäern, wenn es um den Mund-Nasen-Schutz geht. Schon lange vor Corona haben wir immer wieder Bilder im Fernsehen verfolgt, auf denen in China viele Menschen mit Masken herumlaufen. Es ist also kein Wunder, dass wir hier bei den Winterspielen Masken bekommen haben, die denen, die wir von daheim kennen, weit überlegen sind – weil sie längenverstellbare Gummibänder haben. Das bedeutet, man kann die Bänder so einrichten und so tragen, wie es am bequemsten ist. Die Dinger, die wir von Deutschland kennen, neigen dazu, einem irgendwann die Ohren abzureißen. Oder man muss sich selbst ohrenfreundliche Masken basteln. Im Koffer für den Rückflug ist aber kein Vorrat, insgeheim hoffen wir, dass wir in Deutschland bald keine mehr tragen müssen.

Bronze für den Coup einer Biathletin

Eigentlich hätte auch Stefan Schwarzbach eine Medaille verdient. Der Kommunikationschef des Deutschen Ski-Verbands war bei den Spielen der Mann für die Medien, und er machte einen super Job. Zum Beispiel nach der Goldmedaille von Denise Herrmann. Er sorgte dafür, dass die Biathletin der deutschen Journalistenschar trotz der vielen Interviews, die sie bis dahin bereits gegeben hatte, noch einmal eine Viertelstunde zur Verfügung stand – und erzählte. Offen, reflektiert, ehrlich. Über den Druck, ihre eigenen Ansprüche, die Kritik im Vorfeld. Und was es bedeutet, als Langläuferin (Sotschi 2014) und Biathletin (Peking 2022) je eine Medaille geholt zu haben. So nahe dran ist man selten an einer Olympiasiegerin, und so viel Nähe lassen auch nicht viele Olympiasiegerinnen zu. Ein Gänsehautmoment. Nicht nur wegen der minus 18 Grad.

Holz für die Kälte beim Eiskunstlauf

Hätte man die Macht, die Zeit für Kamila Walijewa zurückzudrehen, man würde es wohl tun. Es ist der traurigste Moment der Spiele, als die 15 Jahre alte Eiskunstläuferin ihre verpatzte Kür beendet, sie unter Tränen vom Eis fährt und ihr danach die zynische Kälte ihrer Trainerin den Rest gibt. Niemand hat eine solche Behandlung verdient, ganz besonders dann nicht, wenn sich kurz zuvor ein Traum innerhalb von vier Minuten in Luft aufgelöst hat. Die Kür des deutschen Paares Aljona Sawtschenko/Bruno Massot in Pyeongchang 2018 war eine Darbietung im Eiskunstlauf für die olympische Ewigkeit im positiven Sinne, was das Umfeld von Kamila Walijewa mit der kleinen Russin 2022 in Peking vorgeführt hat, zählt zu den abscheulichsten Momenten der Winterspiele – und dabei spielt die positive Dopingprobe des Teenagers zunächst keine Rolle.

Holz für das Skisprung-Drama

Was wären Olympische Spiele ohne Skandale? Dieser ging unter die Haut. Noch nie haben wir so viele weinende, fassungslose Skispringerinnen auf einmal gesehen. Fünf von ihnen waren im ersten olympischen Mixed-Springen wegen nicht regelkonformer Anzüge disqualifiziert worden. Was nicht nur sie selbst traf, sondern auch ihre Mannschaften. Besonders erschüttert waren Katharina Althaus („Das Frauen-Skispringen wurde zerstört“) und Sara Takanashi. Keine hat so viele Weltcup-Springen gewonnen wie die Japanerin (61), die aber immer noch auf einen Olympiasieg wartet. Nun wurden sie und ihr Team abgestraft, dieser Kulturschock war für sie kaum zu verkraften. Und auch das Skispringen wird lange brauchen, um diesen desaströsen Abend zu verarbeiten. Noch nie hat sich eine Sportart auf der größten Bühne, die es gibt, derart selbst geschadet.