Eiskunstlaufen bei Olympia 2022 Yuzuru Hanyu – der gefallene Eisprinz

Nach dem Kurzprogramm der Herren liegt Yuzuru Hanyu abgeschlagen auf Platz acht. Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

Yuzuru Hanyu ist der Star in der Eiskunstlaufwelt, er möchte bei Olympia Geschichte schreiben. Aber Gold wird der Japaner nach einem kapitalen Patzer zum Auftakt wohl nicht gewinnen.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Peking - „Als ich abgesprungen bin, da war wohl ein Loch im Eis, das ein anderer Läufer gemacht hatte.“ Es war die knappe Erklärung von Yuzuru Hanyu für seinen kapitalen Patzer. Für einen vierfachen Salchow, der so wenig von dem hatte, was einen vierfachen Salchow ausmacht. Damit war die Geschichte eigentlich schon zu Ende, die der Superstar des Eiskunstlaufs schreiben wollte. Die Geschichte über den dritten Olympiasieg in Folge, den Gold-Hattrick.

 

Doch mit 95,15 Punkten landete der Japaner im Kurzprogramm unsanft auf Platz acht, in der Kür in der Nacht zum Donnerstag (2.30 Uhr/Eurosport) hat er nach menschlichem Ermessen keine Chance mehr, Herausforderer Nathan Chen (USA/113,97) zu überflügeln. „Ich habe mich beim Einlaufen ganz gut gefühlt“, meinte Hanyu. „Es war so etwas wie ein Unfall. So was kommt vor.“

Wo war Yuzuru Hanyu?

Vielleicht lag es an der eigenwilligen Vorbereitung. In den Tagen vor den Spielen fragte sich ganz Japan: Wo ist Yuzuru Hanyu? Er war nicht in Peking, um sich zu den Trainingszeiten auf die Eisfläche zu begeben, die japanische Volksseele rätselte ängstlich: Wird der 27 Jahre alte zweimalige Weltmeister starten? „Er war noch nicht an der Wettkampfstätte, mehr kann ich nicht sagen“, sagte Hidehito Ito, der Chef de Mission, am Tag vor der Eröffnungsfeier. Die erlösende Nachricht für seine Fans, alle Japaner sowie die Freunde des Eiskunstlaufes kam am Sonntag: Yuzuru Hanyu war im Capital Indoor Stadium eingetroffen.

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Hanyu ist bekannt dafür, dass er gelegentlich abtaucht. Ohnehin ist der grazile, jungenhafte Mann (1,72 Meter/57 Kilogramm) einer, der abseits der Eisfläche das Licht der Öffentlichkeit so scheut wie ein Vampir die Sonne. Der Schützling des kanadischen Startrainers Brian Orser ist nirgendwo in den sozialen Medien zu finden, wo andere Sportstars ihr Leben offenlegen.

Die Blaue Mauritius der Reporter

Auch in Fernsehshows taucht Hanyu nicht auf, und für Reporter ist ein Interview mit ihm so, wie wenn ein Philatelist eine echte Blaue Mauritius unter der Lupe hätte. Dabei würden in Japan manche so ziemlich alles geben, um ihm gegenüberzustehen – die Eintrittskarten für Wettkämpfe werden verkauft, aber nach dem Lossystem zugeteilt, so dass Tourismus aufkam seinetwegen: Fans reisten ihm nach, um außerhalb Japans ein Ticket ohne Losglück zu ergattern. Verehrt wird der Eisprinz in Japan auch, weil er das Preisgeld, das er für seine Goldmedaillen 2014 und 2018 erhielt, gemeinnützigen Organisationen schenkte.

Er selbst hatte außer Talent nichts geschenkt bekommen. Mit 16 lebte er in seiner Geburtsstadt Sendai, als das Erdbeben 2011 Japan erschütterte, einen Tsunami und die Katastrophe von Fukushima auslöste. Der Teenager übte dreifache Sprünge, als die Eishalle einbrach, er kam unverletzt davon. Obwohl vieles zerstört war, hielt er an seinem Ziel fest, reiste monatelang durchs Land, um in intakten Arenen an sich zu feilen.

Wunderknabe mit Biss

2012, mit 18, wagte Hanyu seinen bislang größten Sprung – den über den Pazifik zu Startrainer Orser, der bei dem Junioren-Weltmeister von 2009 den richtigen Ansatz fand, um aus einem erstklassigen einen außergewöhnlichen Eiskunstläufer zu schaffen. Auch wenn es zwischen den beiden gelegentlich kriselt: Erfolg schweißt zusammen. Auch von hartnäckigen Verletzungen oder schwachen Auftritten wie bei der WM 2016 ließ sich der Wunderknabe nicht zurückwerfen. „Er trainiert hart“, sagt Cha Junhwan, ebenfalls ein Orser-Schützling, „ich habe ihn beim vierfachen Axel gesehen – sehr beeindruckend.“

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Der vierfache Axel, der Königssprung, der vorwärts abgesprungen und rückwärts gelandet wird, was aus ihm einen viereinhalbfachen Sprung macht: Den möchte Yuzuru Hanyu bei den Spielen aufs Eis zaubern. Das ist bislang niemandem gelungen. Er soll ihn ihm Training bereits gestanden haben, bei den japanischen Meisterschaften landete er auf zwei Beinen und stürzte beinahe.

„Ich habe noch diese Chance“

Der vierfache Axel bleibt seine letzte Herausforderung bei diesen Winterspielen, Gold dürfte verloren sein – eine perfekte Kür will der elfenhafte Läufer deshalb unbedingt abliefern. „Ich habe noch diese Chance“, sagte Hanyu. „Ich habe noch einige Sprünge vor mir. Ich werde zeigen, was ich wirklich kann.“

Nathan Chen, der dreimalige Weltmeister aus den USA, der im Kurzprogramm einen Punkterekord aufgestellt hat, muss sich Gold fast nur noch abholen – er hatte einmal sein Verhältnis zu Hanyu eröffnet. „Er ist kein Rivale, er ist eine Ikone“, sagte der 22-Jährige. „Ich bin stolz, gegen ihn antreten zu dürfen.“ Fragt sich nur, auf welcher Seite die Ehre bei den Winterspielen 2022 liegt.

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