Olympia 2022 Deshalb sind die deutschen Rodler so stark
Die deutschen Rodel-Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt sind Olympiasieger – schon wieder. Toni Eggert und Sascha Benecken bleibt „nur“ Silber.
Die deutschen Rodel-Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt sind Olympiasieger – schon wieder. Toni Eggert und Sascha Benecken bleibt „nur“ Silber.
Yanqing - Dritter Wettkampf im Yanqing Sliding Center, dritter Sieg für Deutschland – und wie beim Einsitzer der Frauen war’s sogar ein Doppelerfolg. Die Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt (Königssee) holten sich Gold vor den Thüringern Toni Eggert und Sascha Benecken, der Zielbereich war erneut in Schwarz-Rot-Gold gehüllt – und IOC-Präsident Thomas Bach konnte sich fast wie zu Hause fühlen. „Wer uns kennt, der weiß, dass wir Kämpfer und Beißer sind. Alle vier Jahre kann man mit uns rechnen“, sagte Wendl nach der Siegerehrung – und die freiwilligen Helfer am Sliding Center können die deutsche Hymne bald mitsummen. Sie haben bislang noch keine andere gehört.
Rodeln ist seit 1964 olympisch, von den 50 verteilten Goldmedaillen wurden 37 um die Hälse von deutschen Sportlern gehängt (inklusive DDR). Fast drei Viertel aller Olympiasiege gingen nach Deutschland. Im Weltcup dehnten die Frauen ihre Siegesserie einmal auf 13 Jahre aus, nach 105 Triumphen in Folge endete der Höhenflug 2010. „Bislang sind diese Spiele wirklich gut verlaufen“, sagt Thomas Schwab, Geschäftsführer des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland (BSD). Die Gründe für die Dominanz.
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Winter ist nicht überallRodeln ist eine Wintersportart, so scheiden einige Länder von vornherein aus, wo die Menschen Schnee nur von Fotokalendern kennen, was die Zahl der Konkurrenten gleich einmal eingrenzt – auch wenn Tonga, Kuwait und die Jungfern-Inseln Mitglied im Internationalen Rodel Verband (FIL) sind, gab es bislang nur aus vier Nationen Olympiasieger: Deutschland, Österreich, Italien und Russland.
Vier ist Trumpf: Weltweit gibt es nur 17 Eiskanäle, gleich vier davon stehen in Deutschland: in Altenberg, Winterberg, Oberhof und am Königssee (wenngleich der derzeit wegen eines Erdrutsches im Vorjahr zerstört ist). Kein anderes Land kann diese Zahl vorweisen. „Die Bahnen erfordern jeweils eine unterschiedliche Fahrweise und verschiedene Qualitäten“, erklärt Schwab, „wir können regelmäßig mit dem Training wechseln, ohne weit reisen zu müssen.“ Ein Pluspunkt für den Nachwuchs, der im Jugendalter mitunter auf die Taxifahrten der Eltern angewiesen ist – so sind die Entfernungen nicht zwingend riesengroß.
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Vorsprung durch Technik Zum Rodeln gehören Bastelei und Akribie, schließlich geht es im Eiskanal um Tausendstelsekunden. Das beständige Tüfteln der Piloten ist wichtig, doch ohne das nötige Kleingeld oder großzügige Sponsoren wäre es vergebliche Liebesmüh. Der BSD arbeitet mit dem Institut für Forschung und Entwicklung (FES) zusammen, wenn es um den Schlittenbau geht. Autohersteller BMW führt eine datengestützte Performanceanalyse und -optimierung der Schlitten und Fahrlinien durch und stellt den Windkanal zur Verfügung. Das Mobilitätsunternehmen Schaeffler ist bei der Entwicklung von hochfesten und reibungsarmen Kufen im Boot. Ein Verband, der auf diese Ressourcen nicht zurückgreifen kann, ist auf verlorenem Posten. Ohne Geld, kein Sieg. Know-how liegt nicht unterm Weihnachtsbaum. Aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen. 2019 wurde bei den Männer-Schlitten die Geometrie der Laufschiene verändert, was zu einem enormen Geschwindigkeitsverlust führte. Der Irrtum wurde 2020 behoben.
Fordern und Fördern Der BSD erhält eine gut dotierte Förderung vom Bund, die an den Erfolg gekoppelt ist, vor fünf Jahren waren es 4,6 Millionen Euro. Also kann sich der Verband die besten Coaches und Techniker leisten, damit wird das Training der Topfahrer und die Ausbildung des Nachwuchses finanziert. Die aktuellen Stars sind nicht mehr die Jüngsten: Die Olympiasieger Johannes Ludwig (35) und Natalie Geisenberger (34) sowie Felix Loch (32) sind alle jenseits der 30. Doch in Silbermedaillen-Gewinnerin Anna Berreiter (22), Julia Taubitz (25) und Max Langenhan (22) stehen die Erben bereit. Bekanntlich gibt es keine Sache ohne Haken, auch das deutsche Rodelsystem hat einen. Weil die Topstars die Startplätze im Weltcup blockieren, kann der talentierte Nachwuchs nicht so schnell an die Weltspitze herangeführt werden wie gewünscht. Und manche geben einfach auf. „Da gehen uns schon auch mal gute Leute verloren“, räumt Schwab ein.