Olympia 2022 Die Idee für den Eiskanal kommt aus Stuttgart

Im National Sliding Centre von Yanqing finden die olympischen Wettbewerbe im Bobfahren, Skeleton und Rodeln statt. Foto: dpa/Michael Kappeler

Der Eiskanal im Yanqing ist ein Superlativ, wie ihn die Regierung haben wollte. Der Stuttgarter Uwe Deyle hat das 2,2-Milliarden-Euro-Projekt realisiert.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Yanqing/Stuttgart - Der Mann ist der Zeit um eine Olympiade voraus, also um die Spanne, die zwischen zwei Spielen liegt. Kurz vor der Eröffnung der Winterspiele weilte Uwe Deyle in Cortina d’Ampezzo. Es ging um den Eiskanal für Olympia 2026, „da hat die Arbeit längst begonnen“, betont der Stuttgarter, der ein Ingenieur-Büro betreibt.

 

Der 61-Jährige besitzt im Schlittensport die Bedeutung, die der Aachener Hermann Tilke als Rennstrecken-Architekt für die Formel 1 innehat. Von Tilke sind die meisten neuen Rennkurse, aus Deyles Ideenwerkstatt stammt fast jeder moderne Eiskanal – wie der in Pyeongchang 2018 und nun Yanqing. „Ich hatte keine Vorgaben von chinesischer Seite bekommen“, erzählt Deyle. „Wir hatten ein Gelände ausgesucht. Und nachdem die Berechnungen gepasst hatten, legte ich los.“

Die Urteile lauten von „inspirierend“ bis „protzig“

2016 war die Begehung, nach zwei Sommern der Bau 2019 abgeschlossen. Es folgten die Testläufe und die ersten Weltcups im Herbst 2021. Für Bobpilot Francesco Friedrich ist die 1,9 Kilometer lange Bahn mit ihren 16 Kurven ein „Superlativ“, die sich auf einem Bergrücken schlängelnde Strecke „ist sowohl fahrerisch als auch touristisch ein Highlight“. Skeleton-Starterin Jacqueline Lölling meint gar: „Die Bahn liefert pure Motivation und inspiriert zu Wettkämpfen auf höchstem Niveau.“ Rodler Felix Loch dagegen findet das Projekt „protzig“ und trauert um die Natur.

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Funktionär Thomas Schwab liegt mit seiner Einschätzung diplomatisch dazwischen. „Es ist die spektakulärste Sportanlage, die wir je gebaut haben. Jedoch hat sie ihren Preis. Aber das ist auch immer eine Frage des Auftraggebers“, sagt der Geschäftsführer des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD).

Die Vorgabe war simpel: Es soll ein Superlativ werden

2,2 Milliarden Euro hat das Projekt verschlungen, ein gefräßiger Drache – dort, wo vereiste Betonkurven stehen, wo auf einem 217 Meter langen 370-Grad-Kreisel ein Nobelhotel errichtet wurde, wo nebenan eine Skipiste auf den Hang getackert wurde und heute eine Autobahn hinführt, war bis zum Jahr 2017 nichts außer Bergen, Bäumen und Bauern. Ob nach Olympia der Weltcup-Tross der Schlittenfahrer erneut Yanqing bereist, ist eher unwahrscheinlich. Der Terminplan hat seine Zwänge.

Dieser Frage musste sich Uwe Deyle aber nicht stellen. Für den Stuttgarter waren die Vorgaben der Volksrepublik als Bauherrn recht günstig. Es wurde nicht groß um den Preis gefeilscht. „Ich besaß vollstes Vertrauen und hatte weitgehend freie Hand – die Chinesen wollten nur einen Superlativ“, berichtet der Ingenieur, der sich in die Landesmentalität und das Obrigkeitsdenken erst hineinfinden musste.

Auf die Zusagen von oben war Verlass – im Guten wie im Schlechten

Je tiefer die Verwaltungsebene, umso unwilliger würden Entscheidungen gefällt, weil jeder Angst davor habe, einen Fehler zu begehen. „Wenn man von oben eine Zusage erhalten hat, konnte man sich darauf verlassen“, sagt Deyle und betont: „Das galt im Guten wie im Schlechten.“

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Aus sportlicher Sicht erfüllt der Eiskanal die höchsten Kriterien, er bestraft Fehler mit Zeitverlust und nicht mit einem Sturz, er lässt mehrere Linien in den Kurven zu und er hat Schlüsselstellen, die darüber entscheiden, ob es eine Medaille gibt – oder Frust und Häme. Norbert Loch hat an der Streckenführung nichts zu kritteln. „Die Bahn ist sehr anspruchsvoll, weil für alle drei Disziplinen – Bob, Rodeln, Skeleton – in bald jeder Kurve völlig andere Prinzipien anzusetzen sind“, sagt der Rodel-Bundestrainer.

Die Schlüsselstellen liegen in den letzten vier Kehren

Deyle hat die entscheidenden Passagen gegen Ende eingebaut, dort soll die Entscheidung über Gold fallen. Die schwierige Kurve neun aus Pyeongchang zu kopieren, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Das Neue ist die Herausforderung. Die chinesischen Schlüsselstellen sind die letzten vier Kehren, Deyle nennt sie Schafskurven, weil dort bei der Begehung Schafe weideten.

„So was gab es noch nie“, betont er, weil die Piloten bei der kleinen Erhebung korrekt agieren müssen, weil sie sonst von der Schlusskurve schroff abgewiesen werden und Zeit verlieren. „Die Testfahrten haben gezeigt“, sagt er, „dass alles genau so funktioniert, wie es meine Berechnungen vorausgesagt haben.“ Alles andere hätte Uwe Deyle von sich selbst aber auch nicht akzeptiert.

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