Zhangjiakou - Die Journalisten im Biathlon-Medienzentrum in Zhangjiakou schauten ziemlich erstaunt, so etwas hatten sie bei diesen Olympischen Spielen noch nicht erlebt. Mitten in dem Zelt steht ein kleines Podest für die TV-Kameras, mit denen die an der Stirnseite stattfindenden Pressekonferenzen aufgezeichnet werden. Doch an diesem Abend wurde das Podest zweckentfremdet – durch vier lachende und feixende Biathletinnen, die von Stefan Schwarzbach mit Keksen, Snacks und Getränken versorgt wurden. Der Pressesprecher hatte angesichts der draußen herrschenden Kälte die herzerwärmende Idee gehabt, die Gesprächsrunde mit den deutschen Medien nach innen zu verlegen, was die Emotionen noch spürbarer machte. Noch schöner. „Es ist einfach unglaublich“, meinte Vanessa Hinz. Und Denise Herrmann sagte: „Für diesen großen Traum haben wir alle hart gearbeitet.“
Die Freude am Sport ist zurück
Zuvor war es (zu) oft nicht rundgelaufen für das deutsche Biathlonteam bei diesen Winterspielen. Die Männer warten noch immer auf eine Medaille, bei den Frauen überstrahlte das Einzel-Gold von Herrmann alles. Auch die vielen kleinen Schwächen, Enttäuschungen, Rückschläge. Frustriert war vor allem Franziska Preuß. Nach ihrer Corona-Infektion und einem Treppensturz hatte sie um den Olympiastart lange bangen müssen, dann blieben die Ergebnisse aus. Prompt erklärte sie, den Spaß an ihrem Sport verloren zu haben. Was sich nun schlagartig geändert hat. Durch ein tolles Rennen von vier starken Frauen. „Natürlich will man den hohen Ansprüchen, die man an sich selbst hat, unbedingt gerecht werden“, sagte Preuß, „umso schöner ist, wenn es mal richtig aufgeht.“ Den Grundstein hatte Vanessa Voigt (24) gelegt. Sie blieb am Schießstand ohne Fehler, übergab als Führende: „Es ist verrückt, vor zwei Monaten hatte noch niemand daran gedacht, dass ich bei den Olympischen Spielen dabei sein werde. Cooler könnte es nicht sein.“ Anschließend hielten Hinz (29) und Preuß (27) ihr Team im Rennen, trotz jeweils zwei Nachladern und leichter Schwächen auf der Strecke. Herrmann (33) übernahm auf Rang vier, allerdings auf Tuchfühlung zu den Russinnen und Italienerinnen. Nur das Quartett aus Schweden war schon auf und davon, es sicherte sich souverän die Goldmedaille. Dahinter lieferte die Einzel-Olympiasiegerin einen großen Kampf.
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Hermann leistet sich zwar in beiden Anschlägen jeweils einen Fehler, hängte aber die Italienerin Federica Sanfilippo ab. Am Ende fehlte ihr zwar die Kraft, um die zweitplatzierte Russin Uliana Nigmatullina zu attackieren, dafür hielt sie die von hinten heranstürmende Norwegerin Marte Olsbu Röiseland, die im fünften Rennen erstmals leer ausging, auf Distanz. „Wir haben ihm Ziel einfach nur gezittert und gehofft“, sagte Vanessa Voigt, „als Denise dann über die Kuppe kam, ist uns der ganze Druck von den Schultern gefallen.“ Anschließend feierten die Deutschen Bronze, als hätten sie Gold gewonnen.
Gemeinsame Feier am Abend
Sie lagen sich im Zielbereich in den Armen, fielen sich immer wieder um den Hals, und dann stimmten sie auch noch den Gassenhauer „Auffe aufn Berg“ an. Das hörte sich ziemlich schräg an, weshalb es nicht wenige Zuhörer gab, die ganz froh waren, als die Athletinnen sich vor dem TV-Bildschirm versammelten – um den Langläuferinnen Katharina Hennig und Victoria Carl zuzujubeln, die nur einen halben Kilometer Luftlinie entfernt den beiden deutschen Olympiasiegerinnen wurden.
„Unfassbar, total verrückt. Wie geil ist dieser Tag“, jubelte Vanessa Voigt, und weil die Biathletinnen im olympischen Dorf auf einem Flur mit dem Langlaufteam untergebracht sind, freuten sich schon alle auf den weiteren Verlauf des Abends. „Gemeinsam“, sagte Herrmann, „feiert es sich am schönsten.“