Olympia 2022 Ester Ledecka – ein Phänomen auf Ski und Snowboard

Ester Ledecka ist auf einem Brett genauso geschickt wie auf Ski. Hier feiert sie ihren Sieg im Parallel-Riesenslalom auf dem Snowboard. Foto: imago/Roman Vondrous

Ester Ledecka ist ein Phänomen: 2018 gewann die Tschechin Gold auf Snowboard und Ski, nun könnte sie dieses Kunststück bei den Winterspielen in China wiederholen. Den ersten Sieg hat sie bereits eingefahren.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Zhangjiakou - Wer sich die olympischen Wettkämpfe anschaut, sieht ständig herausragende Athletinnen und Athleten. Stars, Superstars, Megastars. Aber niemanden, der vergleichbar wäre mit Ester Ledecka. Die Tschechin war schon 2018 die Königin der Winterspiele in Pyeongchang. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie in Peking noch einmal auf dem Thron Platz nimmt. Weil ihre Vielseitigkeit einmalig ist.

 

Ledecka (26) ist nicht nur die stärkste Snowboarderin der Welt. Sondern auch eine herausragende Skifahrerin. Vor vier Jahren holte sie zunächst Gold im Super-G auf zwei Brettern, eine Woche später dann Gold im Parallel-Riesenslalom auf einem Brett. Das galt damals als Sensation.

Es wäre die Super-duper-mega-ultra-Sensation

Nun stellt sich die Frage: Lässt sich dieser Begriff überhaupt steigern? Denn Ledecka hat am Dienstag in Zhangjiakou den ersten Teil ihrer Mission doppeltes Doppel-Gold erfüllt. Sie siegte im Parallel-Riesenslalom derart souverän, dass der Südtiroler Egon Theiner, der Chef im Medienzentrum, sie bei der Pressekonferenz kurzerhand als „beste Snowboarderin aller Zeiten“ begrüßte. Nun wechselt sie zu den Alpinen, am Freitag (4 Uhr/MEZ) steht der Super-G an. Und womöglich ein weiterer Olympiasieg. Es wäre die Super-duper-mega-ultra-Sensation.

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Außergewöhnlich an Ester Ledecka ist dabei, dass sie nie so tut, als fabriziere sie Außergewöhnliches. Für sie ist es normal, sich in zwei sportlichen Welten zu bewegen. „Ich liebe beides, also mache ich beides“, sagte sie einmal, und so groß seien die Unterschiede ja auch gar nicht: „Es geht immer bergab.“Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Technisch gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen Skifahren und Snowboarden, entsprechend schwer ist die dauernde Umstellung. Auch für den Kopf. „Mit einem Teil meiner Gedanken bin ich noch auf dem Snowboard“, sagte Ledecka nach ihrem Triumph, „der andere Teil ist schon auf dem Alpin-Kurs. Und ein kleiner Teil denkt ans Feiern. Insgesamt bin ich glücklich damit, aber es ist auch schwierig. Denn es ist nie perfekt. Es geht immer weiter, das ist schon ein bisschen seltsam.“

„Sie ist eine Rakete“

So fühlten sich auch ihre Konkurrentinnen. Schon am Ende der Qualifikation war klar, dass Ledecka sich höchstens selbst schlagen kann. Unfassbare zweieinhalb Sekunden lag sie nach zwei Läufen vor der zweitplatzierten Ramona Hofmeister, sämtliche K.-o.-Läufe gewann sie souverän. „Sie hat bewiesen, dass sie die Beste ist“, sagte Carolin Langenhorst. Hofmeister, die wie Langenhorst im Viertelfinale ausgeschieden war, meinte: „Sie ist eine Rakete, eine Wahnsinnsathletin. Vielleicht schafft sie es im Skifahren ja wieder. Ich drücke ihr die Daumen.“ Auch, weil es einfach eine doppelt gute Geschichte ist.

Mit zwei auf Ski, mit fünf auf dem Snowboard

Ledecka stand mit zwei Jahren erstmals auf Skiern, mit fünf bekam sie ein Snowboard geschenkt. Vater Janek ist in ihrer Heimat ein bekannter Sänger und Komponist, Mama Zuzana war Eiskunstläuferin, Opa Jan Klapac gewann zwei Olympiamedaillen im Eishockey. Die Familie konnte sich ein Ferienhaus in einem tschechischen Skigebiet leisten – und auch die duale Karriere der Tochter.

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„Von Anfang an haben mir die Leute gesagt, ich müsse mich spezialisieren, sonst würde ich nie ein höheres Level erreichen“, sagte Ledecka, die darüber auch ständig mit ihren Trainern diskutierte. Bis sie 14 Jahre alt war. Dann stellte sie klar: „Ich mache beides, und wenn’s dir nicht passt, suche ich mir halt einen anderen Coach.“ Ende der Debatte. Seither hat sich nichts geändert. Außer, dass niemand mehr ihr Vorschriften macht. Denn sie hat längst bewiesen, dass möglich ist, was niemand für möglich hielt.

Nun wechselt Ledecka in China ihren Standort. Von Zhangjiakou (Snowboard, Ski freestyle, Skispringen, Langlauf, Biathlon) wechselt sie nach Yanqing (Ski alpin, Bob, Rodeln, Skeleton). Vor dem Umzug wurde sie gefragt, worin denn die Herausforderung bestehe, zwei Sportarten zu betreiben. Sie antwortete mit einem Lächeln: „Das kann ich nicht sagen, denn ich habe keine Erfahrung darin, mich auf eine Disziplin zu fokussieren. Ich bin dankbar, zweimal auf hohem Niveau unterwegs sein zu können.“ Von Medaillen im Ski alpin sprach sie allerdings nicht.

Starts in Super-G, Abfahrt, Kombination

Nach dem Super-G wird Ledecka auch noch in der Abfahrt und der Kombination starten. Ihr Ziel sei nun, einfach Spaß zu haben: „Ich will so schnell fahren, wie es geht. Und die Show zeigen, für die ich seit Jahren trainiere.“ Dass die Umstellung diesmal schneller gehen müsse als in Pyeongchang (damals lag eine Woche zwischen den Rennen), bereitet ihr keine Sorgen. „Ich muss jetzt eben damit umgehen, dass es nur zwei Tage sind“, sagte sie. „Ich bin ja schon froh, dass Snowboard und Super-G nicht am selben Tag stattfinden.“

Doppelgold innerhalb von ein paar Stunden? Wenn es einer zuzutrauen wäre, dann Ester Ledecka. Denn wie sie ist keine.

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