Olympia 2022 Hennig und Carl tanzen zu Gold

Victoria Carl (links) und Katharina Hennig holen überraschend die Goldmedaille im Teamsprint. Foto: dpa/Daniel Karmann

Das nächste deutsche Langlauf-Wunder: Katharina Hennig und Victoria Carl werden Olympiasiegerinnen im Teamsprint – was auch mit einem besonderen Morgenritual der Mannschaft zu tun hat.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Zhangjiakou - Zu rechnen war mit diesem Coup nicht, eine Sensation kommt schließlich immer unerwartet. Eine kleine Ahnung, ein bisschen Zuversicht aber hatte Erik Schneider schon gehabt. Deshalb verzichtete der Trainer der deutschen Langläuferinnen am Morgen darauf, seinem Chef zum 52. Geburtstag zu gratulieren, und auch ein Präsent gab es nicht für Peter Schlickenrieder. Das, so der Plan, sollte ihm am Abend gemacht werden. Auf der Strecke, bei der Entscheidung im Teamsprint. Gedacht, getan. Katharina Hennig und Victoria Carl beschenkten nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Chefcoach – mit einem Langlauf-Wunder.

 

Der Trainer kämpft mit den Tränen

Die Winterspiele gehen zwar noch drei Tage, eines aber steht jetzt schon fest: eine unerwartetere Goldmedaille wird es für das deutsche Team in China nicht mehr geben. Dementsprechend groß war das emotionale Chaos im Langlaufstadion in Zhangjiakou. „Wir fühlen uns wie im falschen Film, können noch gar nicht begreifen, was wir vollbracht haben“, meinte Katharina Hennig. „Ich bin voller Adrenalin“, sagte Victoria Carl, „ich weiß gar nicht, was ich tun soll.“ Vom Cheftrainer war auch keine Orientierungshilfe zu erwarten. Peter Schlickenrieder kämpfte während seines ersten TV-Interviews mit den Tränen. „Das ist ein brutaler Traum, der sich hier erfüllt hat. Ich könnte den ganzen Tag heulen“, schluchzte er, „wahrscheinlich realisiert man erst in zehn oder 20 Jahren, was gerade passiert ist.“ Auf jeden Fall Historisches.

Salsa, Techno, Hardrock: Jeden Morgen wird zusammen getanzt

Hennig (25) und Carl (26) hatten im Teamsprint im klassischen Stil je drei 1,5-Kilometer-Runden zu bewältigen – und sie boten den Favoritinnen von Anfang an die Stirn. Hennig war die wohl stärkste Läuferin im gesamten Feld. Nach der zweiten Runde von Carl, die sich am Ende einen leichten Rückstand eingehandelt hatte, lief sie erst das Loch zu und übernahm dann die Führung. Was für ihre Kollegin die perfekte Ausgangssituation war.

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Carl, auch sie in der Form ihres Lebens, ließ die Konkurrenz herankommen, reihte sich dann ein. Am letzten Anstieg fiel die Finnin Krista Parmakoski zurück, da war klar, dass es zu einer Medaille reichen würde. Doch Carl wollte mehr, schon vor dem Rennen hatte sie zu Hennig gesagt: „Auf der Zielgeraden zerstöre ich sie.“ An diese simple Taktik hielt sie sich. Anfangs lagen die Russin Natalja Neprjajewa und die Schwedin Jonna Sundling, immerhin Olympiasiegerin im Sprint, noch vor der Deutschen, die sich aber Zentimeter um Zentimeter heran- und letztlich auch vorbeischob. Hinter der Linie stand Katharina Hennig, brüllte ihre Kollegin ins Ziel. Es reichte. Zu Gold. Zu Glanz. Zu Gloria. „Es ist“, sagte Hennig, „einfach unfassbar.“ Eine Erklärung gab es trotzdem.

Die Heim-WM 2021 war eine Enttäuschung

Denn natürlich wurde Schlickenrieder gefragt, wie so etwas möglich sei? Erst Staffel-Silber und nun der Olympiasieg für deutsche Langläuferinnen, nur ein Jahr, nachdem sie bei der Heim-WM in Oberstdorf bittere Pleiten zu verkraften hatten? Der Cheftrainer holte aus, schilderte in langen Worten, was er auch in einem Satz hätte sagen können: Auf das Team und dessen Zusammenhalt kommt es an. Und dafür haben sie viel getan.

Zum Beispiel versammelt sich die deutsche Langlauf-Crew jeden Morgen um zehn Minuten vor 10 Uhr auf dem Flur der Unterkunft im Olympischen Dorf. Zum gemeinsamen Tanz. Zehn Minuten lang gibt es Gaudi, Spaß und Freude, zur Playlist von Erik Schneider, die recht vielseitig ist. Salsa, Techno, Hardrock – alles ist dabei. „Das Tanzen befreit, wir waren lockerer als jemals zuvor“, sagte Victoria Carl, „ich glaube das war ein kleiner Aspekt, der uns geholfen hat.“

Ohne Erwartungsdruck holten die Langläuferinnen zwei Medaillen

Doch ist es wirklich so einfach? Muss man nur den richtigen Ton treffen? Natürlich nicht. Aber es ist ein Beispiel dafür, was die Verantwortlichen im deutschen Langlauf bewegt. Und was sie bewegt haben. „Klar könnte man sagen: Spinnt ihr eigentlich, jeden Morgen zu tanzen?“, sagte Chefcoach Schlickenrieder. „Doch genau so etwas braucht man, wenn man eh schon angespannt ist. Unsere Konkurrenz aus Norwegen oder Russland ist so übermächtig, hat viel mehr Geld und Personal. Da muss man extrem hart arbeiten, um mithalten zu können. Und man braucht ein Team, dem man vertrauen und mit dem man neue, andere Wege gehen kann.“ Was nun zu einem ganz neuen Problem führt.

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Schlickenrieder selbst hatte vor den Winterspielen erklärt, dass die Olympia-Rennen für seine Mannschaft zu früh kämen, sie noch nicht gut genug sei für Medaillen. Nun sind es sogar zwei geworden. „Wir liegen deutlich vor dem Zeitplan“, sagte der Trainer, „weil wir nach einer WM, bei der wir meinten, mit der Brechstange etwas holen zu müssen, den Spaß wiedergefunden haben.“ Was nun in ein wunderbares Geschenk mündete, mit dem (fast) keiner gerechnet hatte.

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