Olympia 2022 Kilde und Shiffrin: Ein Paar auf Abstand

Aleksander Aamodt Kilde und Mikaela Shiffrin könnten zum Goldpaar der Olympischen Spiele werden. Foto: dpa/S.Jansen

Aleksander Aamodt Kilde will unbedingt seine olympische Bilanz aufbessern und plant den Sieg in der Abfahrt. Dafür unternimmt er alles – und verzichtet sogar auf sein Liebesleben.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Yanqing - Romeo und Julia durften ihre Liebe nicht leben, weil ihre Familien verfeindet waren. Deshalb offenbarte sich Romeo nachts unter Julias Balkon, gestand ihr seine Liebe und sie beschlossen, zu heiraten. Ganz so herzzerreißend wie in der Tragödie von William Shakespeare ist die Szenerie nicht, als Aleksander Aamodt Kilde im Dunkeln unterm Zimmerfenster von Mikaela Shiffrin auftaucht und die beiden ein paar Worte wechseln. „Oh mein Gott“, sagt sie kichernd, „nett, dich zu treffen. Dein Zimmer ist da drüben . . .“ Sie deutet auf das Gebäude mit den norwegischen Fahnen. Kilde macht ein paar Faxen, dann bricht das Video ab. Das Olympische Dorf von Yanqing ist nicht Verona, schon wegen der Temperaturen. Aber vor allem deshalb, weil im 16. Jahrhundert kein Covid-19-Virus umherschwirrte.

 

Inkompatible Terminpläne

Denn der Erreger ist schuld daran, dass sich das Traumpaar des Ski-Zirkus maximal auf Armlänge annähern kann, selbst wenn der Norweger und die US-Lady fast Tür an Tür wohnen. Ein gemeinsames Abendessen im Athletendorf ist das höchste der (Liebes-)Gefühle. Da haben sie sich während der Weltcup-Saison so gut wie nie gesehen, weil ihre Terminpläne nicht kompatibel sind, und nun müssen sie bei Olympia einen Sicherheitsabstand halten wie pubertierende Teenager im Schullandheim, weil sonst der Aufpasser mit dem Finger droht. Küssen verboten! Berühren auch!

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Kilde und Shiffrin gehen freiwillig auf Abstand, weil sie sich auf gar keinen Fall das Virus einfangen möchten, um nicht kurz vor knapp das übergeordnete Ziel zu riskieren. Mindestens eine Olympia-Medaille soll es werden, natürlich aus Gold, es dürfen auch mehr sein.

Die Klassiker Kitzbühel und Wengen gewonnen

Der 29 Jahre alte Norweger ist einer der Topfavoriten, wenn es an diesem Sonntag (4 Uhr MEZ/ZDF) um den Olympiasieg in der Abfahrt geht. Drei Siege in dieser Disziplin hat er in dieser Saison schon eingesackt, darunter die Klassiker von Kitzbühel und Wengen; dazu kommen drei Triumphe im Super-G.

„Ich bin zuversichtlich, ich freue mich, eine neue Piste erkunden zu können“, sagte Kilde nach den ersten Trainingsfahrten auf chinesischem Kunstschnee. „Klar spüre ich den Druck, aber der ist hier nicht anders als im Weltcup.“ Na ja, wer’s glaubt, die Fahrt am Sonntag ist schließlich eine besondere – wer Gold in der alpinen Königsdisziplin gewinnt, setzt einen sichtbaren Abdruck in den Schnee der Sportgeschichte. Und Kilde hätte garantiert nichts dagegen, seinem Landsmann Aksel Lund Svindal zu folgen, der vor vier Jahren in Pyeongchang triumphierte.

„Eine Maschine“

Kilde ist ein Kämpfer, einer, der sich nicht unterkriegen und nur schwer stoppen lässt. Der Mann, der in Baerum geboren wurde und in Innsbruck lebt, hatte den Gesamtweltcup gewonnen, als er sich vor einem Jahr das Kreuzband riss. Er kam noch stärker zurück. „Der ist eine Maschine, der macht’s zum Teil mit purer Gewalt“, bemerkt der deutsche Rennläufer Romed Baumann, Vizeweltmeister im Super-G von 2021.

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Dass der Norweger diese Physis mitbringt, verdankt er seinem Jugendfreund Daniel Tangen. Der 30-Jährige und Kilde haben im gleichen Club als Kinder Skifahren gelernt, verfolgten als Teenager dasselbe Ziel im Skisport, bis sich Tangen Anfang 20 lieber der Wissenschaft widmete, studierte – und Fitness-Coach des Ski-Stars wurde. „In meinen Studien habe ich gelesen, wie die Rugby-Spieler von Neuseeland arbeiten. Das sind die am besten trainierten Sportler der Welt“, sagt Tangen. „Aleksander befindet sich auf ihrem Niveau. Er könnte da mithalten.“

Arbeit an den motorischen Fähigkeiten

Kilde, der Norweger mit den Fähigkeiten der All Blacks, wie das Rugby-Team genannt wird. Bislang haben Kilde und Tangen in der Fitness vor allem auf die Physis Wert gelegt, sie sind etwa die Stufen zur Schanze am Holmenkollen in Oslo erst auf beiden Beinen, dann auf einem Bein hoch gehüft. Seit dieser Saison arbeitet der Skirennläufer verstärkt an seinen motorischen Fähigkeiten, an der Körperkoordination. Sein Jugendfreund ist überzeugt, dass die Übungen anschlagen. „Kitzbühel und Wengen kannst du nicht gewinnen, wenn du nicht in jeder Beziehung topfit bist“, sagt Tangen.

Kraftvoll in Armen und Beinen – und im Kopf

Kraftvoll, nicht nur in Armen und Beinen, sondern auch im Kopf. Mit den sechs Saisonsiegen im Gepäck strotzt Kilde in Yanqing nur so vor Selbstvertrauen. „So wie der Winter gelaufen ist, müsste ich schon schwer patzen, damit es schief läuft“, sagt er lässig. Er ist wild entschlossen, seine Olympische Bilanz aufzubessern. In Sotschi und Pyeongchang wurde er jeweils 13. im Super-G, in der Abfahrt belegte er vor vier Jahren Rang 15. Der erste Schritt steht an diesem Sonntag bevor. Sollte Aleksander Aamodt Kilde tatsächlich Gold gewinnen, kann er seiner Geliebten die Plakette ja vor deren Fenster präsentieren. Ohne Kuss, mit Abstand. Die beiden sind ja nicht Romeo und Julia.

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