Olympische Spiele sind reich an Geschichten. Meist geht es um Tränen und Triumphe, um Pleiten und Podestplätze, um Gold, Silber, Bronze oder Blech und manchmal um noch viel mehr. Keine spürt das so sehr wie Eileen Gu. Sie vereint zwei Welten in sich und steht zugleich zwischen zwei Weltmächten. Kein einfaches Schicksal und doch eines, das sie selbst in die Hand nimmt.
Eileen Gu gilt als Wunderkind. Sie studiert an der Stanford-Universität, modelt nebenbei für französische Designermarken, ist eine überragende Klavierspielerin und die beste Freestyle-Skifahrerin der Welt, vor allem aber auch eine sehr entschlossene Person. Vor drei Jahren, mit 15, fällte sie einen Entschluss, der ihr Leben verändern sollte: Gu, Tochter eines Amerikaners und einer Chinesin, entschied sich, fortan für das Heimatland ihrer Mutter zu starten, auch bei den Olympischen Winterspielen. Was zu ziemlichen Verwicklungen führte.
Eine 18-Jährige gerät in einen politischen Konflikt
Auf Fox News wurde Eileen Gu unlängst vom konservativen Sportkommentator Will Cain als „undankbares“ Kind betitelt, das sich gegen jenes Land wendet, das sie „nicht nur aufgezogen, sondern auch zur Top-Skifahrerin geformt hat“. Damit dürfte Cain ausgesprochen haben, was viele US-Amerikaner denken – und schreiben. Unter dem Hashtag „#eileengutraitor“, was frei übersetzt so viel bedeutet wie „Eileen Gu, die Verräterin“, werden in den sozialen Medien zahllose vor Hass triefende Posts abgesetzt. „Schmeißt sie raus“ oder „Nehmt ihr die Stanford-Zulassung weg“ sind noch harmlosere Beiträge. Gu billige die Missachtung der Menschenrechte in China und sei das neue Gesicht kommunistischer Unterdrückung, heißt es in den Kommentaren. Ob Eileen Gu bei ihrer Entscheidung all diesen Hass voraussehen konnte? Sie ist in einen der größten politischen Konflikte dieser Zeit geraten: Die USA haben die Winterspiele in China diplomatisch boykottiert. Und dort holt nun ein US-Girl Gold für den autokratischen Gastgeber.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Johannes Strolz – oder: Wie ein Aussortierter zum Olympiasieger wurde
Die Kontroverse nahm im Januar 2019 ihren Lauf. Damals gewann Eileen Gu auf der Seiser Alm in Südtirol ihren ersten Weltcup im Slopestyle, noch unter amerikanischer Flagge. Nur wenige Tage später flog sie nach China, wo sie am 1. Februar eine Audienz bei Xi Jinping höchstpersönlich erhielt. Die 15-Jährige erschien erstmals in der roten Uniform des chinesischen Kaders, und der Staatspräsident erklärte ihr, wie essenziell wichtig ihr olympischer Erfolg für die „Erneuerung der chinesischen Nation“ sei. Vier Monate später machte Eileen Gu ihren Entschluss öffentlich – ausgerechnet auf der Online-Plattform Instagram, die in China von den Behörden zensiert wird. „Es war eine unglaublich schwere Entscheidung für mich“, schrieb sie. Doch sie wolle „Millionen junger Menschen dort inspirieren, wo meine Mutter geboren wurde“. Durch das Skifahren könne man schließlich „Freundschaften zwischen Nationen schmieden“.
Eileen Gu ist Werbeikone und Model
Große Worte, die zugleich etliches verschwiegen. Denn es ging, natürlich, auch um Geld. Viel Geld. China und seine 1,4 Milliarden Menschen sind ein riesiger Markt, Gu ist der einzige Wintersport-Superstar des Landes. „Vor ein paar Wochen war ich in Shanghai und sah ihr Gesicht innerhalb einer Stunde auf drei Werbeplakaten“, sagte Mark Dreyer, ein US-amerikanischer Sportkommentator, „das waren lauter Olympiasponsoren.“ Insgesamt macht Gu, die auch schon die Cover der China-Ableger von „Vogue“, „Harper’s“ und „Elle“ zierte, Werbung für und 30 in- und ausländische Marken. Laut „Global Times“ hat sie damit im vergangenen Jahr mehr als 100 Millionen Yuan (knapp 14 Millionen Euro) verdient. Der Rubel rollt.
Aber, das gehört ebenfalls zur Wahrheit, das Postergirl liefert auch ab. Ihr erster olympischer Wettkampf hätte schließlich auch ganz anders enden können. Gu blieb auf der riesigen Big-Air-Schanze, die auf einer Industriebrache mitten in Peking errichtet worden ist, nur noch ein Versuch. Eine letzte Chance, um Gold zu holen. Ausgerechnet jetzt, im wichtigsten Moment ihrer Karriere, versuchte sie sich an ihrem schwierigsten Trick. Als erste Frau schaffte sie einen „Left Double 1620“, einen Sprung mit viereinhalb Drehungen. Damit schob sie sich noch an der Französin Tess Ledeux vorbei. Hinterher erklärte Eileen Gu in fließendem Mandarin: „Das ist der beste Moment meines Lebens.“ Den viele teilen wollten.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie Nathan Chen auf dem Eis alle verzaubert
Die riesige Begeisterung nach dem Olympiasieg von Eileen Gu zwang die Server des größten chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo sogar kurzzeitig in die Knie. Das Thema „Gold für Gu Ailing“ erreichte am Tag ihres Triumphes 1,86 Milliarden Klicks. Rund 30 der 50 Top-Trends in den sozialen Medien drehten sich um die Athletin, die Klickzahlen lagen jeweils bei mehreren Hundert Millionen. „Sie ist die neue Ikone Chinas“ titelte die parteinahe „Global Times“. Eine für manche nicht ganz unwichtige Frage ließ diese Schlagzeile allerdings offen.
Eileen Gu will „nicht jeden glücklich“
Noch immer ist unklar, ob Gu auch laut Pass Chinesin ist. Da das Reich der Mitte offiziell keine doppelten Staatsbürgerschaften akzeptiert, hätte sie dafür ihren US-Status aufgeben müssen – was ein noch krasserer Schritt wäre als der Wechsel von einer Sportnation zu einer anderen. Gu antwortete auf entsprechende Fragen bisher stets ausweichend. „Wenn ich in den USA bin, bin ich Amerikanerin. Und wenn ich in China bin, bin ich Chinesin“, sagte die Multikulti-Athletin, die knapp ein Drittel des Jahres in Asien verbringt – was in den USA mit großer Skepsis betrachtet wird, und das sogar unter liberalen, chinesischstämmigen Amerikanern. „Ich frage mich, wie sie über ihre Entscheidung denken wird, wenn sie mal älter und weiser ist“, meinte die Autorin Leta Hong-Fincher, die sich vor allem mit ihren Büchern über Feminismus in China einen Namen gemacht hat. Gu hat auch diese Aussage zur Kenntnis genommen – und geschickt gekontert. „Mein Bestreben ist nicht, jeden glücklich zu machen“, sagte sie, „Sport kann Menschen zusammenbringen. Wir sind hier, um menschliche Grenzen zu verschieben.“ Und so soll es auch in den nächsten beiden Wettkämpfen geschehen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Im Überblick – alle deutschen Medaillengewinner
Eileen Gu hat noch zwei weitere Chancen auf Olympiagold. Zuerst im Slopestyle am Sonntagnacht unserer Zeit, dann in der Halfpipe am Donnerstag beziehungsweise Freitag. Möglich ist alles für Eileen Gu – bei der WM 2021 in Aspen in Colorado holte sie in ihren drei Wettbewerben drei Medaillen: zweimal Gold und einmal Bronze. Mal schauen, ob nun in Zhangjiakou auch Thomas Bach wieder dabei sein wird.
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees tauchte am Dienstag just in dem Moment hinter Eileen Gu an der Big-Air-Schanze auf, als die Siegerin sich den Fotografen präsentierte. Da wollte einer wohl ein bisschen mit im Ruhm des neuen Stars baden. Die Athletin hat auch diese Peinlichkeit routiniert ignoriert. Wer sich im Konflikt zweier Weltmächte nicht aufreiben lässt, der hält auch noch die Eskapaden eines IOC-Präsidenten aus.