Olympia 2026 Anton Grammel und seine Extrameilen auf dem Weg in die Spitze
Im Lager der Alpin-Männer ist Anton Grammel der einzige aus Baden-Württemberg. Dass er es zu den Olympischen Spielen geschafft hat, war vor ein paar Jahren kaum denkbar.
Im Lager der Alpin-Männer ist Anton Grammel der einzige aus Baden-Württemberg. Dass er es zu den Olympischen Spielen geschafft hat, war vor ein paar Jahren kaum denkbar.
Die Stelvio in Bormio jagt dem einen oder anderen Skirennläufer ja durchaus Angst ein. Weil die Piste, auf der in diesem Jahr die alpinen Skirennläufer ihre olympischen Rennen austragen, im Weltcup immer knallhart und eisig präpariert ist. Das macht den Hang schwierig und gefährlich. Ist für Anton Grammel aber eher eine feine Sache. Der sagt nämlich: „Mir liegt das Eis, da komme ich besser zurecht.“
Wer das in irgendeiner Weise bezweifelt hat, der konnte sich kürzlich in Schladming davon überzeugen. Die Weltcuprennen in der Steiermark glichen einer Trainingseinheit im Eiskunstlauf – nur eben mit einer ordentlichen Hangneigung. Viele Rennläufer hatten dabei Probleme. Anton Grammel dagegen fuhr sein bestes Saisonergebnis ein. Er wurde Zehnter. Und bestätigte damit auch seine Nominierung für die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Die eigentlich schon kein Thema mehr gewesen war.
„Da sich aus unserer Mannschaft schon vier Fahrer fix qualifiziert hatten“, sagt Grammel, „hatte ich damit eigentlich schon abgeschlossen.“ Eine Platzierung unter den besten Acht im Weltcup oder zwei Top-15-Ergebnisse wären dafür nötig gewesen. Doch dem starken elften Platz zum Riesenslalom-Auftakt in Sölden folgen eben nur ein 19. und ein 22. Platz.
„Ich hatte“, gibt der 27-Jährige zu, „zwischendurch bei den Ergebnissen so ein bisschen eine Flaute.“ Was zu einer gewissen Enttäuschung mitten in der Saison führte, „als es danach aussah, dass ich die interne Qualifikation nicht schaffe“. Dann aber erhielt der Deutsche Skiverband (DSV) einen fünften Startplatz – und Anton Grammel war wieder im Rennen.
Nun also gehört der Mann aus Kressbronn am Bodensee zum deutschen Olympiateam , und durfte die Stelvio schon am Mittwoch unter die Latten nehmen. Ein Erfolg war das zwar nicht (Platz 29 mit über vier Sekunden Rückstand auf den Sieger Franjo von Allmen), aber zumindest eine erste Kontaktaufnahme mit dem olympischen Schnee. Und: Die eigentliche Lieblingsdisziplin des Württembergers steht ja ohnehin erst an diesem Samstag (10 und 13.30 Uhr) auf dem Programm. Im Riesenslalom gehört Anton Grammel zu den besten 30 Skirennläufern – was angesichts der Lage, in der er vor einigen Jahren steckte, nicht selbstverständlich ist. Weil man mit der Entwicklung des damaligen Talents nicht ausreichend zufrieden war, strich der DSV den Rennläufer aus dem Nationalkader. Der musste sich dann entscheiden: Aufgeben – oder einen eigenen Weg suchen, um sich wieder zurückzukämpfen.
Anton Grammel wählte Option zwei und schloss sich dem Global Racing Team an, in dem andere Athleten wie er versammelt sind. Oder welche aus kleineren Nationen ohne eigene Trainingsgruppe. Das Problem: Finanzieren muss man seine Teilnahme selbst. „Das“, sagt Grammel, „ist nicht leicht zu stemmen.“ Was ihm half: Dass der Verband ihm zugestand, seinen Platz bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr behalten zu dürfen. „Das war für mich auch ein Zeichen, dass ich noch nicht abgeschrieben bin“, erinnert er sich, „die Tür war noch offen, das war Motivation für mich.“
Ein Jahr lang investierte er in seine Rückkehr, schaffte sie – und sagt heute: „Das Risiko einzugehen und dann dafür belohnt zu werden, das ist ein Riesending. Es hat sich gelohnt, diese Extrameilen zu gehen. Und es war gut, auch mal auf sich allein gestellt zu sein.“ Er sei „stolz“, dass „ich so mutig war, diesen Schritt zu gehen“. Nun will er noch mehr.
Jetzt in Bormio wird er vermutlich noch nicht um die Medaillen kämpfen können. Anton Grammel sieht die Spiele daher zwar einerseits als Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn – wäre aber froh, wenn er irgendwann einmal sagen könnte, dass es nur eine Zwischenstation war. Auf dem Weg in die absolute Spitze.
„Ich hoffe, dass ich irgendwann noch größere Erfolge einfahren kann“, sagt er. Der erste Lauf kürzlich in Schladming gebe dabei die Richtung vor – da war er Sechster. „Ich will um Podestplätze mitfahren können“, sagt Grammel und traut sich auch im Riesenslalom von Bormio schon einiges zu: „Ich kann mit einem guten Gefühl da reingehen.“
Ob das den Samstag über anhält? Hängt von seiner eigenen Leistung ab. Und mit dem Spiel des Hamburger SV gegen Union Berlin am Nachmittag. Denn: obwohl Anton Grammel im Süden Deutschlands aufgewachsen ist, hält er es – aufgrund der Herkunft seines Vaters – mit dem HSV. „Sowohl als Skifahrer als auch als Fußballfan“, sagt er lachend, „habe ich den harten Weg gewählt.“