Lindsey Vonn hat sich das Kreuzband gerissen, will aber in der Olympia-Abfahrt starten. Foto: IMAGO/Independent Photo Agency Int.
Sie hat es allen Zweiflern gezeigt, nun aber steht wieder alles infrage. Lindsey Vonn will trotz eines Kreuzbandrisses um Abfahrtsgold fahren. Das bewegt sogar Stars in Hollywood.
Ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, dass diesmal von Quark keine Rede war? Wohl eher ein schlechtes. Denn es zeigt: Diesmal ist alles noch viel schlimmer, kritischer, vager. Lindsey Vonn, die ihre schon bis dahin atemberaubende Comeback-Story mit einer Goldmedaille bei den Spielen von Mailand und Cortina krönen wollte, bangt um ihren Start. Ist eigentlich verletzt, will dennoch versuchen, sich am Sonntag (11.30 Uhr) in der Abfahrt aus dem Starthaus zu schieben, redete am Dienstag aber erst einmal von Therapien, Gesprächen mit Ärzten und vorsichtigen Versuchen. Aber eben nicht: von Quark.
Das war 2010 noch anders. Damals, Lindsey Vonn war 25 Jahre alt, saß sie wie nun in Cortina kurz vor dem Beginn der Spiele von Vancouver in seinem Pressekonferenzsaal. Und sagte: „Es ist der schlimmste Schmerz, den ich je hatte.“ Sie ergänzte: „Das sind nicht die besten Voraussetzungen, unter denen ich bei Olympia antreten wollte.“
Bei einem Trainingssturz hatte sie sich wenige Tage zuvor eine heftige Schuhrandprellung zugezogen, danach wurde die schmerzende Wade mit „Topfen“ behandelt, wie sie berichtete. Topfen ist das österreichische Wort für Quark. Und der half. Lindsey Vonn gewann in Vancouver die Abfahrt – es ist bis heute ihre einzige olympische Goldmedaille.
In Cortina sollte nun eigentlich eine weitere hinzukommen. Im Grunde nur wegen dieser Möglichkeit, an einem ihrer Lieblingsorte um Gold fahren zu können, startete die mittlerweile 41-Jährige vor der vergangenen Saison ein Comeback, das die Skiwelt schier verrückt machte. Denn Vonns rechtes Knie ist teils eine Prothese. Es gab viele Zweifler, doch spätestens nach ihren ersten Siegen in diesem Winter sind diese verstummt. Und Vonn ist wirklich eine Favoritin. Doch nun steht erneut alles infrage.
In Vancouver gewann Lindsey Vonn 2010 Gold in der Abfahrt. Foto: imago images/ZUMA Wire
Am vergangenen Freitag stürzte Lindsey Vonn bei der Generalprobe in Crans-Montana. Am Dienstag teilte sie mit: „Ich habe mir das Kreuzband gerissen.“ Im linken Knie. Was sie danach verkündete, war – ganz Lindsey-like – kein tränenreicher Abschied („Ich habe nicht geweint“). Sondern das genaue Gegenteil. Trotz der Verletzung, die normalerweise ein komplett instabiles Gelenk und eine monatelange Ausfallzeit bedeutet, will Lindsey Vonn versuchen, in der Abfahrt zu starten.
Natürlich halten auch das viele Menschen, auch Mediziner, für verrückt. Sie betonen das Risiko für bleibende Schäden. Da hilft es auch wenig, dass Vonn ankündigte, mit einer Orthese an den Start gehen zu wollen. Der Zuspruch ist aber noch viel größer – und reicht von den Skikolleginnen und -kollegen bis nach Hollywood.
Reese Witherspoon antwortet auf den Vonn-Post
Die Schauspielerin Reese Witherspoon jedenfalls antwortete auf einen Instagram-Post von Lindsey Vonn: „What a champion spirit.“ Die Snowboard-Ikone Shaun White postete: „Du bist anders gebaut, LV. Auf geht’s!“ Olympiasiegerin Julia Mancuso meinte: „Du hast es schon einmal geschafft.“ Und der deutsche Ex-Rennläufer Felix Neureuther schrieb: „Wenn es jemand schaffen kann, dann du.“
Das ist so ein bisschen das, worauf sich alle Hoffnung stützt. Dass hier nicht irgendeine Sportlerin vorhat, trotz Kreuzbandrisses eine Olympiaabfahrt samt des spektakulären Tofana-Schusses zu fahren. Sondern dass es eben jene Kämpferin ist, die schon viele Verletzungen überwunden, 84 Weltcuprennen und viermal den Gesamtweltcup gewonnen, zwei WM-Titel geholt und sich nach fünf Jahren Pause akribisch auf ein Comeback auf Weltklasseniveau vorbereitet hat. Mit Erfolg übrigens – und mit Hilfe eines anderen früheren Champions.
Aksel Lund Svindal ist seit dieser Saison ihr Coach. Er ist beeindruckt, in welchem körperlichen und skitechnischen Zustand er die Ex-Kollegin vor dem Winter angetroffen hat. Nach einem ersten Versuch auf Skiern nach dem Sturz am Dienstag sagte der Norweger: „Manchmal ist locker Skifahren wichtiger als ein Renntag. Heute war das so – und Lindsey ist bereit, hier in Cortina Rennen zu fahren.“ Ob sie das wirklich ist?
Werden die Trainings zeigen. Sie sei zwar schmerzfrei, und das Knie sei auch nicht geschwollen, sagte sie am Dienstag und betonte: „Ich weiß, das es eine Chance gibt.“ Sie gab aber auch zu: „Ich muss abwarten, wie es sich anfühlt. Ich muss erst einmal mit 85 Meilen pro Stunde fahren.“ An diesem Donnerstag findet das erste Training auf der Olympiastrecke statt. Wenn das gut ausgeht, wird die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Lindsey Vonn am Sonntag um ein Kapitel fortgeschrieben. Um das vielleicht unglaublichste. „Ich denke“, sagte sie, „es wird das dramatischste Comeback meines bisherigen Lebens.“ Auch ohne Quark.