Olympia 2026 Der Geist und die Cluster – welches Erbe hinterlassen die Winterspiele 2026?

Wohin führt der Weg der Olympischen Winterspiele? In vier Jahren nach Frankreich – wo nach einem ähnlichen Konzept verfahren wird wie zuletzt in Italien. Foto: Michael Kappeler/dpa

Aus Gründen der Nachhaltigkeit haben die Winterspiele 2026 auf unterschiedlichste Ort gesetzt. Wie hat das funktioniert? Eine Analyse zum Abschluss der Olympischen Spiele in Italien.

Es wurde ja viel über ihn geredet in den vergangenen zweieinhalb Wochen. Er wurde gesucht, nur manchmal gefunden. Oft vermisst. Aber es gab ihn bei diesen Winterspielen von Mailand und Cortina d’Ampezzo – den Olympischen Geist. Man musste nur wissen wo.

 

An der Strada Stratale 51 di Alemagna in Cortina liegt das Ristorante „Al Passetto“. Und wer die holzverkleideten Gasträume betritt, muss nicht lange suchen nach dem Flair, das die fünf Ringe verbreiten.

Gleich im Eingangsbereich erinnert ein Schaukasten mit Schuhen, Helm und blauer Jacke an den Bob-Helden Eugenio Monti. Die Wände zieren Fackeln von nahezu allen Olympischen Spielen. Und die am Eck platzierte goldene Gams hat zwar mit den Spielen nichts zu tun – aber schon damit, dass hier einer der Besitzer ist, der was anfangen kann mit dem Wintersport. Und auch mit den fünf Ringen, die für viele Athletinnen und Athleten die Welt bedeuten.

Kristian Ghedina hat zwar keine Medaillen bei Winterspielen gewonnen, aber an fünf teilgenommen (1992, 1994, 1998, 2002, 2006). Er hat 1998 die Abfahrt in Kitzbühel gewonnen und nun eben eine Pizzeria. Hinter der Bar steht sein Onkel, die Gäste strömen. „We need the table“, heißt es daher schon O=mal – obwohl der letzte Bissen Pizza noch gekaut wird. Aber: Für die britischen Skeleton-Olympiasieger macht man ja gerne mal Platz.

An diesem heimeligen Ort passiert also genau das, wofür Olympische Spiele stehen sollen und wollen: Man misst sich unnachgiebig im Wettkampf, kommt dann aber zusammen, feiert, tauscht sich aus, erlebt ein gemeinsames Fest – etwas, das in den vergangenen Tagen in Norditalien viele vermisst haben.

„Es ist für’n Arsch“, klagte etwa Linus Straßer, der alpine Skirennläufer. Nach eigener Aussage nicht gefrustet vom eigenen Abschneiden, aber genervt von den Zuständen in Bormio. Als „steriles Ding“ bezeichnete er Olympia dort. Selina Grotian, die deutsche Biathletin, erklärte: „Meine ersten Olympischen Spiele sind vorbei – und ehrlich gesagt waren sie für mich sowohl sportlich als auch persönlich enttäuschend.“ Der „Zauber der Ringe, das Zusammenkommen der Athleten, der Geist dahinter“, das alles habe sie nie erreicht. Und Eric Frenzel, der als Kombinierer vier Winterspiele bestritten hat und nun als Bundestrainer jene in Val di Fiemme erlebte, ergänzte: „Das olympische Flair ist nicht so ganz rübergeschwappt.“

In Antholz säumten zahlreiche Fans die Langlauf-Strecke beim Biathlon. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Es sind Stimmen, die nachhallen in diesen Tagen, weil sich bei vielen Beteiligten eben dieses Gefühl eingestellt hat. Dass das Konzept der nachhaltigen Spiele, die vorhandene Strukturen nutzen und verschiedene Regionen des Gastgeberlandes einbinden, auf dem Papier zwar vernünftig klingt, in der Praxis aber einiges auf der Strecke lässt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer von Cortina nach Antholz oder Val di Fiemme wollte, hatte noch Glück – das war jeweils in rund zwei Stunden zu machen. Von Mailand aus waren dagegen alle anderen Sportstätten mindestens vier Zugstunden entfernt. Und wer von Bormio nach Cortina reisen wollte, bekam in der olympischen Transport-App eine Reisezeit angezeigt, in der auch eine Fahrt von Stuttgart in den südlichen Teil der Toskana möglich wäre. Die Folge: Nicht nur Zuschauer und Journalisten mussten sich bei fünf Clustern früh auf eine Destination festlegen. Auch für die Sportler war es kaum möglich, Teamkollegen aus anderen Sportarten zu unterstützen. Geschweige denn, mit ihnen zu feiern.

Der Plan war bekannt und sorgte dennoch für Frust

Das alles kam nun zwar nicht überraschend, sorgte jedoch trotz der Vorkenntnisse für Frust. „Ich wusste, dass die Spiele wegen der Distanz auf eine andere Art besonders sein würden“, sagte Selina Grotian noch, dennoch war es für sie „nicht die Erfahrung, von der ich geträumt habe“. Wolfgang Maier, der Alpin-Chef, grantelte: „Bei der Eröffnungsfeier hat man gezeigt, wie man die olympischen Ringe zusammenführt und wie man Menschen verbindet über den Sport. Und jetzt sind wir hier in der Enklave.“

Da in Bormio ausschließlich die alpinen Herren am Start waren, wurde die Lage dort als besonders eintönig beschrieben. Aber: Nicht alle haben es so empfunden. Und: Es herrschte sicher nicht überall olympische Tristesse. Und schon gar nicht die beklagte Sterilität.

In Antholz wurden die Biathletinnen und Biathleten von vollen Tribünen aus gefeiert – wie sonst auch bei den Weltcups oder Weltmeisterschaften. Sich selbst feierten die Anhänger – viele waren aus Deutschland gekommen – auch. Bei der allabendlichen „Biathlon-Gaudi“.

In Cortina war auf der Tofana, im Curling Stadium und im Eiskanal mehr geboten, das kleine Örtchen entsprechend frequentiert. Zwar wurde auch hier die Chance verpasst, etwa durch eine Medal-Plaza die Stimmung zu heben. Und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zog mit seinem Deutschen Haus lieber außerhalb an den Hang statt mit seiner Fan-Zone im Zentrum stimmungsvolle Anlaufstelle zu sein.

Aber an der Bobbahn hielten die Athletinnen und Athleten immer wieder ihre Partner oder Kinder in den Armen. Die Stimmung war familiär und vor allem die europäischen Rodler, Skeletonis und Bobfahrer machten stets auf den großen Pluspunkt dieser Spiele aufmerksam.

Im Alpenraum konnten – anders als in Pyeongchang oder Peking – zahlreiche Freunde und Familienmitglieder live dabei sein. „Was gibt es denn Schöneres, als vor der eigenen Tochter eine Medaille zu gewinnen“, sagte etwa der deutsche Skeletoni Christopher Grotheer. Mit Freudentränen in den Augen. Bob-Anschieber Georg Fleichhauer meinte nach Gold vor den Augen seines Vaters: „Es war wunderschön.“

Die Bobfahrer Johannes Lochner und Georg Fleischhauer nach ihrem Triumph im Zweierbob. Foto: AFP

Anderswo war der Familienanhang ebenso vor Ort. Fabian Raimund, der Bruder von Gold-Skispringer Philipp Raimund, gab in Predazzo sogar zahlreiche Interviews. Ansonsten aber fühlte es sich für die Athletinnen und Athleten in den nordischen Skidisziplinen eher an wie bei einer WM – zumal in Val di Fiemme diese auch schon stattfand. In Antholz war das ähnlich. Wobei an beiden Standorten gerade die deutschen Sportlerinnen und Sportler durch eigene Unterkünfte und Hygienekonzepte auch selbst für ein zusätzliches Gefühl der Isolation sorgten.

In Mailand war – bei tristem Wetter in der ersten Woche – nach der Eröffnungsfeier und abseits der Wettkampfhallen eher wenig olympisches Flair zu spüren. Und manch ein Sponsor war im Nachhinein eher unzufrieden mit der Entscheidung, ausgerechnet in der Modemetropole den größten Marken-Auftritt inszeniert zu haben. Dabei sollte bei der Ouvertüre im Stadio Giuseppe Meazza noch demonstriert werden, dass dies die Spiele ganz Italiens seien. „Ich habe mich im Vorfeld der Spiele auch gefragt, ob der Funke auf ganz Italien überspringt“, sagte Thomas Bagger bei einem Besuch im Deutschen Haus. Der deutsche Botschafter in Italien fragte: „Denn was hat der Süden mit Winter-Olympia zu tun?“ Das sei ja in Rom schon „weit weg“ gewesen. Er betonte aber: „Ich muss ehrlich sagen, der Funke ist mit dem Tag der Eröffnungsfeier übergesprungen.“ Italienische Heldengeschichten wie die von Federica Brignone (Ski alpin) oder Francesca Lollobrigida (Eisschnelllauf) hätten dazu beigetragen: „Damit identifiziert sich ganz Italien.“

Die Frage, die nach den Spielen bleiben wird, ist aber: Wie identifikationsfähig ist die Cluster-Idee für kommende Wintergames? „Ich glaube daran, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber es bringt natürlich zusätzliche Komplikationen mit sich“, hatte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry schon vor der Eröffnungsfeier gesagt und versichert: „Wir werden aus diesen Spielen lernen. Wir werden analysieren.“

Klar scheint: im Sinne der Nachhaltigkeit auf vorhandene Strukturen zu setzen, ist der richtige Gedanke. Der erste Versuch der Umsetzung in Norditalien hatte aber klare atmosphärische Schwächen. Ein oder zwei Cluster weniger hätten dem Konzept nicht grundsätzlich geschadet, die Stimmung aber gehoben. Über das Erbe der Spiele von Mailand und Cortina wird man also noch lange diskutieren – und 2030 in gleicher Mission neu ansetzen.

Denn die Winterspiele in vier Jahren werden keine Änderungen mit sich bringen. Gastgeber sind: die französischen Alpen. Mit vier Clustern zwischen dem Genfer See und Nizza, acht olympischen Dörfern und womöglich einer Sportstätte außerhalb des Landes – für den Eisschnelllauf.

Der olympische Geist wird also wieder ganz schön Kilometer machen müssen. Oder er findet auch in Frankreich ein Örtchen wie das „Al Passetto“.

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