Olympia 2026 Ein Startverbot, Tränen – und jede Menge Diskussionen

Wladislaw Heraskewytsch mit dem Helm, der nun seinen Start in Cortina d’Ampezzo verhindert hat. Foto: Robert Michael/dpa

Der Ukrainer Wladislaw Heraskewytsch wollte bei den Spielen in Cortina d’Ampezzo im Skeleton starten – und an Kriegsopfer erinnern. Nun ist er ausgeschlossen worden. Warum?

Sport: Dirk Preiß (dip)

Dajana Eitberger ist Botschafterin des Vereins „Athletes for Ukraine“. Da passte es ganz gut, dass die deutsche Rodlerin just in jenen Momenten im Deutschen Haus in Cortina d’Ampezzo Rede und Antwort stand, als der Fall Wladislaw Heraskewytsch vollends eskalierte. Der Ukrainer, als Medaillenkandidat im Skeleton gehandelt, wurde kurz vor seinem ersten Wettkampflauf am Donnerstag aus dem Rennen genommen. Und Eitberger reagierte betroffen.

 

„Ich kenne den Wladi. Es tut mir leid für ihn“, sagte die Rodlerin, die am Vorabend Silber im deutschen Doppelsitzer mit Magdalena Matschina gewonnen hatte. Sie ergänzte: „Diese ganze Situation geht nicht spurlos an einem vorüber.“ Das gilt offenbar auch für Kirsty Coventry.

Die frühere Schwimmerin aus Simbabwe ist seit März des vergangenen Jahres Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) – und es gibt nicht wenige, die sagen: Seit sie amtiert, weht ein neuer, frischer Wind durch die Zentrale in Lausanne. In diesem Fall aber berief sich auch die neue Chefin des mächtigsten Sportverbands der Welt auf eine alte Regel. Auch, wenn ihr das offenbar das Herz zu brechen schien.

Rund eine Stunde vor Beginn des Skeleton-Wettbewerbs im Cortina Sliding Centre hatte sich Coventry noch einmal mit Heraskewytsch getroffen und ihn zum Umdenken bewegen wollen. Der Ukrainer betreibt seinen Sport derzeit mit einem besonderen Helm. Auf dem Kopfschutz sind Menschen abgebildet, die einst Sportlerinnen und Sportler waren, „zum Teil haben sie Medaillen bei den Olympischen Jugendspielen gewonnen“, sagte der 27-Jährige – sie würden damit zur olympischen Familie gehören. Sie alle haben aufgrund des russischen Angriffskriegs ihr Leben verloren. Mit dem Helm wolle er an sie erinnern.

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Foto: Fatima Shbair/AP/dpa

Auch nach dem Gespräch mit der IOC-Chefin blieb er bei seinem Wunsch, mit eben diesem Kopfschutz auf die Bahn zu gehen. Daraufhin wurde er kurz vor Rennbeginn von den Spielen in Cortina d’Ampezzo ausgeschlossen.

Das verkündete am Sliding Centre Kirsty Coventry unter Tränen. Der Ausschluss, betonte sie, habe „unter Bedauern“ vollzogen werden müssen. Ihre Begründung: „Es geht nicht um die Botschaft, es geht nur um die Regeln und Vorgaben“, sagte Coventry, „traurigerweise heißt das, dass keine Botschaften erlaubt sind.“ Das ehemalige Mitglied der IOC-Athletenkommission ergänzte: „Ich hätte ihn gern im Rennen gesehen. Es war ein wahnsinnig emotionaler Morgen.“ Offiziell teilte das IOC mit, der Skeletoni sei ausgeschlossen worden wegen seiner „Weigerung, sich an die Richtlinien des IOC zur Meinungsäußerung von Athleten zu halten“.

Der Athlet will vor den Sportgerichtshof ziehen

Am Eiskanal herrschte an diesem wolkenverhangenen Vormittag viel Betrieb, zahlreiche Journalisten wollten sehen, ob Heraskewytsch an den Start geht, oder nicht. Ob er seinen Helm trägt, oder nicht. Ob es zu einem weiteren Kompromiss kommt. Das IOC hatte dem Ukrainer erlaubt, den Helm in Trainingsfahrten zu tragen. Auch erlaubte es ihm, an den Renntagen mit Trauerflor zu starten und bei den Medienterminen danach den Helm wieder zu vorzuzeigen. Dem 27-Jährigen war das nicht genug.

„Diese Menschen haben überhaupt erst dafür gesorgt, dass ich hier stehen kann“, sagte Heraskewytsch, als er kurz nach 10 Uhr vor die Journalisten trat. Es gebe, betonte er, „Wichtigeres als Medaillen“. Er wolle erinnern. Sein Helm, den er den Zuhörern noch einmal präsentierte, sei „keine politische Propaganda“.

Laut der IOC-Charta sind an den Wettkampfstätten politische, religiöse und kommerzielle Botschaften untersagt. In den Sozialen Medien und auf Pressekonferenzen ist das anders – was bei diesen Spielen auch schon zu erleben war: Viele US-amerikanische Athletinnen und Athleten haben sich in Italien zu den Zuständen in ihrer Heimat unter Präsident Donald Trump geäußert. Die Kernfrage des Skeleton-Falles ist daher: Als was ist das, was Wladislaw Heraskewytsch auf seinem Helm trägt, zu werten?

Der Sportler sieht sich im Recht, sagte daher auch: „Ich habe nie darüber nachgedacht, nicht mit dem Helm zu starten.“ Und ein entsprechender Antrag sei dem IOC auch schon länger vorgelegen. Seinen Fall will er nun vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas bringen. Bis zur endgültigen Klärung des Vorgangs werden also noch viele Tage ins Land ziehen.

Die Winterspiele in Norditalien werden dann vorüber sein. Aber der olympische Sport wird politisch bleiben. Schon bald wird es in zahlreichen Disziplinen um die Frage gehen, ob russische Sportlerinnen und Sportler wieder zu Wettkämpfen zugelassen werden. Einige Verbände haben diese schon mit Ja beantwortet.

Dajana Eitberger berichtete am Donnerstag noch, wie sie und ihre Familie einst eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Kindern, die vor dem Krieg flüchteten, bei sich aufgenommen hätten. Und Wladislaw Heraskewytsch nutzte die Aufmerksamkeit noch für einen Apell. In die ZDF-Kamera sagte er auf Deutsch: „Es ist eine schwierige Zeit in der Ukraine. Es ist wichtig zu helfen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Skeleton IOC