Waren die Pariser Spiele ein Erfolg?
Absolut. Wie schon bei der überwältigenden Eröffnungsfeier auf der Seine, war auch die Stimmung bei den meisten Wettkämpfen ausgelassen und die nationale Zugehörigkeit rückte bisweilen in den Hintergrund. Der Applauspegel erreichte Dezibelwerte von Rockkonzerten, vor allem, wenn französische Stars wie Teddy Riner (Judo), Léon Marchand (Schwimmern) oder Félix Lebrun (Tischtennis) antraten.
Immer wieder stimmte das französische Publikum spontan die Nationalhymne an. Diese Begeisterung hat selbst viele Pariskenner überrascht. Bevor es losging, hatten die für ihre Hochnäsigkeit bekannten Pariserinnen und Pariserin vor allem über die angeblichen Verkehrsbehinderungen dank Olympia gelästert.
Und: Die befürchteten Terroranschläge blieben aus, nachdem die Polizei mehrere Attentatsversuche vereitelt hatte. So blieb es zum Glück bei den – nach wie vor ungeklärten – Sabotageakten auf das TGV-Netz am Eröffnungstag.
Wie war die Organisation?
Erstaunlich gut. Das angekündigte Verkehrschaos blieb aus. Ausländische Gäste fanden sich dank einer Menge freiwilliger Helfer problemlos zurecht. Die Tribünen waren rundum gefüllt, fast neun Millionen Tickets wurden verkauft. Der ökologische Fußabdruck hielt sich in Grenzen, auch wenn im Olympischen Dorf zuletzt doch 2500 Air Condition-Geräte installiert wurden. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten: Die Preise für U-Bahn-Tickets und Speisen in den Restaurants sind rekordverdächtig in die Höhe geschossen. Auch im Olympischen Dorf lief nicht immer alles nach Plan: Anfänglich gab es Warteschlangen vor dem Grillstand. Die Köche hatten mehr auf proteinhaltige und vitaminreiche Speisen gesetzt. Italienische Athleten beklagten sich, der Kaffee rieche nach Seine-Wasser.
Wie steht es um die Kritik an der Eröffnungszeremonie?
Die Debatte um die Eröffnungszeremonie mit der Abendmahl-Inszenierung zieht Kreise, die als Parodie kritisiert wurde – auch von Kirchenvertretern und dem Vatikan. Der künstlerische Direktor Thomas Jolly, der jede Religionsparodie bestreitet, hat nach persönlichen Internetattacken Anzeige wegen Homophobie und Morddrohungen erstattet. Die Dragqueen Nick Doll tut es ihm gleich.
Ist die Seine schwimmtauglich?
Nach dem Triathlon-Schwimmwettbewerb klagten eine Belgierin, ein Kanadier und ein Neuseeländer über Symptome einer bakteriellen Infektion, darunter Erbrechen. Am Dienstag musste nach dem Triathlon auch das Training für das Freiwasserschwimmen auf Mittwoch verschoben werden. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo bleibt aber dabei, dass die Pariserinnen und Pariser im Sommer 2025 drei Badeplätze erhalten sollen. Dafür wurde die Seine und der Zufluss Marne für insgesamt 1,4 Milliarden Euro saniert.
Mischte sich die Politik in die Spiele?
Trotz des russischen Aggressionskriegs sowie offenbar aus Moskau gesteuerten Attentatspläne und Hackerangriffe hatte das Internationale Olympische Komitee (IOK) 15 Vertreter Russlands und 17 Weißrussen in neutraler Aufmachung zugelassen, wenn sie sich nicht für den Krieg aussprachen. Die europäische Stiftung Global Rights Compliance hat aber eruiert, dass sich die Russinnen und Russen nicht daran halten. Die Radfahrerin Alena Ivatschenko leitete einen von Stalin inspirierten Instagram-Spruch weiter: „Ein Waffenstillstand mit dem Feind ist erst nach dessen Vernichtung möglich.“
Auch der Nahostkonflikt war präsent. Der Flaggenträger der acht Palästinenser trug ein Hemd mit aufgestickten Bombenjets, die Israels Angriffe auf Gaza symbolisieren sollten. Ein Algerier trat mit einer Gewichtsausrede nicht gegen einen israelischen Judoka an. Morddrohungen und „Heil Hitler“-Rufe begleiteten die 88 in Paris antretenden Israeli. Von Annäherung durch Olympia keine Spur.
Auch Taiwan war in Paris ein Reizthema. Beim Badminton-Männerdoppel zwischen Taiwan und Dänemark hielt eine Frau im Publikum ein Schild mit der Aufschrift „Allez, Taiwan“ (Vorwärts, Taiwan) hoch. Ein Mann, der von Anwesenden als Chinese geoutet wurde, riss ihr das Schild aus der Hand.
Wie sieht die finanzielle Bilanz aus?
Historisch betrachtet war „Paris 2024“ fast schon günstig. Das Gesamtbudget betrug 8,8 Milliarden Euro, rund ein Drittel weniger als bei den Spielen in Tokyo, Rio oder London. Es dürfte um zwei Milliarden überschritten werden, ebenfalls weniger als bei vergleichbaren Anlässen. 4,4 Milliarden Euro werden durch Eintritte und das IOK finanziert. Für die andere Hälfte kommt der französische Staat auf. Präsident Emmanuel Macron behauptet, die Langzeitinvestitionen kämen der Nation vollumfänglich zu gute, durch den Tourismus.
Für die Pariser Spiele wurden nur zwei Sporthallen neu gebaut, das Schwimmzentrum und die Badminton-Arena. Das olympische Dorf soll Wohnung um Wohnung verkauft werden. Die Anwohner des Banlieue-Departementes Saint-Denis können sich die Quadratmeterpreise von 7000 Euro aber kaum leisten.
Hilft der Olympia-Erfolg Präsident Emmanuel Macron?
Kaum. Der Präsident hat es bis heute nicht geschafft, einen Premierminister zu ernennen. Er versprach, sich nach der Olympia-Auszeit zu entscheiden. Ob die Linke oder die Mitte an die Regierung kommt: Mangels Mehrheit wird sie ohnehin kaum vernünftig regieren können. Für Macron geht der Kampf weiter.
Wo finden die nächsten Sommerspiele statt?
Die Sommerspiele 2028 gehen in Los Angeles über die Bühne. Die Staffelübergabe soll bei der Schlussfeier durch den US-Schauspieler Tom Cruise erfolgen. Ganz sind die Wettkämpfe aber noch nicht zu Ende: Vom 28. August bis 8. September finden die paralympischen Spiele für Behinderte statt.