Olympia-Start nach Knöchelbruch So gewann Ramona Hofmeister das Rennen gegen die Zeit

Ramona Hofmeister fährt bei den Olympischen Spielen um eine Medaille. Foto: Imago/Wolfgang Kofler

Snowboarderin Ramona Hofmeister gehört trotz einer Fraktur des Sprunggelenks, die sie sich im September zuzog, zu den Olympia-Favoritinnen im Parallel-Riesenslalom.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Die Olympischen Spiele hatten noch gar nicht begonnen, da waren Verletzungen schon ein großes Thema, schließlich will Abfahrts-Superstar Lindsey Vonn trotz eines gerissenen Kreuzbandes im Knie Gold holen. Es wäre eine unglaubliche Geschichte, aber nicht die einzige aus der Abteilung Medizin, die verwundert. Eine sagenhafte Erzählung hat bei den Winterspielen im Norden Italiens auch Ramona Hofmeister beizusteuern.

 

Es war Freitag, der 19. September, als die Snowboarderin beim Stangentraining in Zermatt stürzte. Nicht sonderlich schwer, aber ziemlich schmerzhaft. Und auch die Diagnose tat weh. Fraktur des Sprunggelenks, ein Außenband gerissen, Knorpelschaden – eine Operation war unumgänglich. Nicht beschädigt war der Kampfgeist von Ramona Hofmeister. „Die Olympischen Spiele bleiben mein Ziel“, sagte sie, nachdem sie aus der Narkose aufgewacht war, „jetzt halt mit einem Umweg.“ Und trotzdem war alles andere als sicher, dass sie das Rennen gegen die Zeit gewinnen und in Livigno ankommen würde.

Romana Hofmeister mit famosem Comeback

Bis ein Bruch des Sprunggelenks komplett ausgeheilt ist, dauert es normalerweise sechs Monate – mindestens. Bei Ramona Hofmeister ging es schneller. Viel schneller. Schon am Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in Prien am Chiemsee begann sie mit dem Training („Mein Coach meinte, 99 Prozent meines Körpers seien ja gesund“), am 10. Januar kehrte sie in den Weltcup zurück – und wie! In Scuol triumphierte sie auf Anhieb im Parallel-Riesenslalom und feierte nicht nur den Sieg, sondern auch die Olympia-Qualifikation. „Im Training war zu sehen, dass sie eigentlich noch ein paar Runden gebraucht hätte“, sagte Paul Marks, der Bundestrainer, „aber im Wettkampf wird sie zu einer anderen Person – sie ist etwas ganz Besonderes!“ Was blieb, war die Frage nach dem Risiko.

Der Olympia-Start von Ramona Hofmeister war alles andere als sicher. Foto: Imago/Sven Simon

Wie gefährlich ist es, dreieinhalb Monate nach einer Fraktur des Sprunggelenks wieder Snowboard-Rennen zu fahren? Hat Ramona Hofmeister mit ihrer Gesundheit gespielt? „Auf keinen Fall“, sagte sie, „ich bin beim Comeback völlig schmerzfrei gewesen und wusste, dass mein rechter Fuß den Druck aushält. Ich war vom Kopf her frei, habe alles genossen. Es hat sich angefühlt wie in einem Traum.“ Dann dankte sie ihrem Ärzte- und Reha-Team – und dämpfte, während der Verband seine Pressemitteilung voller Euphorie betitelte („Die Königin ist zurück!“), gleich mal die Erwartungen: „Ich werde völlig entspannt zu den Winterspielen reisen. Nach dieser Vorgeschichte verspüre ich keinerlei Druck.“ Auch wenn die Erwartungen groß sind.

Erfolgreiche Generalprobe von Ramona Hofmeister

Ramona Hofmeister siegte ja nicht nur bei ihrem Comeback in Scuol, sondern auch in der Woche danach in Bansko, dazu kam zuletzt bei der Olympia-Generalprobe in Rogla Rang zwei. „Ich bin“, sagte sie anschließend, „im Flow.“ Und auch die Strecke in Livigno, auf der es an diesem Sonntag (Achtelfinale ab 13 Uhr) um die Medaillen geht, taugt ihr. Sie ist steil und lang und passt zu Athletinnen, die im Rennen kein Risiko scheuen. „Ich bin nach dem langen Reha-Training athletisch so fit wie noch nie“, meinte Ramona Hofmeister am Freitag, und die viermalige Gesamtweltcupsiegerin aus Bischofswiesen äußerte gleich noch einen Wunsch in Richtung der Organisatoren: „Vielleicht bekommen sie die Piste ja noch ein bisschen eisiger hin.“

Wie es sich anfühlt, aufs olympische Podest zu kurven, weiß Ramona Hofmeister aus eigener Erfahrung: 2018 holte sie in Pyoengchang Bronze. Die Tschechin Ester Ledecka, die seinerzeit gewann, ist auch diesmal wieder die Favoritin, was an den Ambitionen von Ramona Hofmeister nichts ändert. „Ich denke sehr gerne an die Erlebnisse in Südkorea zurück“, sagte sie – verbunden mit der Hoffnung, dass Ähnliches noch einmal möglich ist. Dafür gibt es allerdings erneut nur eine Chance. Weil der Parallel-Slalom und der Mixed-Wettbewerb nicht olympisch sind, bestreiten die Snowboarderinnen lediglich ein Rennen. „Wir hätten es zwar sehr gerne anders“, sagte Ramona Hofmeister, „aber wir alle haben diese Situation akzeptiert – und uns mental darauf eingestellt, dass es alle vier Jahre auf einen Tag ankommt.“ An dem Olympia-Fans ganz genau hinschauen werden.

Denn Lindsey Vonn (in Cortina) und Ramona Hofmeister (in Livigno) werden an diesem Sonntag fast parallel im Einsatz sein. Gut möglich, dass es danach gleich zwei neue wunderbare Geschichten zu erzählen gibt.

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