Olympiasieger Michael Jung Auf Nebenwegen

Von Thomas Borgmann 

Nach einer Saison mit Höhen und Tiefen kommt der Vielseitigkeits-Olympiasieger Michael Jung zum German Master nach Stuttgart. Allerdings nur als Springreiter.

In Stuttgart konzentriert sich der Vielseitigkeit-Star Michael Jung nur auf das Springen. Foto: Baumann
In Stuttgart konzentriert sich der Vielseitigkeit-Star Michael Jung nur auf das Springen. Foto: Baumann

Stuttgart - Was für ein Unterschied: Schaut man auf die aktuelle Weltrangliste der Buschreiter, so findet sich sein Name bereits auf Platz acht – mal wieder als bester Deutscher. Blickt man auf die aktuelle Weltrangliste der Springreiter, muss man geduldig suchen, denn Michael Jung liegt „nur“ auf Rang 192, Tendenz: deutlich steigend. Dazu sagt der Reitmeister, wie immer schnörkellos: „Ich hatte eine tolle Saison in der Vielseitigkeit, bin unterm Strich sehr zufrieden. Jetzt widme ich mich meinen Springpferden.“ Von Pause oder gar von Müßiggang hält der 37-Jährige rein gar nichts.

Lesen Sie hier: Wie Michael Jung zu Chipmunk kam

Kleine Rückblende: Im Frühjahr sorgte Michi, wie ihn seine Fans nennen, für ­Aufsehen in der weltweiten Reiterszene: Der elfjährige Hannoveraner Chipmunk wechselte überraschend aus dem Stall von Julia Krajewski in Warendorf zur Familie Jung nach Horb. Der deutsche Reiterverband sowie Jungs Freund und Mäzen Klaus Fischer (Fischer Dübel) legten eine hohe sechsstellige Summe auf den Tisch, um das Klassepferd im Land zu halten – eine Investition, die sich bei Olympia 2020 in Tokio auszahlen soll: Dem „Jahrhundertreiter“ aus Altheim traut man zu, nach Einzelgold in London und Rio auch 2020 in Tokio ganz oben zu stehen. Er selbst sagt: „Mein sportliches Ziel ist eine Einzelmedaille – welche es wäre, ist mir gleich. Ich weiß, wie schwer es wird. Im Sport mit den Pferden kann so vieles passieren.“

Kleine Fehler kosten Titel

Genau diese alte Reiterweisheit musste Michael Jung in der Saison 2019 mehrmals schmerzlich erfahren: In der Aachener Soers, wo er seine Neuerwerbung Chipmunk im internationalen Wettkampf testete, leisteten sich die beiden leider einen Flüchtigkeitsfehler zu viel, ein sogenanntes Klötzchen – einen Abwurf –, was ihn den Sieg kostete. Bei der EM in Luhmühlen der gleiche Lapsus: Wieder das verdammte Klötzchen zu viel, der vierte EM-Titel, zum Greifen nahe, verschenkt – wieder hatte Ingrid Klimke, Jungs Dauerrivalin, das bessere Ende für sich. Joachim Jung, Vater und sportlicher Ratgeber, räumt es offen ein: „Wir haben uns saumäßig geärgert, denn das waren wirklich zwei bittere Klötzchen. Dann allerdings haben wir uns gesagt: Es wäre doch wirklich schade, wenn man sich nicht mehr freuen könnte über diese Silbermedaille bei der EM, zumal unsere Equipe mal wieder Gold geholt hat.“

Die Nummer eins heißt Chipmunk

Michael Jung pflichtet seinem Vater bei: „Ich hätte nicht gedacht, dass Chipmunk und ich in so kurzer Zeit so gut zusammenwachsen. An der einen oder anderen Stelle muss die Feinabstimmung besser werden, aber das ist ja völlig normal.“ Dann verweist er auf seinen Sieg beim vorolympischen Testevent in Tokio und betont selbstbewusst: „Ich habe vier Pferde für Tokio qualifiziert: den elfjährigen Chipmunk, die 14-jährige Rocana, den achtjährigen Hengst Highlighter und die elfjährige Irin Creevagh Cooley. Chipmunk ist meine Nummer eins.“

Zum Laienverständnis: Nur Pferde, die auf internationalem Geläuf eine lange, mit vier Sternen bedachte Vielseitigkeit absolviert haben, dürfen in Tokio gesattelt werden. Wahrscheinlich werden dort Michael Jung, Ingrid Klimke und Sandra Auffahrt das deutsche Dreierteam bilden.

Konzentration auf Spring-Turniere

Mittlerweile hat Vizeeuropameister Jung die Buschsaison abgehakt, sattelte an den vergangenen zwei Wochenenden seine Springpferde in Oslo und Helsinki, wo er am Sonntag mit Chelsea den beachtlichen zehnten Platz im Weltcupspringen belegen konnte, dazu gab’s Siege und Plätze in diversen Springen. In diesen Tagen startet er mit Nachwuchspferden auf einem Messeturnier in Nürnberg. Vater Jung sagt, sein Sohn habe die lange Tour nach Skandinavien auf sich genommen, weil er ein ehrgeiziges Ziel verfolge: „Michael konzentriert sich den Winter über auf den Weltcup der Springreiter, möchte Mitte November in der Schleyerhalle unbedingt beim Großen Preis starten. Hoffentlich klappt’s, die ersten Punkte hat er bereits.“

Nicht zu vergessen: Beim Hallen­geländeritt am ersten Turnierabend (13. November) sattelt Michael Jung den ­erfahrenen Wallach Star Connection. ­Seine Dauerrivalin Ingrid Klimke kommt übrigens auch.