Dreimal Bronze, einmal Gold – das ist die Bilanz der deutschen Fußballerinnen bei Olympischen Spielen. Nachdem die Mannschaft in Tokio nicht vertreten war, soll die Statistik nun in Paris aufgebessert werden. Was ist drin für das deutsche Team? Darüber spricht im Interview Tabea Kemme, die 2016 Olympiasiegerin wurde. Zudem betont sie, welch große Bedeutung dieses Turnier für den Frauenfußball in Deutschland generell hat.
Frau Kemme, wie wichtig sind die Olympischen Spiele in Paris für den deutschen Fußball der Frauen?
Zunächst einmal ist es enorm wichtig und fantastisch, dass die deutsche Mannschaft in Paris dabei ist. Das Thema Präsenz ist einfach extrem wichtig – und Olympia konnten wir in den vergangenen Jahren ja nicht immer besonders gut.
Sie sind doch 2016 mit dem deutschen Team Olympiasiegerin geworden.
Darüber bin ich auch sehr glücklich. Aber davor in London und danach in Tokio waren die deutschen Fußballerinnen nicht qualifiziert.
Das deutsche Team trifft in der Gruppe auf die USA, Australien und Sambia. Wie knifflig ist das?
Die Mannschaft wird extrem gefordert sein – aber ich glaube auch, das dies genau die Herausforderung ist, die sie jetzt braucht. Nach der starken EM, der schwierigen WM und all ihren Folgen, dem Neuanfang mit Horst Hrubesch und dem Wissen, wie es danach weitergeht.
Der Hrubesch-Nachfolger heißt Christian Wück, der nach Olympia sofort in eine EM-Saison startet.
Eben deshalb ist diese Turnier-Routine gerade so wichtig. Nicht nur sportlich für die Spielerinnen, sondern auch, weil wir an einem Punkt angekommen sind, an dem die Menschen große Lust auf Spiele und Turniere der Frauen-Nationalmannschaft haben. Für die weitere Entwicklung des Frauenfußballs sind diese Auftritte also sehr bedeutend.
Bedeuteten das schwache Abschneiden bei der WM und die Querelen danach um Ex-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht auch einen gehörigen Dämpfer der Euphorie, die nach der EM 2021 geherrscht hat?
Zunächst einmal war es für mich keineswegs überraschend, dass es da Konfliktpotenzial gegeben hat – durch die starke EM 2021 hatte man aber eben viel zu feiern. Aber: Die positive Entwicklung beschränkte sich nach diesem zweiten Platz nicht auf die Nationalmannschaft. Das sieht man an den Clubs, an den Zuschauerzahlen in der Liga und an den Highlight-Spielen, die nun endlich organisiert werden. Natürlich fehlt noch die Überzeugung, das regelmäßiger zu machen – aber man sieht: Wenn man ein Angebot gibt, wird es auch angenommen.
Zuversicht unter bestimmten Bedingungen
Das wurde früher anders gesehen?
Ja. Und zum Teil auch heute noch. Dann heißt es zu den Fußballerinnen immer: Bringt uns erst einmal die Fans in die großen Stadien, dann übertragen wir als TV-Sender auch die Spiele. Aber es setzt sich auch mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass man investieren und etwas anbieten muss, um Erfolg zu haben. Man muss das Tempo weiter anziehen. Wenn das gelingt, blicke ich sehr zuversichtlich, ja fast euphorisch in die Zukunft.
In der Frauen-Bundesliga spielen mittlerweile fast nur noch Clubs, die einem Männer-Erst- oder Zweitligisten zugehörig sind. Erhöht das die Chance für die Frauen, noch mehr an Wahrnehmung zu generieren?
Das ist auf jeden Fall ein Weg für die Entwicklung, es gibt aber auch andere. Denn es gibt in diesem Zusammenhang ja auch negative Beispiele – wie zuletzt den MSV Duisburg. Da ist der Erfolg der Männermannschaft ausgeblieben (Anmerk. d. Red.: Abstieg aus der Dritten Liga) und die Frauen wurden aufgrund fehlender finanzieller Mittel aus der zweiten Liga abgemeldet. Diese Abhängigkeit darf nicht sein, da braucht es unabhängige Budgettöpfe.
In den Führungsebenen dieser ganzen Vereine sind Frauen deutlich unterrepräsentiert.
Das stimmt, da ist die Tür immer noch meist fest verschlossen. Aber ich glaube, auch hier könnten Frauen einiges bewegen. Ich selbst merke das ja derzeit in meiner Rolle als Investorin beim FC Viktoria Berlin. Wir können überzeugen, Türen öffnen, Innovationen schaffen.
Der Männer-Drittligist FC Ingolstadt hat Sabrina Wittmann zur Cheftrainerin gemacht. Marie-Luise Eta war in der vergangenen Saison Co-Trainerin beim Männer-Bundesligisten FC Union Berlin – wie hilfreich sind diese Signale?
Diese Beispiele helfen ganz grundsätzlich allen Beteiligten. Es ist ja schließlich wissenschaftlich bewiesen, dass es für wirklich erfolgreiches Arbeiten Diversität braucht. Männer bringen bestimmte Themen ein, Frauen bringen bestimmte Themen ein. Diese Breite an Perspektiven zu nutzen, um maximalen Erfolg anzustreben ist doch genau richtig. Ich bin dankbar, dass es jetzt in Einzelfällen geschieht.
Aber?
Das System an sich versucht das ja immer noch zu verhindern. So halte ich, zum Beispiel, die Zulassungskriterien für die Ausbildung zum Fußballlehrer und zur Fußballlehrerin für Frauen absolut diskriminierend. Aber dann wundert man sich, dass oben keine Top-Trainerinnen ankommen. Umso mehr freuen mich die beiden Beispiele, die Sie genannt haben – weil ich weiß, wie hartnäckig die beiden um diese Chancen kämpfen mussten.
Ex-Spielerin und Expertin
Karriere
Tabea Kemme spielte als Abwehrspielerin 157 mal für den 1. FFC Turbine Potsdam (27 Tore) und 47 mal für die deutsche Nationalmannschaft (6). Am 14. Januar 2020 gab sie aufgrund einer langwierigen Knieverletzung ihr vorzeitiges Karriereende bekannt.
Privat
Kemme wurde am 14. Dezember 1991 in Stade geboren. Sie tritt heute als Fernseh-Expertin auf.