Eisschnelllauf bei Olympia 2018 Die Eis-Eiligen aus den Niederlanden

Von Jochen Klingovsky 

Eisschnelllaufen ist Volkssport und die Niederländer dominieren diese Disziplin auch bei den Spielen in Pyeongchang. Nach fünf Goldmedaillen hat wieder ein Niederländer gewonnen – diesmal aber für Kanada.

Rasantes Tempo: Goldmedaillengewinner Kjeld Nuis Foto: Getty
Rasantes Tempo: Goldmedaillengewinner Kjeld Nuis Foto: Getty

Pyeongchang - Wer sich in der Mixed-Zone im Bauch der olympischen Eisschnelllaufhalle umschaut, der wundert sich. Hier stehen erstaunlich viele Menschen herum, die gekleidet sind, als wären sie bei Sommerspielen. Turnschuhe, dünne Jeans, Polo-Shirt, leichte Jacke – das fühlt sich doch etwas seltsam an angesichts der Temperaturen in Pyeongchang. Oder auch nicht. Denn es ist die Arbeitskleidung der niederländischen Journalisten. Und die arbeiten nur drinnen. Unterm Dach. Viel zu tun haben sie trotzdem. Denn sie kommen aus einer Wintersport-Nation. Dank einer Sportart: Eisschnelllauf.

Die Konkurrenten auf dem Eis sahen nur noch orange

Bei den Olympischen Spielen 2014 fuhren die holländischen Kurvenflitzer reiche Beute ein. Sie holten 23 von 32 möglichen Podestplätzen – und alle acht goldenen Plaketten. Die Konkurrenten auf dem Eis sahen nur noch orange. Im Medaillenspiegel lag die Eine-Sportart-Nation vor Deutschland. Unglaublich? Dachten sich die Niederländer auch. Und kühlten die Emotionen herunter. Für Pyeongchang gaben sie ein bescheidenes Ziel aus. Neun bis 15 Medaillen sollten es sein, was bedeutet: Ziel bereits erreicht. Die Bilanz nach fünf Rennen: Fünf Siege, dazu vier Podestplätze (plus zwei im Shorttrack). „Eine Nation ohne Eis und Schnee dominiert die Spiele“, schrieb die Zeitung „AD“: „Für ein Land, in dem Wasser seit Menschengedenken nicht mehr zufrieren will, läuft es nicht schlecht bei Olympia.“ In der Tat ist diese Siegesserie unglaublich, und sie wird noch unglaublicher durch die Tatsache, dass sie nun ein Niederländer beendet hat.

Ted-Jan Bloemen bricht die Siegesserie

Ted-Jan Bloemen (31) heißt der Mann, geboren in Leiderdorp. Und im Juni 2014 ausgewandert nach Kanada. Aus Frust. Am Donnerstag holte er mit olympischem Rekord (12:39,77 Minuten) Gold über 10 000 Meter, vor dem Niederländer Jorrit Bergsma (12:41,98). Was für eine Genugtuung! Bloemen, den sie in seiner neuen Heimat nur „TJ Flowers“ nennen, war in den Niederlanden nicht gut genug. Er träumte von Titeln, Rekorden und Medaillen, doch in seiner Heimat war er nur einer von vielen. Nach Sotschi reisten andere, kurz darauf flog er über den großen Teich, ins Geburtsland seines Vaters Gerhard-Jan. „Ich hätte mehr Zeit gebraucht“, sagt Bloemen, „und ein Team, das mir diese Zeit gibt. In Holland habe ich es nicht gefunden.“ Auswandern als Ausweg. Nun ist Bloemen am Ziel. Er hat Sven Kramer geschlagen.

Kramer (31) ist der Superstar des Eisschnelllaufs. Eine lebende Legende. Viermaliger Olympiasieger, 25-maliger Weltmeister. In Pyeongchang holte er Gold über 5000 Meter, und sogar König Willem-Alexander verneigte sich vor dem Eisregenten: „Wer dreimal hintereinander Gold über 5000 Meter gewinnt, ist ein Held.“ Jeder dachte, Kramer würde seine Karriere nun im Rennen über die Königsdistanz komplettieren. Endlich. Vor acht Jahren in Vancouver hatte er nicht gewonnen, weil er von seinem Trainer auf die falsche Spur eingewiesen worden war. Und 2014 in Sotschi ist Bergsma schneller gewesen. In Pyeongchang sollte endlich das letzte Gold her, das in seiner Sammlung noch fehlt. Doch Kramer erlebte einen Einbruch, wurde nur Sechster, einen Rang vor Patrick Beckert. „So schwach habe ich Kramer noch nie gesehen“, sagte Bundestrainer Jan van Veen. Auch Beckert fand keine Erklärung: „Für mich bleibt er trotzdem der größte Eisschnellläufer der Geschichte.“ Und ein wichtiger Teil des niederländischen Eisschnelllauf-Wunders.

Auch in Sotschi dominierten die Niederländer

Oder ist es gar kein Wunder? Ist alles erklärbar? Die Medaillenflut, die Chancenlosigkeit der Konkurrenten. Nie in der olympischen Geschichte hat eine Nation eine Sportart so dominiert wie die Niederländer 2014 in Sotschi den Eisschnelllauf. Auf der Suche nach den Gründen geriet US-Fernsehmoderatorin Katie Couric dieser Tage ins Schlingern. Sie hatte versucht, die NBC-Zuschauer über die Stärke der Niederländer aufzuklären: „Das liegt daran, dass das Schlittschuhlaufen in Städten wie Amsterdam eine wichtige Fortbewegungsmethode ist. Im Winter können viele Kanäle zufrieren. Seit dem Bestehen der Kanäle haben die Niederländer sie genutzt, um sich gegenseitig zu besuchen und gemeinsam Spaß zu haben.“ Mittlerweile hat sich Couric für diese, sagen wir: eher einfache Sichtweise entschuldigt. Sie habe sich „auf dünnes Eis begeben“. Auch die Zeitung „The Guardian“ beschäftigte sich mit der These von Couric – und meinte voller Ironie: „Dieses ganze Eislaufen muss harte Arbeit sein, wenn man stoned ist, Cloggs trägt, einen Strauß Tulpen und einen Edamer trägt – auf dem Weg zur Arbeit in der Windmühle.“

Training im Kollektiv macht stärker

Wer eine ernsthafte Antwort will, fragt am besten Jan van Veen. Der Bundestrainer ist selbst Niederländer, kennt das System perfekt. Und sagt: „Das wichtigste ist, sich im Training immer und immer wieder mit vielen anderen starken Athleten zu messen.“ Jede Übungseinheit ein eigener Wettkampf. Nirgendwo geht das so gut wie in den Niederlanden. Eisschnelllaufen ist dort Volkssport, es gibt Talente ohne Ende. Vor einer Woche nahmen an der deutschen Meisterschaft sechs A-Juniorinnen teil, in Holland braucht es vor den nationalen Titelkämpfen in dieser Altersklasse eine Qualifikation – zu der 80 Mädels starten. „Es gibt dort viel, viel mehr Talente“, erklärt Patrick Beckert. „Dementsprechend breit besetzt ist die Spitze.“

Dazu kommt eine perfekte Trainerausbildung, eine Vielzahl an qualitativ guten Übungsleiter für den Jugendbereich, große und (auch finanziell) hervorragend ausgestattete Nachwuchsleistungszentren, eine super Infrastruktur mit zehn großen, überdachten Eisschnelllaufhallen. „Aber das alles würde nicht reichen, wenn die niederländischen Top-Athleten nicht im Kollektiv trainieren würden“, sagt Jan van Veen.

Athleten organisieren sich selbst

Die Profis haben mittlerweile acht Teams gegründet, in denen sich bis zu elf, zwölf Athleten selbst organisieren, vom Training bis zur Sponsorensuche. Ähnlich wie im Radsport. Der Sponsor „Lotto NL-Jumbo“ unterstützt neben seiner Eisschnelllauf-Crew auch eine Rad-Equipe. Weil Wissen transferiert werden kann, profitieren alle. Da die Strukturen im Vergleich zum Radsport ähnlich und die Eisschnellläufer so erfolgreich sind, wird von niederländischen Medien wie von Konkurrenten immer mal wieder mehr oder weniger offen die Frage gestellt, ob bei den Kurvenflitzern denn alles sauber zuginge. Die Antwort: Bisher gibt es nicht den kleinsten Beleg für flächendeckenden Betrug.

Weshalb vorerst nichts dagegen spricht, dass die Niederländer in Pyeongchang eine neue Siegesserie starten. Sieben Rennen stehen noch aus. Die niederländischen Journalisten werden also auch weiterhin ordentlich zu tun haben. Und aufpassen müssen, dass sie im südkoreanischen Winter nicht ins Schwitzen kommen.