Olympische Krise Missbrauchte Spiele
Dopingskandale, Kommerzialisierung, politische Einflussnahme: Die Olympische Bewegung steckt in einer fundamentalen Krise. Sie ist in großen Teilen selbst verschuldet, meint StZ-Autor Michael Maurer.
Dopingskandale, Kommerzialisierung, politische Einflussnahme: Die Olympische Bewegung steckt in einer fundamentalen Krise. Sie ist in großen Teilen selbst verschuldet, meint StZ-Autor Michael Maurer.
Stuttgart - Der Weltgeist zeigt sich mal wieder von seiner ironischen Seite: Ausgerechnet „Friede und Gedeihen“ heißt der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2018, Pyeongchang, wörtlich übersetzt. Nichts liegt näher an den Idealen der olympischen Bewegung als Friede und Gedeihen. Nichts liegt in der olympischen Wirklichkeit aber ferner als dieses Begriffspaar. Friede ist weder innerhalb noch außerhalb der olympischen Gemeinde in Sicht. Gedeihen trifft es allenfalls dann, wenn man die überbordende Kommerzialisierung positiv sieht. Die Diskrepanz zwischen Idee und Realität lässt sich beliebig fortführen. Etwa mit dem scheinheiligen Kampf des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegen Doping, wie der Umgang mit dem russischen Betrug bei den Winterspielen in Sotschi 2014 zeigt.
Dass die olympische Bewegung, deren Charta die „harmonische Entwicklung des Menschen“ als Ziel formuliert, um „eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist“, in einer fundamentalen Krise steckt, hat jedoch auch systemimmanente Gründe. Denn die olympische Idee wurde von Anfang an politisch instrumentalisiert. Baron Pierre de Coubertin, der Gründer der neuzeitlichen Spiele, war ein großer Idealist – und gleichzeitig ein großer Patriot.
Die Olympischen Spiele waren für ihn auch ein Mittel, um das Nationalgefühl der Franzosen durch den sportlichen Wettkampf mit anderen Nationen anzustacheln. Olympische Spiele als politisches Vehikel, dafür stehen vor allem die Sommerspiele 1936 in Berlin, die von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurden. Dafür stehen – wenngleich in anderen Dimensionen – die Boykotte der Spiele 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles, die Sommerspiele 2008 in Peking oder die Putin-Spiele 2014 in Sotschi. Nur wenige Tage nach deren Ende annektierte Russland die Krim.
Pyeongchang setzt diese Reihe fort. Die Winterspiele werden von Nordkorea benutzt, um durch die Entsendung von Sportlern, Zuschauern und Showgruppen eine Annäherung in einem der gefährlichsten Konflikte der Welt zu demonstrieren. Diktator Kim Jong-un nutzt die Gelegenheit, das Image Nordkoreas vor einem Milliardenpublikum aufzupolieren – und das IOC lässt ihn gewähren, es bricht für ihn sogar die olympischen Regeln. Was Kim davon hält, hat er mit einer großen Militärparade deutlich gemacht, einen Tag bevor Süd- und Nordkoreaner gemeinsam bei der Eröffnungsfeier der Spiele aufgetreten sind. Perfider geht es kaum.
Die olympische Bewegung steht der Okkupation ihrer Spiele nicht nur machtlos gegenüber, sie hat sie auch befördert. Der Gigantismus bewirkt, dass immer weniger Länder Olympische Spiele ausrichten wollen oder können. In die Lücken stoßen vermehrt autokratisch regierte Staaten, die mit einer Bewerbung ihre eigene, nicht unbedingt olympische Agenda verfolgen. Zudem ist das IOC keine politische Organisation, es wird in der Weltpolitik nicht wirklich ernst genommen. Auch weil die mangelnde Integrität seiner Spitzenfunktionäre, deren Servilität gegenüber den Mächtigen sowie Korruption in den eigenen Reihen die Glaubwürdigkeit untergraben.
Olympische Spiele sind zum Spielball unterschiedlichster Interessen geworden. Ihren Kern haben sie noch bewahrt, wie die die ungebrochene Faszination zeigt, die sie auf Sportler und Zuschauer ausüben. Doch mit jeder Olympiade wird das Netz brüchiger, das die Idee zusammenhält. Es wäre die Aufgabe des IOC, dem entgegen zu wirken, die eigenen Prinzipien höher zu bewerten als Profit und scheinbare Macht. Wenn nicht aus ideellen Überlegungen, die für viele Funktionäre ohnehin hohle Phrasen sind, dann vielleicht aus ökonomischen: Verliert Olympia irgendwann sein universelles Ideal völlig, ist es nicht mehr zu vermarkten. Das spürt dann sogar das IOC.